Das Geheimnis der Schnallenschuhe

Erschienen: Mai 2021

Bibliographische Angaben

  • Originalausgabe erschienen unter dem Titel „One, Two, Buckle My Shoe”

    - London : Michael Collins/The Collins Crime Club 1940

    - New York : Dodd, Mead and Company 1941

    - Bern : Scherz Verlag 1951 (Die Schwarzen Kriminalromane 39). Übersetzung: N. N. 192 S. [keine ISBN]

    - Frankfurt/Main : Fischer Verlag 2006. Übersetzung: Ursula von Wiese. 206 Seiten. ISBN-13: 978-3-596-17309-9

    - Hamburg : Atlantik Verlag/Hoffmann und Campe Verlag 5. Mai 2021. Übersetzung: Michael Mundhenk. 264 Seiten. ISBN-13: 978-3-455-01085-5

    - Hamburg : Atlantik Verlag/Hoffmann und Campe Verlag Mai 2021 [eBook]. Übersetzung: Michael Mundhenk. 0,6 MB [ePUB]. ISBN-13: 978-3-455-01086-2

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Michael Drewniok
Poirot löst das Rätsel des toten Zahnarztes

Buch-Rezension von Michael Drewniok Mai 2021

Hercule Poirot, der in Belgien geborene, aber schon lange in England ansässige Privatermittler, teilt durchaus die Meinung von Zeitgenossen, die sein Genie als Kriminalist feiern. In einem Punkt ist er jedoch ganz Mensch geblieben: Der anstehende Besuch beim Zahnarzt sorgt für weiche Knie! Dabei ist Dr. Henry Morley ein Meister seines Fachs, weshalb die Behandlung schmerzfrei abläuft und Poirot wie auf Wolken nach Haus schwebt.

Dort ruft ihn nur Stunden später Chief Inspector Japp an: Der alte Vertraute und Freund steht neben Morleys Leiche, denn der Zahnarzt hat sich offenbar eine Kugel in den Kopf gejagt. Niemand kann dafür einen Grund nennen. Morleys Finanzen sind in Ordnung, Feinde hatte er nicht. Dieser Punkt wird wichtig, als klar ist dass der Dentist umgebracht wurde. Einer der Patienten, die in seinem Wartezimmer saßen, muss ihn erschossen haben. Da Poirot unter ihnen war, ist sein Ehrgeiz geweckt. Rasch sorgt der Fall für neue Rätsel, denn ausgerechnet einer der verdächtigen Patienten stirbt kurz nach dem Arzt, und eine weitere Patientin verschwindet spurlos.

Ist ein Komplott fehlgeschlagen, das eigentlich auf den auch politisch mächtigen Finanzmagnaten Alistair Blunt zielte, der sein Gebiss ebenfalls von Morley warten ließ? Scotland Yard muss sich zurückhalten, als sich der Geheimdienst einmischt. Poirot kann man auf diese Weise nicht kontrollieren: Er setzt seine Ermittlung fort, obwohl man ihm anonym eindringlich davon abrät und er sich in einer Parallelwelt wiederfindet, die von Agenten, Fanatikern und Attentätern bestimmt wird …

Ein Schuh als Inspiration

1940 hatte Agatha Christie als Schriftstellerin einen Lauf: Sie veröffentlichte in rascher Folge nicht nur Kriminalromane, sondern auch Theaterstücke, die ihren Ruf (und den Inhalt ihrer Geldbörse) erfreulich mehrten. Christie schrieb in dieser Zeit sogar zwei Romane als ‚Vorrat‘ für ‚schlechte Zeiten‘, in denen die Muse sie womöglich nicht mehr küssen würde. (Sie profitierte davon, als sie am Ende ihrer langen Karriere tatsächlich ausgelaugt war, aber weiterhin veröffentlichen konnte.)

Das Geheimnis der Schnallenschuhe ist ein Produkt dieses Kreativschubs: Zum 20. Mal löste Hercule Poirot einen Fall in Romanlänge, wobei dessen Titel im Original wesentlich origineller One, Two, Buckle My Shoe lautete. Wieder bediente sich Christie eines alten „nursery rhymes“ aus dem reichen Fundus jener Reime und Lieder, die trotz oder gerade wegen ihrer recht drastischen Inhalte von englischen Kindern gesungen wurden. 1940 konnte Christie davon ausgehen, dass ihre Leser damit vertraut waren, weshalb der Titel die Neugier anstacheln würde.

Hierzulande war damit nicht zu rechnen, weshalb eher schwerfällig ein „Geheimnis des Schnallenschuhs“ beschworen wurde - was zwar zutrifft, aber viel zu kurz greift, denn Christie arbeitete den von ihr ausgewählten Reim direkt in die erzählte Geschichte ein, wobei der Schnallenschuh nur eines von mehreren Indizien darstellt, die Poirot schließlich auf die richtige Spur bringen.

Pechvogel am normalerweise sicheren Ende des Bohrers

Das Geheimnis … ist kein glänzender, durch Einfälle zum Staunen reizender Kriminalroman, geht man allein vom Plot und seiner Auflösung aus. Viele zeitgenössische Kritiker taten genau das und monierten durchaus richtig einen überkomplizierten Fall, der von der Verfasserin nachdrücklich so hingebogen wurde, dass ein Krimi-Rätsel daraus wurde.

Es ist in keiner Weise plausibel oder auch nur wahrscheinlich, was uns Christie als Handlung präsentiert. Allerdings funktioniert es, weshalb Zeit vergeht, bis einem als Leser nach der finalen Lektüre-Zufriedenheit erste Zweifel kommen. Es ist Christies talentierter Professionalität zuzuschreiben, dass man ihr die Erkenntnis, mit einem fragwürdigen Garn abgespeist worden zu sein, nicht übelnimmt.

Tatsächlich lebt Das Geheimnis … von der schriftstellerischen Meisterschaft der Autorin (die sich in der deutschen Übersetzung erhalten hat). Die späte Agatha Christie wurde oft geschwätzig, wenn sie versuchte, durch amüsante Abschweifungen die eigentliche Story zu unterfüttern; hier hält sie diese Zügel fest in der Schreibhand. Die Sprache ist trügerisch einfach, der Tonfall verspielt bzw. stets mit einem ironischen Unterton versehen. (Auch Hercule Poirot fürchtet sich vor dem Zahnarzt!) Dass in Das Geheimnis … erstens nicht viel geschieht und zweitens gleich mehrere Logik-Böcke geschossen werden, dringt kaum durch; hier ist der = Poirots Weg wichtiger als das erreichte Ziel.

Die Realität als Problem

Agatha Christie wird als Großmeisterin des klassischen britischen Kriminalromans gefeiert. Ignoriert werden oft gewisse Misstöne, die sich vor allem in einer sich politisch immer korrekter gebenden Gegenwart bemerkbar machen. ‚Entschuldigt‘ sind mehr oder weniger latente Vorurteile - von „Rassismus“ sprechen eher die besonders selbst ernannten Tugendwächter -, die zu Christies Zeiten schlicht gesellschaftsfähig waren. (In Das Geheimnis … vergibt die Autorin die Rolle eines Widerlings einmal mehr an einen Griechen.)

Schwieriger zu goutieren sind Christies Versuche, politische oder soziale Realitäten in ihre Werke einfließen zu lassen. Sie wusste es selbst, weshalb sie sich klug meist zurückhielt. (Den ‚Polit-Thriller‘ Passenger to Frankfurt, 1970; dt. Passagier nach Frankfurt - ein Spätwerk - sollte man deshalb als Genre-Persiflage lesen.) Christie war konservativ und misstrauisch in Erwartung dessen, was nach dem „Empire“ kommen sollte, dessen Niedergang sie nicht nur ahnte, sondern auch fürchtete - was sie in Das Geheimnis … unverblümt Poirot in den Mund legt. 1940 stand England mit düsteren Aussichten im Krieg mit Nazi-Deutschland. Das Geheimnis … spielt vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, aber schon in den fortgeschrittenen 1930er Jahren, weshalb Christie die zeitgenössische Situation nicht gänzlich ignorieren wollte.

Ihre Weltsicht wirkt allerdings grob und naiv. Es liegt u. a. an der Entscheidung, politische Haltungen auf Figurenzeichnungen zuzuspitzen: Howard Raikes soll einen ‚liberalen Linken‘ darstellen, Frank Carter - ein weiterer Verdächtiger - gibt einen Faschisten; ansonsten sind Systemkritiker „laut“ und „langhaarig“. Von der Arbeit des Geheimdienstes hat Christies offensichtlich nur nebulöse Kenntnisse. Gerade weil sie dieses Mal auf aktuelle Zeitströmungen verweist, wirken diese Passagen auch im nostalgischen Rückblick peinlich.

Außerdem ist es unnötig, denn die Weltgeschichte kommentiert Christie wesentlich eleganter und überzeugender in einem ungewöhnlichen Epilog: Poirot diskutiert mit dem Mörder, der sein Leben bzw. den ‚Wert‘ seines Lebens über das bzw. den seiner Opfer stellt. Poirot stimmt ihm in der Sache zu, verweigert ihm - und sich - aber das moralische Recht auf eine solche Entscheidung. Normalerweise wirkt Poirot recht ungerührt, wenn er einen Mörder überführt und ihm den Weg zum Galgen ebnet, aber hier zeigt er, was er schon viel früher als Mr. Spock gelernt hat: Das Wohl des einzelnen wiegt ebenso schwer wie das Wohl aller. Obwohl er dennoch ein wenig selbstgefällig klingt - Poirot ist Poirot -, versöhnen diese Zeilen mit den genannten Mängeln.

Das Geheimnis der Schnallenschuhe im Fernsehen

Selbstverständlich verkörperte David Suchet - der Poirot! - den belgischen Meisterdetektiv in der britischen Erfolgsserie Agatha Christie's Poirot auch in One, Two, Buckle My Shoe. Es war die dritte Episode der vierten Staffel, und sie wurde erstmals am zweiten Weihnachtstag des Jahres 1993 ausgestrahlt. Obwohl es inhaltliche Veränderungen gab und einige Figuren sogar gestrichen wurden, gilt One, Two … als eine der besten Folgen überhaupt, wobei der vergleichsweise düstere bzw. realistische Unterton hervorgehoben wird.

Fazit

1940 war Agatha Christie auf dem Zenit ihrer kriminalliterarischen Fähigkeiten. Der 20. Band der Poirot-Serie stellt es unterhaltsam, witzig und nur scheinbar abschweifend unter Beweis, wobei gerade das einst für notwendig gehaltene Eingehen auf die ‚Große Politik‘ der Weltkriegszeit sich als Handikap erweist. Zusätzlich neu übersetzt und hochwertig im Buchdruck sorgt dieses Geheimnis (auch bzw. gerade heute) für den ersehnten ‚Christie-Effekt‘!

Das Geheimnis der Schnallenschuhe

Das Geheimnis der Schnallenschuhe

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