Maigret als möblierter Herr

Erschienen: Januar 1957

Bibliographische Angaben

  • Paris: Presses de la Cité, 1951, Titel: 'Maigret en meublé', Seiten: 223, Originalsprache
  • Köln; Berlin: Kiepenheuer & Witsch, 1957, Seiten: 188, Übersetzt: Jean Raimond
  • München: Heyne, 1967, Seiten: 140, Übersetzt: Jean Raimond
  • Zürich: Diogenes, 1979, Seiten: 199, Übersetzt: Wolfram Schäfer
  • Zürich: Diogenes, 2009, Titel: '3', Seiten: 195, Übersetzt: Wolfram Schäfer, Bemerkung: Sämtliche Maigret-Romane in 75 Bänden, Bd. 37

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Wolfgang Reuter

Buch-Rezension von Wolfgang Reuter Mai 2003

Maigret, ein Kommissar in Paris, ist Strohwitwer. Seine Frau besucht ihre Schwester, die sich in einem Krankenhaus im Elsaß einer Operation unterziehen muss. Er weiß mit seiner Zeit nicht viel anzufangen, da erhält er einen Anruf, dass Inspektor Janvier, einer seiner liebsten Kollegen, angeschossen wurde.
Janvier tat Dienst in der kleinen pariser Pension der Mademoiselle Clément im Zusammenhang mit einem Raub in einem Nachtlokal.

Über den Hinweis einer Toilettenfrau konnte er den Aufenthaltsort eines der Täter in ebendieser Pension ausforschen und fand dort einen Teil des geraubten Geldes und einen Spielzeugrevolver, aber nicht der Täter. Die Polizei bewachte das Haus rund um die Uhr, bis eines Abends der diensthabende Janvier auf dem Bürgersteig vor der Pension durch einen Schuss in die Lunge lebensgefährlich verletzt wird. Er überlebt nach einer Notoperation.

Maigret schaltet sich in den Fall ein, nützt seine Situation als Strohwitwer und mietet sich ein Zimmer - als "möblierter Herr" - bei Mademoiselle Clément, um in unmittelbarer Tatortnähe seine Ermittlungen anzustellen. Er beobachtet und befragt andere Gäste im Haus und Nachbarn aus der Umgebung, wobei die Pensionswirtin eine zentrale Rolle spielt. Er blickt hinter die Fassade mancher Menschen und ihrer alltäglichen Handlungen, manche Abgründe tun sich auf, und plötzlich erhält die Geschichte eine entscheidende, unerwartete Wendung...

Bei Simenon darf man sich keine "Action", hohes Tempo oder übersteigerte Brutalität erwarten. Er schreibt quasi mit allen Sinnen, auch Maigret ist auf seine Weise ein "sinnlicher" Mensch.

Bezeichnend dafür ist, auf welche Weise er dem Täter auf die Spur kommt: Er mietet ein Zimmer in der Pension am Tatort und nimmt, oft einfach am Fenster stehend, die optischen und akustischen Eindrücke der unmittelbaren Umgebung auf, die täglichen Handlungsabläufe der Menschen, in der Pension, im Haus gegenüber, auf der Straße, bis er ein vollständiges Bild gewonnen hat. Er sieht, registriert und analysiert die kleinsten Veränderungen, um Hinweise zu bekommen.

Dabei gelingen Simenon oft erstaunliche, eindrucksvolle Stimmungen wie etwa die Szene, in der Maigret in der Nacht, schlaflos am Fenster stehend, alle Geräusche und Farben der Umgebung in sich aufnimmt und daraus die Handlungen der Menschen ableitet. Manches erinnert dabei auch gelegentlich an die Tätigkeit eines Malers, oder an Filmszenen von Jaques Tati. Doch diese Dinge stehen nie im Vordergrund, sind nie Selbstzweck, die Sprache ist immer einfach, schlackenlos, und doch ausdrucksstark.

Hier und da zeichneten sich im Schwarz der gegenüberliegenden Häuser mehr oder weniger hell erleuchtete Rechtecke ab, nicht viele, fünf oder sechs, und manchmal erlosch eines von ihnen; Schatten bewegten sich lautlos hinter Gardinen oder Vorhängen.
Genauso mußte es an jenem Abend gewesen sein, als der arme Janvier über den Bürgersteig patrouilliert war.
Er hörte Geräusche am unteren Ende der Straße, dann Stimmen, die zwischen den Häuserwänden eigenartig hallten, eine Männer- und eine Frauenstimme. Man konnte beinahe verstehen, was sie sagten. Sie hatten sich untergehakt. Sie blieben zwei Häuser weiter unten stehen. Eine Hand zog an einer Klingelschnur, bald darauf verschwand das Paar, und eine Tür fiel schwer ins Schloß.

Simenon liebt seine Figuren, keine ist ihm gleichgültig, jede hat ihr eigenes, oft berührendes Schicksal, und auch der Täter wird nicht als hassenswerter Mensch dargestellt, sondern fast bedauernswert in seinem verpfuschten Leben, verstrickt in eine unglückliche Liebe.

Dieses Buch habe ich zum 100. Geburtstag von George Simenon (geb.13.2.1903) gelesen, es war mein erster Maigret, und er hat mich nicht enttäuscht. Leichte, angenehme Lektüre, auch zum Schlafengehen geeignet, immer hohes sprachliches Niveau, oft feiner Humor, menschliche Zeichnung der Charaktere. Jedoch auch für Leser, die Simenons sprachliche Imaginationskraft zu schätzen wissen. Nichts aber für Ungeduldige mit hoher Reizschwelle.

Maigret als möblierter Herr

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