Mord im Orientexpress

Erschienen: Januar 1934

Bibliographische Angaben

  • New York: Dodd, Mead & Company, 1934, Titel: 'Murder in the Calais Coach', Seiten: 254, Originalsprache
  • München: Goldmann, 1951, Titel: 'Der rote Kimono', Seiten: 203, Übersetzt: Elisabeth van Bebber
  • München: Goldmann, 1955, Titel: 'Der rote Kimono', Seiten: 188, Übersetzt: Elisabeth van Bebber
  • München: Goldmann, 1971, Titel: 'Der rote Kimono', Seiten: 178, Übersetzt: Elisabeth van Bebber
  • Bern; München; Wien: Scherz, 1985, Seiten: 222, Übersetzt: ?
  • München: Goldmann, 1986, Titel: 'Der rote Kimono', Seiten: 175, Übersetzt: Elisabeth van Bebber
  • Bern; München; Wien: Scherz, 1990, Seiten: 253, Übersetzt: Otto Bayer
  • Bern; München; Wien: Scherz, 1991, Seiten: 192, Übersetzt: Elisabeth van Bebber
  • München: Goldmann, 1997, Titel: 'Mord im Orientexpress. Der rote Kimono', Seiten: 175, Übersetzt: Elisabeth van Bebber
  • Bern; München; Wien: Scherz, 2001, Seiten: 253, Übersetzt: Otto Bayer
  • München: Der Hörverlag, 2003, Seiten: 3, Übersetzt: Stefan Wilkening, Bemerkung: gekürzte Fassung von Angela Thomae; aus dem Englischen von Anja Hansen-Schmidt
  • Marburg: Verl. und Studio für Hörbuchproduktionen, 2004, Seiten: 6, Übersetzt: Martin Maria Schwarz, Bemerkung: ungekürzt
  • Augsburg: Weltbild, 2005, Seiten: 206, Übersetzt: Otto Bayer
  • München: Der Hörverlag, 2006, Seiten: 3, Übersetzt: Stefan Wilkening, Bemerkung: gekürzte Fassung von Angela Thomae; aus dem Englischen von Anja Hansen-Schmidt
  • Frankfurt am Main: Fischer, 2009, Seiten: 361, Übersetzt: Otto Bayer

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Michael Drewniok
Dreckiges Dutzend im Edel-Express

Buch-Rezension von Michael Drewniok Jun 2003

Graf Rudolph und Gattin Helena Andrenyi aus Ungarn. Colonel Arbuthnot, britischer Kolonialoffizier in Indien. Mary Debenham, Erzieherin in Bagdad. Prinzessin Dragomiroff, russische Herrscherin im französischen Exil. Hildegarde Schmidt, ihre deutsche Zofe. Antonio Foscarelli, italienischer Kaufmann. Cyrus B. Hardman, US-amerikanischer Privatdetektiv. Seine Landsfrau Mrs. Hubbard, eine reiche Witwe. Samuel E. Ratchett, vermögender Geschäftsmann im Ruhestand. Hector MacQueen, sein Privatsekretär. Edward Masterman, Ratchetts Kammerdiener. Greta Ohlsson, schwedische Missions- Lehrerin: 13 nach Herkunft und Gesellschaftsschicht höchst unterschiedliche Passagiere des Schlafwagen-Abteils "Athen-Paris", angekoppelt an den Orientexpress, der die Strecke Istanbul-Calais in drei luxuriösen Tagen zurücklegen wird in diesem Winter des Jahres 1934.

Ebenfalls an Bord: Pierre Michel, altgedienter Schaffner, der etwas nervös ist, da sich sein Chef Monsieur Bouc, einer der Direktoren der mächtigen Internationalen Schlafwagengesellschaft, ebenfalls auf großer Fahrt befindet. Das ist allerdings noch seine geringste Sorge, wie sich zeigt, als zunächst der Express sich in einer Schneewehe irgendwo in der jugoslawischen Wildnis festfährt und dann Mr. Ratchett von zwölf Messerstichen durchbohrt tot in seinem Bett entdeckt wird.

Welch Zufall: Hercule Poiront weilt unter den Passagieren

Während der zufällig anwesende griechische Arzt Dr. Constantine Todeszeitpunkt und -ursache feststellen kann, müssen die polizeilichen Ermittlungen improvisiert werden. M. Bouc fürchtet den Skandal, aber das Glück ist ihm hold: Ein alter Freund weilt unter den Passagieren des Orientexpresses. Hercule Poirot ist einer der erfolgreichsten Kriminalisten der Welt. Er übernimmt die Herausforderung, den Mord an Ratchett zu klären, auf dass der oder die Täter bis zum Eintreffen der Polizei nicht auf Nimmerwiedersehen verschwinden können.

Ob Poirot sich damit nicht übernommen hat? Die Indizien am Tatort sind widersprüchlich und deuten auf bewusste Täuschungsmanöver hin. Dennoch steht bald fest, dass Ratchett selig niemand anderes als der berüchtigte Gangster Cassetti gewesen ist, der vor einigen Jahren in den USA dem Scharfrichter gerade noch entkam, nachdem man ihn der Entführung und Ermordung der dreijährigen Daisy Armstrong beschuldigt hatte. Poirots Ermittlungen fördern Erstaunliches ans Tageslicht. Alle Verdächtigen, die mit Ratchett im Zug reisten, scheinen irgendwie den Armstrongs nahe gestanden zu haben. Trotzdem dauert es einige Zeit, bis sogar der geniale Poirot begreift, dass er unfreiwillig Teil eines ausgefeilten Komplotts wurde, welches der Gerechtigkeit zum Sieg verhelfen sollte ...

Gemeuchelt hat stets der, dem man es am wenigsten zutraute

Einer der größten Klassiker des Thrillers überhaupt in Neuauflage; verfasst von Agatha Christie, der Königin des "Landhaus-Krimis" oder "Cozys". Auch wenn dieser zur Abwechslung auf Schienen spielt, ist die Konstellation dennoch bekannt: In einem abgeschlossenen Raum geschieht ein Mord; der Täter oder die Täterin muss sich unter den Anwesenden befinden, denen eine Flucht unmöglich ist. Ein schlauer Detektiv dröselt den verwickelten Fall gemächlich auf, bis er ihn im großen Finale vor allen andächtig Lauschenden löst; gemeuchelt hat stets jene/r, dem/der man es am wenigstens zutraute.

Das war schon 1934 wahrlich kein originelles Handlungsgerüst mehr. Wer wusste dies besser als Agatha Christie, die sich seiner seit ihrem Debüt als Schriftstellerin 1920 schon mehrfach selbst bedient hatte (und bis zu ihrem Tod 1976 dabei bleiben sollte)? Also versuchte sie nun etwas Neues, Originelles (was ihr die notorisch innovationsfeindlichen Cozy-Hardcorefans später nur noch selten vorwerfen konnten). Was dies ist, dürfte dem einigermaßen krimifesten Leser oder Filmfreund längst kein Geheimnis mehr sein. Es mag aber sein, dass es - zumal unter den jüngeren Krimifreunden - einige gibt, welche die (zumindest 1934) erstaunliche Auflösung noch nicht kennen. Ihnen sei hier daher der Spaß nicht verdorben.

Ein statisches Vergnügen mit den üblichen Verdächtigen

Abgesehen von seinem erstaunlichen (und trotz seiner Kompliziertheit sogar überzeugenden) Schluss ist "Mord im Orientexpress" ein erstaunlich statisches Vergnügen mit den üblichen Verdächtigen, falschen Alibis und Verwirrungen. Es geschieht im Grunde nichts; ein Mord geschieht in der Nacht, die Verdächtigen und der Detektiv sitzen im zur Unbeweglichkeit verdammten Luxuszug fest - und reden. Die Kunst der Agatha Christie manifestiert sich darin, trotzdem eine spannende und vor allem auch witzige Kriminalgeschichte zu Stande gebracht zu haben.

Der "Mord im Orientexpress"-Kinofilm von 1974 macht deutlich, worauf deren Erfolg basiert: Es sind die Beteiligten dieses Dramas, die sorgfältig so gestaltet wurden, dass sie einerseits als Individuen interessant wirken, die andererseits möglichst wenig miteinander verbindet. Da uns Christie bald darauf hinweist, dass letzteres ganz gewiss nicht zutrifft, bleiben wir Leser am Ball und werden mit dem bereits erwähnten Schlussgag reich belohnt.

Was hat die Entführung des Lindbergh-Babys damit zu tun?

Inspirieren ließ sich der Verfasserin übrigens von zwei realen Ereignissen. Da war zum einen die auch heute noch oft diskutierte Entführung des Lindbergh-Babys. Vater Charles hatte 1927 im Alleinflug den Atlantik überquert und war zum amerikanischen Nationalhelden geworden. 1932 wurde sein Sohn gekidnappt und trotz der Zahlung eines hohen Lösegeldes ermordet. Die Tat wird dem deutschen Einwanderer Bruno Hauptmann zugeschrieben, der dafür auf dem Elektrischen Stuhl endete. Zum anderen war Agatha Christie bekannt, dass der Orientexpress 1929 tatsächlich einmal an der türkischen Grenze eingeschneit wurde und sechs Tage auf offener Strecke liegen blieb.

"Mord im Orientexpress" wurde wie gesagt 1974 verfilmt. Das Ergebnis: kein cineastisches Meisterwerk, aber ein mit Stars des alten (u. a. Ingrid Bergman, Richard Widmark, Lauren Bacall) und (damals) aktuellen Hollywood (Sean Connery, Jacqueline Bisset, Michael York) gespicktes, zeitloses Ausstattungskino der Sonderklasse, dazu mit einem wie immer bemerkenswerten Albert Finney als Hercule Poirot. Der amerikanische Fernsehsender CBS ließ die Geschichte 2001 mit Alfred Molino in der Poirot-Rolle neu in Szene setzen; der Erfolg hielt sich in Grenzen.

Eine Denkmaschine ohne Eigenschaften

Hercule Poirot: trotz auffälliger Charakterzüge oder Macken eigentlich ein Mann ohne Eigenschaften; eine Denkmaschine, der man ein Privatleben nur zutraut, so lange es sich um feines Essen oder Bartpflege dreht. Aber ganz so einfach ist es nicht. Dieser M. Poirot ist ein durchaus manischer Zeitgenosse. Er löst seine Kriminalfälle primär um des eigenen Vergnügens wegen, wähnt sich über dem Gesetz stehend bzw. definiert Gerechtigkeit nach seinem Gusto: Wer der Täter ist, bestimmt vor allem und allen anderen Hercule Poirot. Das hat er mit Sherlock Holmes und den meisten anderen genialen Privatdetektiven gemeinsam.

Auf den treuen Captain Hastings - Poirots Watson - müssen wir dieses Mal verzichten. Kein Wunder, denn ein Chronist hätte diesen einzigartigen Fall von doppelter Selbstjustiz an die Öffentlichkeit gebracht, was schlecht für die Beteiligten gewesen wäre. Hastings wird "vertreten" durch den stürmischen M. Bouc, der sogar noch begriffsstutziger als Poirots üblicher Steigbügelhalter ist, aber des Detektives eigenwilliges Verständnis von Gerechtigkeit teilt. Dasselbe gilt für Dr. Constantine, dessen moralische Anpassungsfähigkeit Christie schon dadurch signalisiert, dass sie ihn von seiner Geliebten träumen lässt.

Ansonsten spielen die übrigen Beteiligten unserer Geschichte jeweils Rollen. Wie wir schließlich erfahren, tun sie dies nicht nur zu des Lesers Erbauung (steifer Brite; feuriger Ungar; aristokratisch verblühte Russin; heißblütiger Italiener; robuste Deutsche etc.), sondern auch aus deutlich finsteren Motiven. Unter ihnen ragt die trügerisch geschwätzige Mrs. Hubbard hervor, die im Film (s. o.) kongenial von Lauren Bacall verkörpert wurde.

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