Venezianisches Finale

Erschienen: Januar 1995

Bibliographische Angaben

  • New York: HarperCollins, 1992, Titel: 'Death at La Fenice', Seiten: 263, Originalsprache
  • Zürich: Diogenes, 1995, Seiten: 345
  • Zürich: Diogenes, 2002, Seiten: 393
  • München: Süddeutsche Zeitung, 2006, Seiten: 239
  • München: Audioverlag, 2007, Seiten: 4, Übersetzt: Philipp Schepmann

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Thomas Kürten
Ein Krimi der ruhigen Töne, ohne viel Action und Aufregung

Buch-Rezension von Thomas Kürten Mai 2003

Zu den erfolgreichsten Kriminalautoren der 90er Jahre zählt ohne Zweifel die Amerikanerin Donna Leon, die seit rund 20 Jahren als Lehrerin für Literatur an einer Schule eines amerikanischen Truppenstützpunktes im italienischen Vicenza arbeitet. Sie lebt im nahen Venedig, dessen einmalige Stimmung zwischen Palästen, Kirchen und auf den Kanälen in ihren Büchern eine hervorragende Kulisse für die Ermittlungen des Commissario Brunetti bilden. Eine kleine Welt, in der jeder jeden kennt und in der viel getratscht wird.

Espresso mit besonderem Geschmack - Zyankali

Im ersten Fall "Venezianisches Finale" stirbt der deutsche Stardirigent Wellauer in der Pause vor dem letzten Akt der Oper La Traviata im Theater La Fenice. Sehr schnell steht fest, dass der Espresso des Dirigenten mit Zyankali vergiftet war. Als Täter kommen nicht viele Personen in Verdacht, da der Bereich hinter der Bühne nicht ohne weiteres zugänglich ist. Commissario Brunetti kann sich bei seinen Nachforschungen in erster Linie auf das Theaterpersonal und das Ensemble konzentrieren. Bald zeichnet sich ein überraschendes Bild von dem vergifteten Maestro. Von der Öffentlichkeit geliebt, aber von allen, die mit ihm arbeiteten, gehasst. Motive für einen Mord findet Brunetti wirklich zahlreich.

Die Ruhe, die die Lagunenstadt ausstrahlt, findet sich auch in Donna Leons Romanen wieder. Die gesamte Erzählung plätschert langsam vor sich hin und Brunetti wandert von einer Vernehmung zur nächsten. Alle seine Gesprächspartner sind dabei bemerkenswert auskunftswillig und Brunetti beweist in jedem seiner Gespräche ein Übermaß an Einfühlungsvermögen und Feinsinn, um auch bei leichtesten Andeutungen kein Detail zu übersehen. Er weiß genau, wie er ein Gespräch mit seinem jeweiligen Gegenüber einzuleiten hat, um eine persönliche Beziehung aufzubauen und zu einem Ergebnis zu gelangen.

Aus der Ruhe Venedigs wird schnell Langeweile

Eine große Stärke in den Kriminalromanen Donna Leons ist sicherlich die sehr gute Charakterisierung ihres Ermittlers Guido Brunetti. Diese sehr stark beschriebene Figur und die Sphäre Venedigs, die von jedem Venedigkenner als treffend bezeichnet werden muss, tragen wohl den Hauptanteil am Erfolg der Serie. In den ersten Büchern der Reihe wird aber aus der Ruhe der Stadt und der inneren Ausgeglichenheit Brunettis sehr schnell Langeweile. So auch bei "Venezianisches Finale". Brunetti stiefelt jeden Morgen brav in sein Büro, wird von all seinen Kollegen geliebt und geschätzt. Sein Chef setzt ihn unter Druck, aber ihn selber scheint das überhaupt nicht zu kümmern. Die Zeugenvernehmungen wirken mitunter wie ein Marionettenspiel, bei dem er selber die Fäden zieht. Sein Privatleben ist geordnet, er kocht gerne, seine Frau ist ja ach so herzenslieb und seine beiden Kinder geben auch noch keinen Anlass zum Kummer. Zu allem Überfluss ist Guido Brunetti betrübt, dass er nicht mehr Zeit mit seiner Familie verbringen kann. Der absolute Traummann für jede Schwiegermutter.

Die anderen Charaktere kommen ein wenig zu flach rüber. Zu kurz sind ihre Auftritte, als dass sie einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen könnten. Die deutsche Ärztin (Signora Wellauer) und die amerikanische Archäologin (Brett Lynch) lassen lediglich einige billige Versatzstücke erkennen, an denen wohl der "typische Deutsche" oder der "typische Amerikaner" ausgemacht wird. Brunettis Vorgesetzter zeichnet sich in erster Linie durch seine Macken aus, seine akute Arbeitsunlust und sein Talent, Erfolge anderer für sich zu markieren.

Kleine, dunkle Geheimnisse und ein ganz großer Skandal

"Venezianisches Finale" bietet einen gewagten Blick hinter die Kulissen eines großen Opernhauses, getreu dem Motto "mehr Schein als Sein". Kleine, dunkle Geheimnisse, aber auch ein ganz großer Skandal werden von Brunetti entdeckt. Diskretion jedoch gehört zur Berufsehre des Commissarios und deshalb geht letztlich auch die Auflösung des Falles ganz ruhig von der Bühne. Die Handlung des Romans ist sehr gut durchdacht und entwickelt sich ebenfalls sehr gut. Dabei bleibt "Venezianisches Finale" aber ein Krimi der ruhigen Töne, ohne viel Action und Aufregung. Sehr schnell weiß man, dass es sich bei dem Tod von Wellauer um eine Einzeltat aus persönlichen Motiven handeln muss, hinter keiner Ecke lauert die Gefahr eines weiteren Verbrechens. Der erste Fall des Commissarios Brunetti bietet somit insgesamt durchschnittliches Lesevergnügen und lebt mehr der Beschreibung der Kulisse Venedigs, der sorgsam ausgesuchten Schauplätze und von einem gut umrissenen Hauptcharakter, als von einem spannenden Kriminalfall.

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