Das Eulenhaus

Erschienen: Januar 1947

Bibliographische Angaben

  • London: Collins, 1946, Titel: 'The Hollow', Seiten: 256, Originalsprache
  • Bern: Scherz, 1947, Seiten: 288, Übersetzt: ?
  • Frankfurt am Main; Berlin: Ullstein, 1967, Seiten: 188, Übersetzt: ?
  • Bern; München; Wien: Scherz, 1973, Seiten: 175, Übersetzt: ?
  • Bern; München; Wien: Scherz, 1985, Seiten: 232, Übersetzt: Ursula Gail, Bemerkung: überarbeitete Fassung
  • Bern; München; Wien: Scherz, 2000, Seiten: 232, Übersetzt: Ursula Gail, Bemerkung: überarbeitete Fassung
  • Frankfurt am Main: Fischer, 2004, Seiten: 221, Übersetzt: Pieke Biermann
  • Frankfurt am Main: Fischer, 2011, Seiten: 224, Übersetzt: Pieke Biermann

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Michael Drewniok
Ein Idol wird von seinem Podest geschossen

Buch-Rezension von Michael Drewniok Mai 2003

Ein Wochenende auf dem englischen Land endet für einen der Teilnehmer tödlich. Ebenfalls eingeladen ist Detektiv Hercule Poirot, der wieder einmal vor dem Problem steht, dass eigentlich sämtlichen Anwesenden ein Motiv und eine Gelegenheit unterstellt werden kann … – Der 22. Poirot-Krimi präsentiert nicht nur ein raffiniertes Mord-Rätsel, sondern ist auch ein dichter, erstaunlich modern wirkender Psycho-Thriller, der spannend verdeutlicht, wieso Agatha Christie weiterhin lesenswert ist & gelesen wird.

Lady Lucy und Sir Henry Angkatell laden zu einem geselligen Wochenende in das "Eulenhaus", ihren Landsitz, ein. Die Gäste kommen nicht alle gern, denn vor allem die Lady ist nett aber unberechenbar. Entfernte aber arme und auf eine Erwähnung im Testament erpichte Verwandte wie Edward oder David Angkatell müssen erscheinen. Dr. John Christow, ein aufstrebender Arzt, freut sich sogar, denn seine Geliebte, die Bildhauerin Henrietta Savernake, wird ebenfalls anwesend sein. Dass ihn Gattin Gerda begleitet, ficht Christow nicht an, denn diese gilt allgemein als Hohlkopf.

Ebenfalls in Henrietta verliebt ist Edward, der jedoch nie erhört wurde. Dass ihn die etwas rustikale Midge Hardcastle, eine gute Freundin Lady Lucys, schon lange begehrt, hat Edward dagegen nie bemerkt. Zu allem Überfluss macht ausgerechnet an diesem Wochenende eine neue Nachbarin den Angkatells ihre Aufwartung: Veronica Cray, die gefeierte Schauspielerin – und John Christows ehemalige Verlobte, die neuerlich Ansprüche auf ihn anmeldet.

Die Wochenend-Gesellschaft wird zum emotionalen Pulverfass. Just bei Ankunft des letzten Gastes trifft Christow im Garten des Eulenhauses eine Kugel in die Brust: Meisterdetektiv Hercule Poirot kann nur noch seinen Tod feststellen und der völlig verwirrten Gerda Christow einen Revolver abnehmen. Offenbar war sie längst nicht so ahnungslos wie ihr Gatte dachte. Dies vermutet jedenfalls Inspektor Grange, der den Fall übernimmt. Für ihn, der simple Fälle schätzt, steht Gerdas Schuld fest, obwohl sie behauptet, die Waffe neben dem sterbenden John gefunden und nur aufgehoben zu haben. Poirot ist skeptisch. Er blickt tiefer und erkennt die komplexen Verbindungen zwischen den Gästen. Dass diese noch weiter reichen als erwartet, setzt den Detektiv unter Zeitdruck, denn der Mörder/die Mörderin will noch nicht ruhen …

Ein Wochenende in der Hölle

Man nehme: einige Männer und Frauen, deren Lebenswege nicht unbedingt friedlich miteinander verknüpft sind. Normalerweise trennt sie die sichere Entfernung; sie können sich aus dem Weg gehen und einander betrügen, umwerben oder enttäuschen. Ein böswilliges Schicksal – hier in Gestalt von Agatha Christie – sperrt sie nun in ein abgeschiedenes Landhaus. Flucht ist unmöglich, weshalb sich die Gemüter erwartungsgemäß erhitzen. Ein Sicherheitsventil hat die Autorin nicht vorgesehen, sodass sich die nur mühsam unterdrückten Spannungen irgendwann buchstäblich gewaltsam entladen.

Auf der Strecke bleibt ein von den Frauen allzu begehrter und von seinen erfolglosen Nebenbuhlern gehasster Mann. Sein Tod bietet zunächst den Einstieg in ein klassisches Krimi-Rätsel: Wer hat Dr. Christow erschossen? In einer umfangreichen Einleitung und noch ohne Anwesenheit eines hier störenden Hercule Poirot hat Christie deutlich gemacht, welche Bewohner als auch die Gäste des Eulenhauses Mordmotive hegen könnten.

Als der Detektiv die Szene endlich betritt, geschieht dies mit einem effektvollen Paukenschlag: Die Leiche liegt ihm bei seiner Ankunft zu Füßen – ein Klischee, das sogar Poirot zunächst vermuten lässt, man wolle ihn mit einem inszenierten Mord-Schauspiel standesgemäß begrüßen.

Motive und Masken

Dem ist faktisch tatsächlich so, obwohl sich der sich anschließende Kriminalfall als wesentlich härtere, weil in der komplexen Realität wurzelnde Nuss erweist. Noch weniger als sonst bringt die nackte Indiziensuche Poirot weiter. Er muss seine psychologischen Kenntnisse in den Fall einbringen, die sich glücklicherweise mit den Jahren entwickelt haben. Der frühe Poirot konnte sich allein auf die Fakten stützen. Der jeweilige Fall glich einem Uhrwerk, das der Detektiv wie ein Mechaniker auf Spuren und Fehler = Lügen überprüfte.

Doch 1946 hat sich die Welt weitergedreht, und ihre Bewohner sind längst keine Schachfiguren mehr. Der Mensch ist ein kompliziertes Wesen. Das Unterbewusstsein beeinflusst sein Denken und Handeln in einem Maße, das über die reißbretthafte Planung eines Mordes weit hinausgeht. Der Tod von John Christow ist auch deshalb so schwer zu lösen, weil unterdrückte Gefühle mitverantwortlich sind und sich die Grenze zwischen "gut" und "böse" verwischen.

Quasi jede/r im Eulenhaus hat etwas zu verbergen. Mit dem Tod von John Christow hat es oft gar nichts zu tun. Genrekonform gibt es zwar nur einen Mörder oder eine Mörderin. Poirots Problem ist, dass er die von ihm befragten Männer und Frauen zur Offenheit zwingen muss. Erst anschließend vermag er zu entscheiden, ob sich eines dieser "Geständnisse" in die Rekonstruktion des Tathergangs einpassen lässt.

Der Detektiv wird Mensch

Nur der Hercule Poirot, den Agatha Christie in Das Eulenhaus charakterisiert, ist dieser Aufgabe gewachsen. Aus dem komischen Mann mit dem Eierkopf, dem penibel getrimmten Schnurbart und der absoluten Ordnungsliebe ist ein Detektiv geworden, der die menschliche Seite seines Metiers beherrscht, weil er den Status der reinen "Denkmaschine" hinter sich gelassen hat. Vier Jahre sind seit seinem letzten Fall ("Five Little Pigs", 1942; dt. Das unvollendete Bildnis) verstrichen, in denen Christie sichtlich über ihre Figur nachgedacht hatte.

Dieser Poirot hüllt sich zwar genreüblich in Schweigen, was den Fortschritt seiner Untersuchung des Mordfalls Christow betrifft. Doch er lässt sich durchaus in die Karten sehen. Poirot reflektiert sein Handeln, und Christie ermöglicht es uns, an seinen Gedankengängen teilzuhaben. Auf diese Weise gewinnt Poirot an Persönlichkeit, denn Christie verengt sein Denken nicht auf den Detektiv, sondern gibt auch dem Privatmann Raum.

In Das Eulenhaus präsentiert die Autorin einen Fall, der nur von einem Ermittler zu lösen ist, der mit Emotionen "arbeiten", d. h. sie interpretieren, lenken und manipulieren sowie – anders als Inspektor Grange – einen von den Indizien scheinbar vorgegebenen Tathergang gegen den Strich bürsten kann. Die daraus resultierende Spannung ist weit entfernt von der Seifenschaum-Schlägerei moderner "literarischer" Kriminalromane, die Ziegelsteindicke vor allem erreichen, weil sie sich endlos im Kreis drehen. Christie hält die Fäden fest in der Hand und macht deutlich, dass "Gefühl" und "Gefühlsduseligkeit" keineswegs Synonyme sein müssen, wenn die Emotion Teil des Geschehens bleibt, statt es zu dominieren oder gar zu ersetzen.

Agatha Christie wusste, wie hier zu gewichten war. Kein Wunder, dass ihre Geschichten, die doch "nur" Krimis waren, so zeitlos sind. Nachdem dies endlich auch in Deutschland als seltene Tugend erkannt war – Jahrzehnte hatte es gedauert –, wurden Christies Romane endlich neu und vor allem ungekürzt übersetzt. So kommen auch die Leser des Eulenhauses in den Genuss der "vollständigen" Geschichte; sie wissen es zu schätzen.

Exkurs: Poirot muss weichen

The Hollow gehört zu jenen Christie-Werken, die von der Autorin selbst in ein Theaterstück umgewandelt wurden. Sie hatte das entsprechende Potenzial in diesem Roman erkannt, den sie in ihrer Autobiografie kritisierte, weil sie ihm Hercule Poirot quasi aufgezwungen hatte. Sie fand ihn bei nüchterner Betrachtung zu prominent für das Eulenhaus-Drama. So entfernte Christie Poirot aus dem Figurenpersonal, als sie den Roman 1949/50 für die Bühne adaptierte – es funktionierte wie erhofft und konturierte die übrigen Figuren deutlich stärker.

Als The Hollow am 10. Februar 1951 im Art’s Theatre zu Cambridge uraufgeführt wurde, konnte Christie zu ihrem Kummer nicht anwesend sein; sie begleitete einmal mehr ihren Gatten auf einer Ausgrabungs-Expedition im Irak. Doch das Stück wurde von der Kritik wie vom Publikum geschätzt. Der letzte Vorhang fiel erst nach insgesamt elfmonatiger Laufzeit und 376 Aufführungen im Londoner New Ambassadors Theatre. Die zufriedene Agatha Christie ließ umgehend ein nächstes Bühnenstück folgen: Im Oktober 1952 öffnete sich Die Mausefalle. Dieses Stück wird seitdem aufgeführt; es ist das am längsten ununterbrochen gespielte Theaterstück aller Zeiten.

In der Verfilmung kehrte Poirot – gespielt natürlich von David Suchet in der Rolle seines Lebens, die er seit 1989 innehat – zurück. The Hollow entstand 2005 als 53. Episode der britischen TV-Serie "Agatha Christie’s Poirot".

Anmerkung: Mit Das Eulenhaus begann 1947 der Scherz-Verlag die legendäre Serie seiner "Schwarzen Kriminalromane", die bis 2004 lief.

Das Eulenhaus

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