Schnapp-Schuss

Erschienen: Januar 1970

Bibliographische Angaben

  • Originalausgabe erschienen unter dem Titel „Jigsaw“

    - New York : Doubleday 1970

    - Frankfurt/Main - Berlin - Wien : Ullstein Verlag 1971 [Ullstein Krimi 1337]. Übersetzung: Gisela Stege. 155 S.

    - Frankfurt/Main - Berlin - Wien : Ullstein Verlag 1983 [Ullstein Krimi 10218]. Übersetzung: Gisela Stege. 155 S.

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Michael Drewniok
Moderne Schnitzel- und Mörderjagd

Buch-Rezension von Michael Drewniok Feb 2021

Mit einer abenteuerlichen Geschichte kommt Versicherungsdetektiv Irwin Krutch zu den Beamten des 87. Polizeireviers: Sechs Jahre zuvor hatten vier Männer bei einem spektakulären Banküberfall 750.000 Dollar erbeutet. Auf der Flucht wurden sie später gestellt und erschossen - doch das Geld war verschwunden! Offenbar hatten es die Verbrecher noch kurz vor ihrem Ende verstecken können. Krutch, der im Auftrag seiner Gesellschaft beauftragt wurde, die Beute wiederzubeschaffen, blieb erfolglos und musste in der Folge einen argen Karriereknick hinnehmen.

Diese Scharte will er seither unbedingt wieder auswetzen, und nun bietet sich ihm die Chance! Krutch hat herausgefunden, dass der Anführer der Bankräuber das Geldversteck fotografiert, das Bild in acht Teile zerschnitten und die Schnipsel an seine Kumpane verteilt hat. Diese haben ihre Ausschnitte ihrerseits an Personen ihres Vertrauens weitergegeben, und unter diesen ist ein erbitterter Krieg ausgebrochen.

Gerade haben die Männer vom 87. Revier zwei der Schatzjäger gefunden, die sich in einem Streit um eines der Fotofragmente gegenseitig umgebracht haben. Da der Bankraub damals im Zuständigkeitsbereich des 87ten erfolgte und die Akten noch nicht geschlossen wurden, sind auch die Beamten daran interessiert, die Beute aufzufinden. So schließt sich Detective Arthur Brown undercover der Schnitzeljagd an, bei der sich die vom Goldfieber gepackten Teilnehmer argwöhnisch belauern. Bündnisse werden geschlossen, um sogleich wieder gebrochen zu werden; Verbündete werden zu Gegnern und wieder zu Verbündeten; und der nächste Mord lässt auch nicht lange auf sich warten ...

Die Stadt als Mikrokosmos

Zum 24. Mal schildert Ed McBain ein Abenteuer des 87. Polizeireviers in der imaginären Großstadt Isola, die sich am realen Vorbild New York orientiert. Allerdings ist dieses Mal (scheinbar) alles anders als sonst: McBain hat eingefahrene Gleise verlassen, um mit Ort, Handlung und Figuren zu spielen. Das übliche Schema der Polizeiarbeit - Verbrechen, Ermittlung, Aufklärung - wird ersetzt durch eine lupenreine Schatzsuche, die Räuber wie Gendarmen in Atem hält. Die Ähnlichkeiten zum Abenteuer-Klassiker Die Schatzinsel (1883) von Robert Louis Stevenson (mit Irwin Krutch in der Rolle des Long John Silver) dürften nicht zufällig sein, denn Ed McBain verstand es schon immer, Spannung und Tragik mit Ironie und grimmigem Witz zu verbinden.

Die modernen Piraten von Isola hauen einander auf der Suche nach Schatzkarte und Beute in schnellem Wechsel über die Ohren, während das Erzähltempo ständig anzieht und der Leser schließlich gar nicht mehr weiß, wem er auf dieser sich über eine ganze Stadt hinziehenden Hetzjagd noch trauen kann.

Während die Guten und die Bösen die Straßen durchkämmen, stellt der Autor seinen Lesern Isola vor. Wie in jedem Großstadtkrimi spielt auch bei McBain die Stadt eine tragende Rolle im Drama um menschliche Leidenschaften und Verbrechen; selten hat er jedoch das Netzwerk imaginärer Straßen so intensiv heraufbeschworen wie in Schnapp-Schuss. Immer wieder tritt er einen Schritt zurück und gewährt uns, den Lesern, die Möglichkeit, die Protagonisten quasi aus der Vogelperspektive zu beobachten.

Ewig aufregende Jagd nach dem Schatz

Dabei lernen wir die Stadt, ihre Viertel und ihre bunte Bevölkerungsvielfalt kennen. Immer wieder schiebt McBain schlaglichtartig Episoden des städtischen Alltags ein, die mit der eigentlichen Handlung nichts zu tun haben. Langweilig sind sie jedoch niemals, denn McBain ist auf dem Gebiet des Unterhaltungsromans ein absoluter Profi mit jahrzehntelanger Erfahrung; er hat seinen Stoff wie sein Publikum stets im Griff. Die Suche nach den Teilen des gigantischen Puzzles ist mühsam und zeitaufwendig; sie muss systematisch erfolgen und darf nicht überhastet sein. Dieser Kunstgriff verschafft McBain jene Pausen, die er so effektvoll mit kleinen Kabinettstückchen lakonischer Erzählkunst zu füllen weiß.

Die allmähliche Vervollständigung des Puzzles kann der Leser zeitgleich nachvollziehen, denn die Fotoschnipsel sowie das langsam entstehende Bild werden im Roman abgebildet. Das ist ungewöhnlich und wirkt wie eine Reminiszenz an die klassischen „Whodonits“ des Goldenen Krimi-Zeitalters, als es für einen Autoren noch Ehrensache war, Detektiv und Leserschaft simultan über den Fortgang der Ermittlungen auf dem Laufenden zu halten. McBain bringt auch hier seine Ironie ins Spiel: Gemeinsam mit den Beamten des 87. Reviers bleibt der Leser beim Anblick des Puzzles ratlos ...

Schnapp-Schuss ist trotz des exotischen Plots erneut eine Lektion in realistischer Polizeiarbeit. Auch dafür ist McBain berühmt, und wie sich hier einmal mehr zeigt, völlig zu Recht. Die Jahrzehnte, die seit der ersten Veröffentlichung von Schnapp-Schuss verstrichen sind, beeinträchtigen ungeachtet aller Nostalgie - die Fingerabdruck-Kartei wird tatsächlich noch in endlosen Schrankreihen aufbewahrt -  dieses Bild überhaupt nicht.

Zeitbedingte Misstöne

Wenn es etwas einzuwenden gibt gegen diesen kleinen (gerade 160 Seiten), aber feinen Thriller, so betrifft dies eine Episode kurz vor dem Finale: Schnapp-Schuss stellt nicht wie meist die Polizisten Carella, Meyer Meyer oder Hawes in den Mittelpunkt. Stattdessen spielt Detective Arthur Brown die Hauptrolle - und er ist schwarz. 1970 barg dies noch wesentlich mehr politischen und sozialen Zündstoff als heute. Ed McBain war kein Schriftsteller, der sich um die damit verbundene Problematik gedrückt hätte; schließlich war das 87. Revier ein getreues Abbild des ethnisch-religiösen Schmelztiegels Isola = New York City.

Weil ihm Klischees ein Gräuel sind, bemüht sich McBain, aus Brown weder einen Sidney-Poitier-Gutmenschen noch einen John-Shaft-Black-Superman zu machen - Rollen, wie sie Ende der 1960er/Anfang der 70er Jahre im Unterhaltungsfilm und -roman kreiert wurden, um endlich auch schwarze Hauptfiguren ins Leben zu rufen. Brown ist hingegen ein Mensch wie du und ich - allerdings ein Mensch mit traurigen, sehr genauen Erinnerungen an die Jahre der Rassentrennung.

McBain baut eine Episode ein, in der Brown auf den Rat seiner Kollegen hin den Bösewicht mimt, um bei einer aus den Südstaaten der USA stammenden Verdächtigen nur mühsam unterdrückte rassistische Ängste und Vorurteile zu wecken, damit sie darüber ihre Deckung vernachlässigt. Die Rechnung geht auf, aber die Szene funktioniert bzw. überzeugt nicht. Als Brown seine Rolle endlich aufgibt, trägt McBain in dem ebenso offensichtlichen wie - aus heutiger Sicht - überflüssigen Bemühen, ihn zu ‚rehabilitieren‘, zu allem Überfluss so dick auf, dass Brown letztlich zum „edlen (schwarzen) Wilden“ missrät.

Fazit

Der 24. Roman um das 87. Polizeirevier ist eine unkonventionelle, spannende und witzige Kombination aus Krimi und Schatzsuche, das den Leser unmittelbar einbezieht und wie erwartet (und erhofft) in einem gelungenen Finale mündet.

Schnapp-Schuss

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