Die Morde des Herrn ABC

Erschienen: Januar 1962

Bibliographische Angaben

  • London: Collins, 1936, Titel: 'The ABC Murders', Seiten: 252, Originalsprache
  • Wien; Leipzig: Tal, 1937, Titel: 'Der ABC-Fahrplan', Seiten: 219, Übersetzt: Kurt Ziegler, Originalsprache
  • Bern; Stuttgart; Wien: Scherz, 1962, Seiten: 191, Übersetzt: Gertrud Müller
  • Bern; München; Wien: Scherz, 1980, Seiten: 191, Übersetzt: Gertud Müller
  • Genf: Edito-Service, 1983, Seiten: 215, Übersetzt: ?
  • Bern; München; Wien: Scherz, 1997, Seiten: 192, Übersetzt: Gertrud Müller
  • Frankfurt am Main: Fischer, 2007, Seiten: 223, Übersetzt: Gertrud Müller
  • München: Der Hörverlag, 2003, Seiten: 3, Übersetzt: Rainer Bock, Bemerkung: gekürzte Fassung von Angela Thomae; aus dem Englischen von Renate Weitbrecht
  • Marburg: Verl. und Studio für Hörbuchproduktionen, 2006, Seiten: 6, Übersetzt: Martin Maria Schwarz, Bemerkung: ungekürzt
  • Hamburg : Atlantik/Hoffmann und Campe Verlag September 2014. Übersetzung: Gaby Wurster. 255 S.
  • Hamburg : Atlantik/Hoffmann und Campe Verlag September 2014 [eBook]. Übersetzung: Gaby Wurster

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Michael Drewniok
Einladung zum frivolen Mordrätsel

Buch-Rezension von Michael Drewniok Okt 2021

Mit Hercule Poirot legt man sich besser nicht an, wie nicht nur die englischen Kriminellen wissen, denn der ohnehin geniale Meisterdetektiv arbeitet noch intensiver, wird er intellektuell herausfordert! Dennoch kann jemand, der sich „ABC“ nennt, seinen offensichtlich durch Wahnsinn zusätzlich befeuerten Drang, genau dies zu versuchen, nicht unterdrücken: „ABC“ kündigt Poirot brieflich einen Mord an. Geschehen soll er in einer namentlich genannten Stadt - Anfangsbuchstabe A - an einem ebenfalls genannten Tag.

Poirot bekommt oft seltsame Post von ebensolchen Absendern, weshalb er das Schreiben nicht weiter beachtet. Doch der Mord geschieht, und bald wird eine weitere Untat angezeigt: Der Name des nächsten Tatorts beginnt mit dem Buchstaben B - und das sind auch die Initialen des Opfers! Hier findet also eine Mordserie statt, die gerade erst begonnen hat.

Chefinspektor Japp von Scotland Yard ist froh über Poirots Unterstützung, der sich wiederum auf seinen alten Freund Hastings als ‚Assistenten‘ stützen kann. Dennoch stirbt im Dörflein C- der reiche Sir Carmichael Clarke, was nun auch die Presse aufmerksam werden lässt.

Wie fasst man jemanden, der offenbar willkürlich mordet bzw. seine Opfer nach einem Buchstabenschema auswählt, also geisteskrank und deshalb unberechenbar ist? Der Mord an D. D. in D. wurde vorab bereits kundgetan. Poirot scheint ratlos; tatsächlich arbeiten seine berühmten „kleinen, grauen Zellen“ auf Hochtouren, denn dieser Fall stellt sich ihm völlig anders dar, als Japp, Hastings oder die Presse vermuten …

Vom Klischee des Wahnsinns …

1936 war der Serienmord zwar schon bekannt, aber weder medizinisch oder kriminologisch definiert. In der Regel wurden mehrfach aktive Mörder als „wahnsinnig“ bezeichnet (aber trotzdem hingerichtet). Dass es einen Drang zum Töten gibt, wurde höchstens theoretisch diskutiert. Offiziell wiegelte man ab, um ‚das Volk‘ nicht zu beunruhigen.

Dass ausgerechnet Agatha Christie sich dem Thema widmete, ist erst einmal überraschend. Sie ließ zwar kompliziert bzw. einfallsreich morden, machte dafür jedoch ‚logische‘ Motive geltend, wobei Hass, Rache und Gier dominierten. Der „ABC-Mörder“ entspricht nicht dem Schema ‚erklärbarer‘ Bluttaten. Er tötet wahllos Menschen, die ihm nichts bedeuten, und setzt sie als Figuren in einem ‚Spiel‘ ein, dessen absurde Regeln er festsetzt.

Dieses Fehlen persönlicher Motive sorgt für ein Entsetzen, das Christie mehrfach durch ihre Protagonisten artikulieren lässt. Es geht einher mit dem Wissen um das Problem, einen solchen Täter zu fassen. Selbst Hercule Poirot muss sich lange dem ‚Spiel‘ beugen und auf neue Morde warten, denn fallrelevante Informationen sind höchstens über Tatort-Indizien zu erwarten, während jene zwischenmenschlichen Verwicklungen, auf die sich Poirot üblicherweise stützt, dort ausbleiben, wo ohne Gefühl getötet wird.

… zur Ode an Poe

Allerdings schlägt die Autorin im letzten Drittel einen Haken und rettet sich auf bekanntes Territorium. Da hier natürlich nicht verraten werden soll, was damit gemeint ist, um jenen Lesern, die diesen Kriminalroman noch nicht kennen - solche soll’s geben! -, den Spaß nicht zu verderben, sei nur angedeutet, dass Christie überaus geschickt auf einen Trick zurückgreift, den Edgar Allan Poe (1809-1849) vielleicht nicht erfunden, aber entwickelt und dem Genre geschenkt hat, das ihm überhaupt viel zu verdanken hat. 1844 schrieb er die Erzählung „The Purloined Letter“ (dt. „Der entwendete Brief“), in dem der von ihm erschaffene Detektiv C. Auguste Dupin erläutert, wie ein Objekt - in diesem Fall der im Titel genannte Brief - am effektivsten versteckt werden kann: Man präsentiert ihn so offen, dass er nicht ins Auge fällt.

Wie dies einerseits aufgegriffen und andererseits so interpretiert werden kann, dass auf diese Weise durchaus ‚zielgerichtete‘ Morde in einem Umfeld angeblichen Irrsinns verschwinden, macht uns Christie mit der für sie typischen Meisterschaft deutlich. Sie profitiert dabei von einer zeitgenössischen Blindheit, die solche Bosheit nicht wahrnehmen will, was sie überspitzt, um Poirots Genialität zu betonen sowie ihr Publikum aufs Glatteis zu führen, wobei ihm Hastings und Japp vorausgehen: Sie stehen für ein moralisches bzw. kriminalistisches Denken, das von der Zeit eingeholt bzw. überholt wurde.

Ausgerechnet der übertrieben dandyhafte, scheinbar emotionslose und wie aus der Zeit gefallen wirkende Poirot erkennt schließlich die Wahrheit. Gerade seine Außenseiter-Stellung, die durch die Herkunft - ein Belgier lebt im nur bedingt fremdenfreundlichen England - betont wird, ermöglicht Poirot die erforderliche Objektivität, die ihn hinter jenes moralische Netz blicken lässt, in dem Hastings und Japp - der Bürger und der Polizist - gefangen sind. Wie der Mörder erkennt der Detektiv, dass Wahnsinn in diesem Umfeld eine Art Tarnschirm darstellt, hinter dem die Wahrheit womöglich verborgen bleibt. Dieser Erkenntnisprozess gleicht aus, dass die Handlung ansonsten recht statisch wirkt bzw. sich wiederholt, bis Poirot endlich vom Geistesblitz getroffen wird - und sich endlich äußert, was nach verschwommenen Andeutungen wie üblich erst in einem Finale geschieht, das auch deshalb ‚groß‘ genannt werden kann, weil es dauert, bis ein komplexer Mordplan aufgedröselt ist, der so sicher nur in einem englischen Kriminalroman funktionieren kann ...

„Die Morde des Herrn ABC“ für Ohr und Auge

„The ABC Murders“ wurde u. a. für das Radio vertont. Zu erwähnen ist die Version von 1943, die für die „Suspense“-Serie des Senders „CBS“ entstand: Charles Laughton (1899-1962) übernahm die Rolle des Poirot. Er hatte den Detektiv bereits 1928 bzw. 1932 in „Alibi“, der englischen bzw. US-amerikanischen Theater-Fassung des Romans „The Murder of Roger Ackroyd“ (1926), gespielt.

Verfilmt wurde der Roman erstmals 1965. Für „The Alphabet Murders“ (dt. „Die Morde des Herrn ABC“) wurde die Vorlage erheblich verändert. Es entstand eine auf Humor, sogar Slapstick angelegte Fassung, was durch die Vergabe der Titelrolle an den Komiker Tony Randall (1920-2004) unterstrichen wurde.

Selbstverständlich wurde der Roman mit David Suchet - dem Poirot-Darsteller überhaupt - für die Fernsehserie „Agatha Christie’s Poirot“ adaptiert (1992, Auftaktfolge der Staffel 4). Für den BBC-Dreiteiler schlüpfte 2018 John Malkovich in die Poirot-Rolle.

Fazit:

Der 12. Roman mit Hercule Poirot nimmt selbst unter den Christie-Klassikern eine Sonderstellung ein. Zwar ist das Geschehen recht statisch, aber hinter scheinbaren, geschickt geschürten Täter-Irrsinn verbirgt sich ein Komplott, das in seiner bösen Raffinesse von anderen Krimi-Autoren oft nachgeahmt wurde.

Die Morde des Herrn ABC

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