Auf doppelter Spur

  • Atlantik
  • Erschienen: Januar 1965
  • London: Collins, 1963, Titel: 'The Clocks', Seiten: 256, Originalsprache
  • Bern; München; Wien: Scherz, 1965, Seiten: 182, Übersetzt: Gretel Spitzer
  • Bern; München; Wien: Scherz, 1973, Seiten: 158, Übersetzt: Gretel Spitzer
  • Bern; München; Wien: Scherz, 1983, Seiten: 158, Übersetzt: Gretel Spitzer
  • Bern; München; Wien: Scherz, 1993, Seiten: 178, Übersetzt: Gretel Spitzer
  • Bern; München; Wien: Scherz, 1999, Seiten: 178, Übersetzt: Gretel Spitzer
  • Frankfurt am Main: Fischer, 2007, Seiten: 208, Übersetzt: Gretel Spitzer
  • Marburg: Verl. und Studio für Hörbuchproduktionen, 2009, Seiten: 5, Übersetzt: Martin Maria Schwarz, Bemerkung: ungekürzt
Auf doppelter Spur
Auf doppelter Spur
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Michael Drewniok
60°

Krimi-Couch Rezension vonMai 2003

Erbschleicherei, Familienschande & Kommunistentücke

Sheila Webb, jung, hübsch und ansässig im Städtchen Crowdean in der englischen Grafschaft Sussex, verdient sich ihren Lebensunterhalt als Stenotypistin: Man heuert sie an, um ihr Texte zu diktieren, die sie in anschließend in ihre Schreibmaschine hämmert. Aktuell fährt Sheila in die Wilbraham Crescent, wohin die blinde Lehrerin Millicent Pebmarsh sie telefonisch gebeten hat.

Sheila betritt ein menschenleeres Haus und dort ein Zimmer, in dem sie über eine Leiche stolpert. Panisch rennt sie auf die Straße - und rempelt Colin Lamb an, der dort just im Auftrag des britischen Geheimdienstes nach kommunistischen Agenten fahndet, die offenbar in der Wilbraham Crescent ihr Unwesen treiben. Lambs Tarnung bleibt gewahrt, als Detective Inspector Richard Hardcastle den Fall übernimmt. Er ist ein alter Freund und weiß um Lambs Job. Hardcastle bezieht ihn in die Ermittlungen ein und akzeptiert sogar die aus polizeilicher Sicht lästige Tatsache, dass Lamb sich in die durchaus verdächtige Sheila verliebt.

Wer ist der Tote, der im Haus der ahnungslosen Miss Pebmarsh erstochen wurde? Wieso standen überall im Mordzimmer stehengebliebene Uhren, deren Zeiger 16.13 Uhr anzeigen? Wer ließ sie verschwinden, bevor die Polizei erschien? Was hat kommunistische Agententücke mit dieser bizarren Bluttat zu tun? Sowohl Hardcastle (Polizei) als auch Lamb (Geheimdienst) sind ratlos, aber letzterer hat ein As im Ärmel: Er kennt den berühmten Privatdetektiv Hercule Poirot, der stets nach einer Herausforderung für seine „kleinen, grauen Zellen“ hungert …

Das Christie-Spätwerk - ein schwieriges Thema

Es ist nicht nur eine doppelte Spur, der in diesem Kriminalroman gefolgt wird: Tatsächlich laufen sogar drei Verbrechen simultan an einem Ort ab. Agatha Christie dreht ein großes Rad im 34. Roman der Hercule-Poirot-Serie, der so mit verdächtiger Handlung vollgepackt ist, dass dem legendären Detektiv nur eine Rolle als Gast-Star bleibt. Immerhin ist es Poirot, der die dieses Mal nicht genial, sondern eher verwirrend verwobenen Handlungsfäden zum finalen Auflösungsknoten schürzt; es konnte wohl nur ein Genie dort Licht am Ende des Tunnels erkennen, wo selbst die Kriminalpolizei und Britanniens sonst unfehlbarer Geheimdienst im Dunkeln tappten …

Diese Einleitung lässt durchblicken, dass „Auf doppelter Spur“ nicht zu den ‚guten‘ Romanen gehört, die Agatha Christie in mehr als einem halben Jahrhundert veröffentlicht hat. 1963 neigte sich ihre große Zeit als einflussreiche, einfallsreiche Krimi-Autorin dem Ende zu. Ihre Popularität sorgte weiterhin für erfreuliche Verkaufszahlen, aber die Kritiken blieben verhaltener und ‚schonten‘ die alternde Star-Autorin, die längst zur lebenden Genre-Legende aufgestiegen war.

Dabei bemühte sich Christie durchaus um den Anschluss an die Gegenwart. Der Kalte Krieg galt ihr offensichtlich als deren Primärmerkmal. Schon in den 1920er Jahren hatte Christie Romane im Geheimdienst-Milieu verortet. Damals galt die globale Spionage im Dienst des Empires als „Großes Spiel“, das beinahe sportlich betrieben wurde. Diesen Geist versuchte Christie einem modernen Geheimdienstalltag überzustülpen, dem jegliche ‚Fairness‘ fehlt und der schmutzig und hinterlistig ist. Die Autorin lässt einen altgedienten Agenten über diesen Niedergang räsonieren, doch diese Passagen wirken altbacken bzw. pflichtschuldig eingefügt.

Kalter Krieg als Kasperletheater

Christie beschreibt einen Geheimdienst, der wie in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen erstarrt wirkt. Was ist von einer ‚Agentenjagd‘ zu halten, die sich auf den Einsatz eines Beamten beschränkt, der wochenlang durch Straßen wandert (!), um auf diese Weise einen Spionagetreff zu finden, der in einer verstümmelten Nachricht vage ‚beschrieben‘ wurde? Zwar murrt der Chef - beinahe eine Persiflage auf „M“ aus den James-Bond-Romanen -, lässt Lamb aber alle Zeit der Welt, obwohl doch die Zündschnur brennt = Kommunisten England zu unterwandern drohen!

Auch dieser Aspekt sollte lieber als Komödie gewertet werden, obwohl es Christie durchaus ernst mit ihren Agenten-Sperenzchen auf Kindergarten-Niveau meint. Wenigstens bestreitet sie damit nicht die gesamte Handlung; wer wissen möchte, wie schlimm es hätte kommen können, lese den ebenfalls in der Christie-Spätzeit erschienenen Roman „Passenger to Frankfurt“ (1970; „Passagier nach Frankfurt“).

Um auf Nummer Sicher zu gehen, verknüpft Christie ihr Geheimdienst-Garn mit einem klassischen Rätsel-Krimi. Der Auftakt ist klassisch: Im Haus einer ahnungslosen (blinden!) Frau wird ein kruder Mord inszeniert. Leider schludert Christie, wenn sie das aufwändig eingeführte Rätsel der auf mysteriöse Weise verschwundenen Uhren später lapidar löst; für das eigentliche Geschehen ist es unerheblich. Stattdessen hastet sie von Ereignisstrang zu Ereignisstrang, fügt zu Mord und Agentenpossen noch ein altmodisches Familiendrama und verheddert sich in dem Bemühen, diese drei Handlungsstränge logisch an einem Ort zu verankern. Dies gelingt nur, weil der Zufall - einst kein gern gesehener Gast in einem Christie-Krimi - Überstunden macht.

Reden und schwatzen, fahnden und stolpern

In den 1960er Jahren hatte Christie längst genug von Hercule Poirot und aus der Figur herausgeholt, was ihrer Meinung nach in ihr steckte. Doch die Leser verlangten weitere Poirot-Fälle. Als Profi verschloss sich Christie dem nicht, aber „Auf doppelter Spur“ verrät den Widerwillen: In diesem „Poirot“-Roman tritt der Meisterdetektiv erstmals auf, als mehr als ein Drittel des Buches bereits gelesen ist. Sein Erscheinen bleibt sporadisch, erst im Finale läuft er zur bekannten Form auf.

Christie versucht Poirots rare Präsenz als ‚krimi-literarisches‘ Spiel zu verkaufen. Der berühmte Belgier pocht auf seinen Willen, diesen Fall ausschließlich als „armchair detective“ zu lösen, d. h. seine Wohnung nicht zu verlassen, sondern sich dort von Lamb und Hardcastle mit Informationen versorgen zu lassen. Erst im Finale taucht Poirot wie erwähnt doch vor Ort auf; er kann nicht leugnen, dass ihn allzu menschliche Neugier aus seiner Höhle gelockt hat.

Harte Arbeit ist notwendig, um die Handlungsbögen final zusammenzubiegen. Christie muss wie gesagt drei Fälle lösen, deren Zusammenhänge sich schlicht nicht erschließen wollen. Dass „Auf doppelter Spur“ dennoch lesbar ist, liegt in erster Linie an Christie erzählerischem Geschick. Bevor auch dieses sie Jahre später verließ, gelingt es ihr den holprigen Plot in gefällige Worte zu gießen und über die Runden zu bringen. Nichtsdestotrotz steckt dieser Roman ihrer Literaturliste kein Glanzlicht auf.

„Auf doppelter Spur“ im Fernsehen

Auch „Auf doppelter Spur“ wurde 2009 für die britische TV-Serie „Agatha Christie’s Poirot“ verfilmt (Staffel 12, Folge 4), in der David Suchet den Meisterdetektiv kongenial verkörperte. Die ohnehin komplizierte Handlung wurde in die 1930er Jahre verlegt, um den Nostalgiefaktor zu unterstreichen sowie Produktionsmittel zu sparen, da man bereits vorhandene Kulissen, Kostüme etc. verwenden konnte.

Inhaltlich ließen sich die Ereignisse diesem Zeitsprung anpassen. Tatsächlich wirkte Christies Märchenbuch-Geheimdienst sogar überzeugender, weil er nun tatsächlich jeder Gegenwart enthoben war. Während Suchet wie üblich gelobt (und Anna Massey in ihrer letzten Rolle als Miss Pebmarsh gewürdigt) wurde, wies die Kritik auf den zähen Ablauf dieser anderthalbstündigen Langfolge hin.

Fazit

Im 34. Band der Hercule-Poirot-Serie tritt der Detektiv nur als Randfigur auf. Eine Geheimdienst-Fahndung lappt in einen rätselhaften Mordfall hinein, ohne dass sich beide Handlungsstränge (zu dem sich noch ein Familiendrama gesellt) zu einer harmonischen Gesamthandlung fügen: lesbares, aber nur bedingt gelungenes Christie-Spätwerk.

Auf doppelter Spur

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