Flüchtiges Begehren

Erschienen: Mai 2021

Couch-Wertung:

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Carola Krauße-Reim
Brunetti muss aufs Wasser

Buch-Rezension von Carola Krauße-Reim Aug 2021

Bereits zum 30. Mal lässt Donna Leon ihren Commissario Brunetti in Venedig ermitteln. Dieses Mal ist es gar nicht sicher, ob es sich tatsächlich um einen Fall für die Kriminalpolizei handelt: Zwei junge Männer legen zwei bewusstlose Amerikanerinnen auf dem Steg des Ospedale ab und verschwinden. Warum flüchten sie, wenn es doch ein angeblicher Unfall war? Brunetti ahnt einen kriminellen Hintergrund und beginnt zu ermitteln. Je tiefer er gräbt, umso widerlicher wird das, was er findet.

Auch Brunetti wird älter

Bereits seit 29 Jahren ermittelt Commissario Brunetti. Während andere Serienhelden scheinbar ewig jung bleiben, altert Brunetti in Würde. Einher gehen immer ausgeprägtere Phasen der Selbstreflexion oder des Nachsinnens über Gott und die Welt. Das ist im vorliegenden Band dementsprechend noch ausgeprägter als sonst. Immer wieder schweift Brunetti in tiefschürfende Gedanken ab, gerät ins Grübeln und verunsichert damit sein Umfeld ein um das andere Mal. Doch gerade dieser Bedacht und manchmal auch die Langwierigkeit in den Ermittlungen machen das Besondere der Krimis dieser Autorin aus – ihr Commissario ist überaus menschlich, kein unkaputtbarer Supercop, sondern jemand, der leise ermittelt, dabei seine Umwelt nie aus den Augen verliert und dennoch regelrecht anarchistisch ist im Umgang mit seinem Vorgesetzten Vice Questore Patta.

Aktuelles Thema in ruhigen Krimi gepackt

Relativ schnell ist offensichtlich, was hinter der Flucht der beiden jungen Männer steckt, doch Leon braucht Zeit, bis alles auf dem Tisch liegt. Wie immer hat sie ein aktuelles Thema als Aufmacher gewählt, das allerdings dieses Mal nicht, wie sonst üblich, ein typisch italienisches ist. Auch wenn Leon den Finger in die Wunde Europas legt, stehen in diesem Krimi nicht der eigentliche Fall, sondern die zwischenmenschlichen Beziehungen im Vordergrund: der Onkel und seine Neffen; die Freundschaft zwischen den zwei jungen Männern; die Vorurteile der Venezianer gegenüber den Neapolitanern und das Misstrauen der Neapolitaner untereinander… Und natürlich spielt Venedig, die Serenissima, wieder eine Hauptrolle, wobei sie dieses Mal Konkurrenz von der Giudecca bekommt, der langgestreckten Insel vor der Lagunenstadt.

Da bleibt es nicht aus, dass Brunetti sich öfter auf dem Wasser wieder findet als sonst üblich, zumal die zu ergründenden dunklen Machenschaften nicht nur in den Kanälen der Stadt und der Laguna stattfinden, sondern auch auf dem offenen Meer. In diesem Zusammenhang wäre ein Lageplan sehr hilfreich gewesen, denn nicht jedem dürften die Örtlichkeiten geläufig sein. Geschickt packt die sonst weniger auf Aktualität wert legende Leon zudem die Coronapandemie mit ins Geschehen, wobei sie jedoch nur die ausbleibenden Kreuzfahrtschiffe und Urlaubermassen und die damit wunderbar leere Stadt als Hinweis zulässt.

Unübliche Spannung kommt zum Schluss

Brunetti ermittelt den längsten Teil des Krimis grübelnd und sinnierend, bemüht wieder einmal Signorina Elletras Spezialfähigkeiten, geht Vize Questore Patta erfolgreich aus dem Weg und schlägt sich natürlich mit der eigenen Familie herum, deren Probleme wieder einmal sehr humoristisch geschildert werden.

Hier unterscheidet sich dieses Buch nicht sehr von seinen Vorgängern, doch der Schluss des Krimis hat es in sich: völlig unüblich geht es hoch her. Brunetti, Griffoni und die Leute der Guardia Costiera müssen spektakulär eingreifen und es wird gefährlich. Leider scheint nach diesem ungewöhnlich aktionsreichen Kraftakt der Autorin die Puste ausgegangen zu sein, denn das Geschehen endet schlagartig und man ist über das überstürzte Ende doch etwas verwundert. Hier hätte durchaus noch der ein oder andere abschließende Satz dem Krimi gutgetan.

Fazit 

Gekonnt nutzt Donna Leon ein hochbrisantes Thema um den Leser einmal mehr nach Venedig zu entführen. Ein ruhiger und bedächtiger Brunetti ermittelt wieder in moralischen Abgründen, wobei das Zwischenmenschliche dieses Mal im Vordergrund steht. Und der Leser darf sich freuen – es geht weiter, der 31. Fall für Commissario Brunetti ist schon in Vorbereitung.

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