Das Haus an der Düne

Erschienen: Januar 1933

Bibliographische Angaben

  • London: Collins, 1932, Titel: 'Peril at End House', Seiten: 252, Originalsprache
  • Leipzig: Goldmann, 1933, Seiten: 264, Übersetzt: Otto Albrecht van Bebber
  • München: Goldmann, 1951, Seiten: 219, Übersetzt: Otto Albrecht van Bebber
  • München: Goldmann, 1956, Seiten: 186, Übersetzt: Otto Albrecht van Bebber
  • München: Goldmann, 1972, Seiten: 190, Übersetzt: Otto Albrecht van Bebber
  • München: Goldmann, 1986, Seiten: 190, Übersetzt: Otto Albrecht van Bebber
  • Bern; München; Wien: Scherz, 1990, Seiten: 191, Übersetzt: Otto Albrecht van Bebber
  • Bern; München; Wien: Scherz, 1991, Seiten: 191, Übersetzt: Otto Albrecht van Bebber
  • München: Goldmann, 1997, Seiten: 190, Übersetzt: Otto Albrecht van Bebber
  • Bern; München; Wien: Scherz, 1999, Seiten: 222, Übersetzt: Monika Gripenberg
  • Bern; München; Wien: Scherz, 2001, Seiten: 222, Übersetzt: Monika Gripenberg
  • München: Der Hörverlag, 2003, Seiten: 3, Übersetzt: Wolf Frass, Bemerkung: gekürzte Fassung von Kati Nicholl; aus dem Englischen von Tanja Handels
  • Marburg: Verl. und Studio für Hörbuchproduktionen, 2008, Seiten: 6, Übersetzt: Martin Maria Schwarz, Bemerkung: ungekürzt
  • Frankfurt am Main: Fischer, 2011, Seiten: 224, Übersetzt: Monika Gripenberg
  • München: Der Hörverlag, 2006, Seiten: 3, Übersetzt: Wolf Frass, Bemerkung: gekürzte Fassung von Kati Nicholl; aus dem Englischen von Tanja Handels

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Michael Drewniok
Ein pensionierter Kriminalist wird neugierig

Buch-Rezension von Michael Drewniok Mai 2003

Hercule Poirot, der große Kriminalist aus Belgien, hat sich aus dem aktiven Berufsleben zurückgezogen. So behauptet jedenfalls er selbst es, der zur Zeit mit seinem alten Freund Arthur Hastings, Wasserträger bei vielen früheren Abenteuern, einen Urlaub an der englischen Meeresküste von Cornwall verbringt. Dort lernen sie die Magdala Buckley (die sich aus leicht ersichtlichem Grund lieber "Nick” nennen lässt) kennen, welche mit einigen Familienangehörigen und Freunden in "End House”, ihrem Haus an der Düne, lebt.

Poirot erwacht aus seinem selbst suggeriertem Ruhestand, als aus dem Hinterhalt ein Schuss auf Nick abgefeuert wird. Intensives Nachforschen lässt ihn erkennen, dass binnen kurzer Zeit bereits drei weitere Anschläge auf die junge Frau verübt wurden! Das ist zuviel für den galanten Verbrecherjäger vom Kontinent. Er lädt sich selbst und Hastings in Nicks Haus ein, um dort hinter das Geheimnis der Mordversuche zu kommen. Denn Nick ist arm, der Besitz selbst mit Hypotheken belastet. Niemand kann durch ihren Tod gewinnen.

Poirot hat Pech - Pech für den Mörder!

Und doch gibt der Täter nicht auf. Er kann sogar den gewitzten Poirot austricksen. Während einer nächtlichen Party schlägt er erneut und dieses Mal erfolgreich zu. Freilich hat er nicht Nick, sondern irrtümlich deren Cousine Maggie Buckley erwischt. Während Nick zur eigenen Sicherheit in einer Nervenheilanstalt einquartiert wird, nimmt sich Poirot die Festgäste vor. Eines weiß er immerhin sicher: Der Täter oder die Täterin muss sich unter den Bewohnern des Dünen-Hauses befinden!

Ist es Commander Challenger, obwohl offensichtlich ein Ehrenmann und zudem heftig verliebt in Nick? Oder Frederica "Freddie” Rice, Nicks angeblich ergebene Freundin? Mr. Lazarus, der undurchsichtige Kunsthändler, ein sehr vertraut ist mit der angeblich verheirateten Freddie? Ellen, die gar zu treue Seele von End House, die dessen geheime Winkel besser kennt als die Familie? Cousin Charles Vyse, der Nick auch als Anwalt vertritt? Die Untermieter Bert und Milly Crofts aus Australien, die so schrecklich nett und neugierig sind? Und wo ist Nicks Mauser-Pistole geblieben, aus der mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit die tödliche Kugel auf die arme Maggie abgefeuert wurde?

Viele Herausforderungen für Hercule Poirot, der zudem entdecken muss, dass ihm der Mörder einen Zeitungsartikel hinlegt, der seine Ankunft in der Seefrische meldet. Ist dies etwa ein Fehdehandschuh, der ihm da hingeworfen wird? Mehr braucht es nicht, den reizbaren Belgier zurück ins "Große Spiel” zu bringen, was den Täter zunehmend nervös reagieren lässt ...

Geheimnisvoller Mord ohne Schutz der Dunkelheit

Im siebten Roman um Hercule Poirot bleibt alles beim Alten, auch wenn die Kulissen womöglich zunächst verwirren: Ein lupenreiner "Whodunit” wird hier abgespult, d. h. es gilt unter den Mitgliedern einer fest umrissenen Gruppe einen (männlichen oder weiblichen) Mörder zu ermitteln. Dabei ist es praktisch, besagte Personen gut unter Kontrolle zu halten - in einem einsam gelegenen Haus an einer Düne beispielsweise.

Soweit ist alles in Ordnung. Das Klima stimmt jedoch nicht: Es ist weder kalt noch dunkel, es regnet nicht, es stehen keine finsteren Wälder ums Haus, aus dem sich lichtscheues Gesindel ein- und ausschleichen kann. Statt dessen scheint die Sonne auf einen flachen Strand: Das Böse müsste folglich gut sichtbar sein.

Agatha Christie spielt indessen nicht grundlos mit den Regeln des Genres, das sie berühmt, reich und adlig werden ließ. In einem gewissen Rahmen sind sogar dem Fan des wahrlich klassischen Kriminalromans - eine überaus konservative Gesellschaft - Veränderungen lieb. Christie, zum Zeitpunkt der Niederschrift von "Das Haus an der Düne” längst ein Profi, bindet sich quasi einen Schreibarm auf den Rücken. Sie legt Wert darauf ihrem Publikum zu verdeutlichen, dass es keine Geheimtüren und Tunnel im Haus am Strand gibt. Nachdem Hercule Poirot die Bewohner hier konzentriert hat, kann sich der Mörder (oder die Mörderin) nur noch unter ihnen befinden.

Die Leser wissen, doch sie begreifen nicht

Damit haben wir prinzipiell Gleichstand mit dem Detektiv erreicht. Tatsächlich müssen wir uns natürlich schon glücklich schätzen, wenn mir dem wackeren, aber notorisch begriffsstutzigen Colonel Hastings Schritt halten können. Poirot ist uns ständig mindestens einen Schritt voraus. Das muss er um der Fairness willen, doch obwohl uns die spätere Lady Agatha die Bausteine des Krimi-Puzzles durchaus aushändigt, achtet sie sorgfältig darauf, dass uns der Zusammenbau nicht schneller als ihr Detektiv gelingt.

Leider bedient sie sich dabei eines unfairen Tricks: Poirot, der uns Leser (bzw. Colonel Hastings, der als unser Vertreter fungiert), über den Stand seiner Nachforschungen in Kenntnis setzen sollte, hüllt sich penetrant in Schweigen. Anscheinend weiß er schon recht früh etwas, aber er begnügt sich damit, Hastings und uns mit vagen Andeutungen, düsteren Prophezeiungen oder leeren Versprechungen abzuspeisen. Das macht die Lektüre anstrengend und lässt sich nicht damit entschuldigen, dass Poirot halt ein eitler Zeitgenosse ist. Dieses Mal spreizt er sich ein wenig zu aufdringlich als kriminalistisch schillernder Pfau.

Vom dauerinkarnierenden Watson ...

Wer so genial wie Hercule Poirot ist, der benötigt einfach einen normalsterblichen Zeitgenossen neben sich, der staunend dessen Taten beobachtet, kommentiert und vor allem die notwendigen Fragen stellt. Anders ausgedrückt: Jeder große Detektiv braucht seinen Watson. Hastings ist kein Arzt, aber ein alter Soldat, was hier und da nützlich ist, wenn grober körperlicher Einsatz erforderlich wird, den Denkmaschine Poirot nicht leisten kann.

Stellt sich die Frage, worauf sich Poirots Dankbarkeit in dieser Hinsicht gründet. Ständig ärgert und verspottet er den braven Hastings, der sich ebenso redlich wie vergeblich bemüht, die einander widersprechenden Indizien zu deuten. Poirot scheint den Verstand seines Freundes als leere Wand zu schätzen, an die er die Bälle diverser deduktiver Gedankenspiele prallen lässt; es ist wohl ersprießlicher, als mit sich selbst zu sprechen ...

Aber die armen Damen erst!

Wobei Hastings wenigstens das Privileg eines eigenständigen Lebens zugebilligt wird. Das ist mehr, als die arme Nick Buckley für sich beanspruchen darf. Anfänglich tritt sie als unabhängige Frau auf, die auf sich allein gestellt den Schwierigkeiten des Alltags zu trotzen weiß. Sobald ihr zu dämmern beginnt, dass sie bedroht ist, bricht sie a) umgehend psychisch zusammen und gibt b) die Kontrolle über ihr Leben ab. Für die weitere Handlung ist sie erst einmal sekundär geworden. Hercule Poirot lagert sie in einer netten Privat-Klapsmühle zwischen.

Aber man unterschätze Lady Agatha nicht! Sie schafft es sogar den missbilligenden Kritiker des 21. Jahrhunderts aufs Glatteis zu führen. Die Frauen von End House sind letztlich doch nicht so einfach gestrickt wie man es zunächst glaubt - und glauben sollte. Überhaupt lüftet Poirot im Finale mehr als eine Maske. Das klappt mal mehr, mal weniger gut und vervollständigt den Eindruck eines Krimis, der gerade so eben die Kurve kriegt und nicht zu Agatha Christies Meisterwerken zählt.

"Das Haus an der Düne” - multimedial

Agatha Christie war durchaus nicht abgeneigt, ihr Schriftstellerhonorar durch weitere Zuwendungen aufzustocken. Theater und Radio, später Film und Fernsehen interessierten sich für ihre Romane und Geschichten. Sie schrieb selbst einige Stücke, aber "Das Haus an der Düne” wurde von Arnold Ridley und Bernard Merrivale adaptiert. Der Vorhang öffnete sich am 1. Mai 1940 - d. h. während des II. Weltkriegs - im Vaudeville Theatre zu London; der Schauspieler Francis L. Sullivan gab den Poirot

Ein halbes Jahrhundert später fand "Das Haus an der Düne” den Weg ins englische Fernsehen. LWT produzierte einen Spielfilm, in dem David Suchet die Hauptrolle spielte. Es schloss sich eine Reihe weiterer Poirot-Streifen an.

Das Haus an der Düne

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