Venezianische Scharade

Erschienen: Januar 1996

Bibliographische Angaben

  • London: Macmillan, 1994, Titel: 'The anonymous Venetian', Seiten: 231, Originalsprache
  • Zürich: Diogenes, 1996, Seiten: 372, Übersetzt: Monika Elwenspoek
  • Zürich: Diogenes, 1997, Seiten: 372
  • Schwäbisch Hall: Steinbach, 2003, Seiten: 7, Übersetzt: Christoph Lindert

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Thomas Kürten
Der Anschein kann trügen

Buch-Rezension von Thomas Kürten Mai 2003

Der wichtigste Hinweis zu diesem Roman direkt am Anfang meiner Rezension: Niemals im Winter lesen! Die "Venezianische Scharade" spielt in den heißesten Wochen des Jahres in Venedig, wo jeder Schritt durch die Straßen unweigerlich zu einem mittelprächtigen Schweißausbruch führt. Liest man das Buch an kalten, regnerischen Winterabenden, wird es vielleicht weniger beeindrucken als an einem heißen Sommersonntag auf der Liege im Garten.

Auf einer Wiese hinter einem Schlachthof in Mestre, einer Industriestadt kurz vor den Toren Venedigs, wird ein toter Mann gefunden. Das zur Unkenntlichkeit zerschlagene Gesicht war stark geschminkt und auch das rote Kleid und die roten Samtschuhe mit hohen Absätzen deuten darauf hin, dass hier ein Transvestit umgebracht wurde. Da die Polizei in Mestre aufgrund der Urlaubssaison unterbesetzt ist, wird aus Venedig Verstärkung angefordert. Commissario Brunetti übernimmt den Fall.

Die Identifikation der Leiche bereitet mehrere Tage Kopfzerbrechen, die Ermittlungen im Milieu bringen keine Ergebnisse. Bis auf die Tatsache, dass Brunetti in der Wohnung eines Transvestiten dem Avvocato Santomauro begegnet, seines Zeichens ehrenamtlicher Präsident der Lega della Moralita. Hoppsa, ein Mann in solcher Position als Anwalt eines kleinen Strichjungen in Frauenkleidern?

Der Tote wird letztlich identifiziert als Direktor der Banca di Verona. Aber die Tatsache, dass er ein Transvestit gewesen sein soll, scheint nur einem Mann bekannt zu sein: Seinem Nachfolger auf dem Direktorensessel. Was verbirgt sich hinter der bizarren Maskerade des Ermordeten? Und was macht eigentlich die ominöse Lega della Moralita? Ein eiserner Verfechter von gesellschaftlichen Werten, Sitte und Moral scheint sie jedenfalls nicht zu sein.

Commissario Brunettis dritter Fall ist der erste Kriminalroman der Amerikanerin Donna Leon aus einer Reihe von mittlerweile 10 Büchern um den venezianischen Ermittler, der stellenweise begeistern kann und insgesamt gute Krimikost bietet. Die absolute Stärke der Autorin ist die Beschreibung einer Szene, einer Kulisse. Sei es ein kühler, ruhiger Hausflur, das hektische Treiben auf der Piazza davor, oder das Büro einer neuen Sekretärin bei der Polizei. Alles wirkt greifbar nahe, sehr plastisch. Und endlich: im dritten Band der Reihe wird auch Brunetti ein wenig menschlicher. In den ersten beiden Romanen schlich er stets behäbig, still und leise über die Plätze und durch die Gassen Venedigs. Hier wird er auch mal laut und ungehalten, er kann auch mal rennen und es entwischt ihm auch mal ein Tatverdächtiger. Ja, auch sein Privatleben sieht sich zum ersten mal mit einem kleinen Problemchen konfrontiert. Seine liebreizende Gattin Paola muss mit den Kindern allein in Urlaub fahren, da Brunetti durch den Fall in Venedig unabkömmlich wird. In den ersten beiden Romanen suchte man eine solch komplizierte Situation in seiner Ehe noch vergebens.

Unverändert sind die kommunikativen Fähigkeiten des Commissarios auf allerhöchstem Niveau. In Bruchteilen einer Sekunde scheint für ihn festzustehen, mit welchem Typ Mensch er gerade spricht und wie er es geschickt anstellt, von ihm eine Aussage zu bekommen, die ihm in seinen Ermittlungen weiterhilft. Und diese Perfektion ist der eigentliche Schwachpunkt auch in diesem Roman. Bevor ein mitunter seitenlanger Dialog beginnt, weiß der Leser eigentlich schon das Ergebnis: Brunetti hat wieder alle an die Wand geredet.

Die Konstruktion des Kriminalfalles ist Leon gelungen. Der Mord an dem Bankdirektor diente natürlich nur der Vertuschung eines Betrugsskandals, der sich durch die höchsten Kreise der venezianischen Gesellschaft zieht. Das Maskenspiel wird zu einer Mahnung an den Leser, dass man anderen Leuten halt nur vor den Kopf sieht. Die Lega della Moralita und ihre Machenschaften sind optimal dazu geeignet, um dies zu noch einmal ganz deutlich zu machen. Der Schein trügt halt mitunter. Ein ruhiger und gesellschaftskritischer Roman, dem es aber auch an wichtigen Stellen an Brisanz und Spannung nicht mangelt.

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