Maigret contra Picpus

Erschienen: Januar 1961

Bibliographische Angaben

  • Paris: Gallimard, 1944, Titel: 'Signé Picpus', Originalsprache
  • Köln; Berlin: Kiepenheuer & Witsch, 1961, Titel: 'Maigret verschenkt seine Pfeife', Seiten: 156, Übersetzt: Hansjürgen Wille & Barbara Klau
  • München: Heyne, 1966, Titel: 'Maigret verschenkt seine Pfeife', Seiten: 141, Übersetzt: Hansjürgen Wille & Barbara Klau
  • Zürich: Diogenes, 1982, Seiten: 180, Übersetzt: Hainer Kober
  • Zürich: Diogenes, 2008, Seiten: 174, Übersetzt: Hainer Kober, Bemerkung: Sämtliche Maigret-Romane in 75 Bänden, Bd. 23

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Wolfgang Reuter
Ein vergnüglicher, spannender Leseabend

Buch-Rezension von Wolfgang Reuter Mai 2003

An einem heißen Sommertag in Paris, nachmittags gegen fünf Uhr, wünscht sich Kommissar Maigret nichts lieber als ein ordentlich gezapftes Bier. Doch daraus wird nichts - denn ein geheimnisvoller "Picpus" hat Tags zuvor einen Mord angekündigt:

 

"Morgen Nachmittag um fünf töte ich die Wahrsagerin. Gezeichnet: Picpus"

 

Diese Nachricht fand der Angestellte Mascouvin unter merkwürdigen Umständen in einem Café. Und so wartet Maigret, schwitzend, im Kommissariat, während die Polizei vierhundertzweiundachtzig Hellseherinnen überwacht. Das ist keine Kleinigkeit, und die ironischen Kommentare seiner Kollegen bis zum Direktor machen ihn langsam ungeduldig.

Doch da kommt die Nachricht: Tatsächlich ist eine Wahrsagerin ermordet worden, aber eine ganz andere, nicht registrierte und daher nicht von der Polizei überwachte. Maigret eilt zum Tatort und findet neben der toten Mademoiselle Jeanne auch einen alten Mann in der Küche, hinter der versperrten Türe. Verwahrlost, unrasiert, geistesabwesend. Es ist Octave le Cloaguen, ein Schiffsarzt im Ruhestand. Er behauptet, von nichts zu wissen und wirkt völlig ruhig. Was macht er dort Doch als alle zu seiner Wohnung fahren, ergreift ihn Panik. Warum?

Seine Frau und seine Tochter behandeln ihn wie einen Aussätzigen, behaupten, er sei verrückt. Ist er das wirklich?

Obwohl er wohlhabend ist, muss er in einem schlechten Zimmer schlafen, offenbar nachts eingesperrt, er zieht durch die Straßen wie ein Bettler. Irgendetwas stimmt hier nicht. Da begeht Mascouvin einen Selbstmordversuch.

Maigret beginnt die ersten Spuren aufzunehmen: Geld, das nie unterschlagen wurde, ein Mann im grünen Cabriolet, den keiner kennt, die gefälschten Hechte des Hobbyfischers, die unerklärliche Schicksalsergebenheit des Schiffsarztes, die merkwürdige Bridgerunde der Comtesse, das Rätsel um Picpus. All das und noch mehr führt schließlich dazu, dass Madame Maigret öfters auf ihrem Abendessen sitzen bleibt und des Nachts allein in ihrem Bett liegt...

Maigret ist ein Einzelgänger. Er verfolgt Spuren intuitiv, lässt seine Kollegen und auch seinen Chef, den Kriminaldirektor, dabei öfters im Unklaren. Natürlich auch den Leser, aber das macht die Sache erst so richtig spannend. Er ist eigentlich nicht teamfähig, weder beruflich, noch privat. Doch am Quai des Orfévres verlässt man sich meist auf seine Qualitäten, und zu Hause waltet das unerschütterliche Bollwerk Madame Maigret.

Seine Arbeitsweise ist charakteristisch: Indizien, die von anderen vernachlässigt wurden, seine außerordentliche Intuition, seine Fähigkeit, sich in Situationen anderer zu versetzen. Gelegentliche Verstöße gegen die Dienstvorschriften. Für ihn sind die Fälle "... ein seltsames Spiel, in dem die Menschen Schachfiguren waren und in dem er geduldig jede Figur auf den richtigen Platz rückte".

Simenon ist immer sehr angenehm zu lesen. Er verschwendet keine Zeit, die Bücher sind relativ schmal, die Sätze kurz. Er formuliert klar und prägnant, eigentlich fast wie ein Drehbuch. Unvollständige Sätze, unterbrochen von kurzen Dialogen und Überlegungen, alles treffsicher platziert. Schnitt. Kameraschwenk. Szenenwechsel. Der Leser begleitet Maigret in seinen Überlegungen, diese sind aber zunächst gar nicht so klar nachzuvollziehen - "...es hat den Anschein...es entstand der Eindruck..." - das sind sehr häufige Formulierungen. Und das steigert auch die Spannung und das Lesevergnügen.

Simenon widmet viel Zeit der psychologischen Darstellung seiner Figuren, deren Milieus und den Ursachen ihrer Handlungen. Scharfsichtig, aber illusionslos. Warmherzig, aber ohne Mitleid. Die Handlung nimmt überraschende Wendungen, neue Personen und Fakten tauchen auf, menschliche Abgründe tun sich auf, das Böse kommt ans Licht. Und Maigret leidet an der Dummheit der Menschen.

Georges Simenon ist ein Meister im Erzeugen einer ganz eigenen Atmosphäre, man spürt die Hitze, den Durst nach einem Bier, die frische Luft nach einem Gewitterregen. Ein Maigret - das ist einfach ein vergnüglicher, spannender Leseabend.

Maigret contra Picpus

Maigret contra Picpus

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Letzte Kommentare:
18.10.2017 17:59:47
Torsten Janssen

Habe mir diesen Maigret nocheinmal zur Gemüte geführt und festgestellt, das er sicherlich zu den besten Maigrets gehört. Allerdings mußte ich feststellen, dass in einigen Maigrets ähnliche Elemente gibt. Genau wie später in "Maigret stellt eine Falle" kommen in diesem Maigret zwei fürchterlich zähnkische, eine Mann beherrschenden Frauen vor. Maßloser Hass glimmt aus ihren Augen und sie haben allerdings unterschiedliche Motivation. In diesem Fall geht es um schnöde, nicht durch Arbeit erworbene Geld. Trotzdem: ein Dank an Georges Simenon. Gruß Torsten Janssen

30.04.2016 00:20:05
christian naton

Dieser Maigret ist wirklich sehr gut, spannend und mit überraschenden Wendungen. Mit Agatha Christie oder Conan Doyle hat das rein gar nichts zu tun, Simenon bietet zeitlos gültige Menschenstudien und Analysen unserer eigenen Gefühle. Der alte Octave in diesem Roman ist eine grandiose Figur, und Maigrest Sorge um ihn absolut warmherzig. Es gehört zu Simenons Eigenarten, auf Nebenhandlungen fast ganz zu verzichten, aber diesem schönen Roman hätte man gern noch 20 bis 30 weitere Seiten gegönnt: Ein sehr guter Roman, und nur in zweiter Linie ein Krimi, aber auch ein guter.

12.09.2007 10:54:43
Andreas Günther

Auch ich finde, dass "Maigret contra Picpus" ein großartiger Maigret-Roman ist. Aber aus etwas anderen Gründen als Dr. Reuter.

Auf den ersten Blick mag Simenons Stil filmisch wirken. Bei näherer Betrachtung scheint es miwr jedoch das Gegenteil davon zu sein. Denn alles, was Simenon beschreibt, geht durch den Wahrnehmungsfilter von Maigret. Es gibt keine "objektive" Sphäre, in der etwas geschieht. Alles ist "subjektiv" - es geschieht nur etwas, insofern es von Maigret beobachtet und empfunden wird. Diese Innenwelt ist aber die ureigene Domäne der erzählenden, psychologischen Literatur. Sie in Filmbilder zu übertragen, kann nur scheitern. Große Regisseure, die das mit Simenon versucht haben, sind deshalb meist unzufrieden mit dem Ergebnis ihrer Arbeit. Was Simenon so besonders mache, klagte einmal der Gangsterfilm-Regisseur Jean-Pieree Melville, verflüchtige sich bei der filmischen Umsetzung. Umgekehrt hat Simenon zwar Vorlagen für unzählige Filme geliefert, aber, wie ich meine, nicht ein einziges Drehbuch verfaßt.

Was ich meine, läßt sich am besten mit der Schlüsselszene des Romans belegen, in der Octave le Cloaguen Panik ergreift. Maigret beobachtet das langsame Emporsteigen dieser Panik - aber nicht nur mit den Augen, sondern gleichsam mit seiner Intuition und seiner Wahrnehmung des Geruchs der Angst - Momente, die das Medium Film per se nicht transportieren kann. Auch die Beobachtung, wie sich ganz langsam ein Schweißtropfen auf Cloaguens Stirn bildet und sich ablöst, ist fast eher mit dem Gefühl gesehen. Wollte man trotzdem die Entwicklung eines Schweißtropfens in einem Kriminalfilm darstellen, hätte das eher einen komischen als einen spannungssteigernden Effekt.

"Maigret contra Picpus" hat aber noch eine ganz andere Besonderheit. Vielleicht kann man die Maigret-Romane in drei Epochen mit drei unterschiedlichen Schwerpunkten unterscheiden: In den dreißiger Jahren konzentriert sich Simenon in den Maigret-Geschichten auf den Täter, in den vierziger Jahren auf die Gesellschaft und ab den fünziger Jahren auf die Ergründung des Lebens der Opfer als Weg zur Lösung eines Falles.

Gerade in "Maigret contra Picpus" tritt die Idiotie der Behörden-Vertreter, mit denen Maigret zusammenarbeiten muss, stark in den Vordergrund. Auf humorvolle Weise wird hier ins Licht gerückt, was in anderen Maigret-Romanen aus der Zeit der deutschen Besatzung deutlicher zutage tritt als vorher oder nachher im Werk Simenons: die innere Zerrüttung der französischen Gesellschaft, deren bourgeoise Eliten als korrupt, debil oder nur einfach unfähig dargestellt werden. Das ist interessant zu erfahren, einerseits. Andererseits rückt Simenon, dessen Werke aus den dreißiger und vierziger Jahren nicht frei von antisemtischen Zügen sind (z. B. "Unbekannte im Haus" oder "Pietre der Lette"), damit in die unerfreuliche Nähe von Schriftstellern, die mit den deutschen Besatzern sympathisierten, weil sie die französische Gesellschaft als verdorben und 'erneuerungsbedürftig' einschätzten.

18.01.2005 16:47:04
Torsten Janssen

Übrigens würde ich "Maigret contra Pipcus" als Einsteiger Maigret empfehlen, da er wirklich einer der besten ist und die Lebensumstände Maigrets u.a. am Quai des Orfevres und in seiner Wohnung gut vorstellen. Die Maigrets sind von sehr unterschiedlicher Qualität. "Maigret in der Liberty Bar" sei nur Enthusiaten zu empfehlen.

06.01.2005 17:03:14
Torsten Janssen

Da kann ich meinem Vorredner nur beipflichten. Jedes einzelne Kapitel ist interessant. Bei diesem Maigret kommt neben, der wie immer bei Simenon anschaulichen und frz-Lebensstil vermittelnen Umgebungsbeschreibung auch noch der "Who-dun-it"("wer wars?") Effekt hinzu, von seiner großen Kollegin Agatha Christie ersonnen (Sind die sich eigentlich je begegnet?). Dieser Effekt ist natürlich nicht bei allen Simenons der Fall; bei "Maigret und der Spitzel" kommen eigentlich nur 3 als Mörder in Frage, und am Ende wird nicht einmal entschlüsselt wer es nun genau war. Aber dieser Maigret ist wirklich super! Gruß

06.10.2003 22:12:48
Kai Luehrs-Kaiser

Einer der besten Maigrets.