Endstation Venedig

Erschienen: Januar 1995

Bibliographische Angaben

  • New York: HarperCollins, 1993, Titel: 'Death in a Strange Country', Seiten: 290, Originalsprache
  • Zürich: Diogenes, 1995, Seiten: 395, Übersetzt: Monika Elwenspoek
  • Zürich: Diogenes, 1996, Seiten: 395
  • Schwäbisch Hall: Steinbach, 2003, Seiten: 8, Übersetzt: Christoph Lindert

Couch-Wertung:

36°
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Thomas Kürten
Nur den härtesten Fans zu empfehlen

Buch-Rezension von Thomas Kürten Mai 2003

Nach dem Erfolg ihres ersten Romans um den venezianischen Ermittler Commissario Guido Brunetti schien für Donna Leon recht bald festzustehen, dass sie einen weiteren Fall nachliefern müsse. Vielleicht war es auch der Verlag, der möglichst schnell ein Nachfolgerbuch auf den Markt bringen wollte, um an die guten Verkaufszahlen des ersten Romans anzuknüpfen. Endstation Venedig hinterlässt an vielen Stellen einen Eindruck von Versatzstücken, die aus Verlegenheit geboren im Roman platziert wurden.

Donna Leon veröffentlicht ihre Romane nicht in Italien, weil sie mit ihrer Beschreibung Venedigs und Italiens keinen gebürtigen Italiener in seinen Empfindungen verletzen will. Ihre Unsicherheit diesbezüglich findet man in diesem Roman wohl am deutlichsten, da sie es vermeidet, sich in zu genauen und detaillierten Schilderungen der Szenerie Venedigs hinzugeben. Die Stimmung, die sie hier am besten von der Stadt wiederzugeben weiß, ist die morgendliche Sonnenaufgangsstimmung an den stinkenden, einsamen Kanälen, auf denen sich zu dieser Zeit noch niemand herumtreibt. Ansonsten verlegt sie die Handlung auf einen amerikanischen Truppenstützpunkt in der Nähe von Vicenza. Hier dürfte sich die Schriftstellerin auskennen, denn im wahren Leben arbeitet sie hier.

Bevor ich zuviel herummeckere ein paar Bemerkungen zur Handlung: Die Leiche eines jungen Mannes schwimmt in einem Kanal und verschlimmert dort den ohnehin schon üblen Geruch. Seine Zahnfüllungen enttarnen ihn als Amerikaner. In dessen Wohnung auf dem Truppenstützpunkt Vicenza findet Brunetti ein Kilo Kokain, dass dort offensichtlich mit düsterer Absicht platziert wurde. Von wem und mit welchem Interesse?

Brunetti soll auf Anordnung seines Vorgesetzten den Mordfall zurückstellen und lieber einen Einbrecher namens Ruffolo suchen, der vermutlich drei Gemälde aus einem Palazzo gestohlen hat. Auch dies weckt sein Misstrauen. Als dann auch noch eine Ärztin, offenbar die Geliebte des Toten aus dem Canale, an einer Überdosis stirbt, nimmt Guido wieder die Fährte auf. Nicht zuletzt durch die Hilfe seines Schwiegervaters, der viele gesellschaftliche Kontakte pflegt, kommt er darauf, dass es in der Tat um die Verschleierung illegaler Müllentsorgung geht. Brunetti entdeckt eine illegale Deponie, entlarvt ihre Hintermänner und letztlich kann er doch nichts dagegen tun. Die Mordfälle werden so gebogen, dass es der Polizei letztlich doch möglich ist, einen Täter zu präsentieren und die Akten zu schließen.

Die Figur Guido Brunetti wirkt in diesem Roman wenig sympatisch, er ist einfach zu perfekt, wirkt dabei aber nachdenklich, zurückhaltend, introvertiert und ein wenig überheblich. Es bringt ihn einfach nichts aus der Ruhe, er ist souverän und jeder Zeit Herr der Lage. Egal, ob er mit Kollegen, Zeugen, Verdächtigen oder seinem Vorgesetzten redet, er weiß intuitiv sofort, wie er seinem jeweiligen Gegenüber begegnen muss. Zuhause ist alles Eitel Sonnenschein, seine Frau Paola liebt ihn, er liebt sie und gemeinsam lieben sie ihre Kinder, die ihnen natürlich keine Veranlassung zu irgendwelchen Sorgen geben. Die Schilderung der privaten Glückseligkeit hemmt mir zu oft den Fluss der Handlung. Ganze Kapitel widmen sich dem Familienglück des Commissarios, dessen größtes Problem zu sein scheint, Verwendung für einen Spielbankgewinn zu finden.

Die Ermittlungen im Kriminalfall plätschern schwunglos vor sich her und die Auflösung bietet vielleicht ein realistisches, aber keineswegs ein befriedigendes Ende. Die eigentliche Intention Leons scheint zu sein, die Aufmerksamkeit der Leser auf Umweltverbrechen und illegale Entsorgung hochtoxischer Substanzen zu lenken. Sie klagt die Ohnmächtigkeit der Behörden gegen die Umweltverbrecher an, da die Vergehen auf höchster politischer Ebene geduldet zu werden scheinen. Die Morde, die im Laufe des Buches geschehen, passieren ohne einen größeren Überraschungsmoment. Irgendwie kündigen sie sich stets einige Seiten zuvor zwischen den Zeilen an.

Der wohl bislang schwächste Roman um den venezianischen Commissario, der nur den härtesten Fans zu empfehlen ist. Einzig die geschilderte Stimmung der Lagunenstadt wirkt ungetrübt. Das Flair der Stadt kommt authentisch rüber. Allerdings, so hart es klingen mag, das ist das einzige, was an diesem Buch zu gefallen weiß und somit für einen guten Kriminalroman einfach zu wenig.

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