Sanft entschlafen

Erschienen: Januar 1998

Bibliographische Angaben

  • London: Macmillan, 1997, Titel: 'Death of Faith', Originalsprache
  • Zürich: Diogenes, 1998, Seiten: 336, Übersetzt: Monika Elwenspoek
  • Zürich: Diogenes, 2000, Seiten: 336
  • Schwäbisch Hall: Steinbach, 2005, Seiten: 7, Übersetzt: Christioph Lindert

Couch-Wertung:

77°
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Tyrel Tyrel
Unspektakulär und unaufdringlich

Buch-Rezension von Tyrel Tyrel Mai 2003

An diesem Buch scheiden sich die Geister. Donna Leons sechster Roman über die Kriminalfälle des Commissario Brunetti in Venedig hat bei den Lesern zu unterschiedlichen Reaktionen geführt. Einige halten es für das bisher schlechteste Werk der Reihe, andere wiederum sind der Auffassung, dass die amerikanisch-stämmige Wahlvenezianerin Donna Leon den hohen Standard der übrigen Teile gehalten hat.

Die Geschichte lässt sich in kurzen Worten wiedergeben:

An einem ereignislosen Morgen wird Commissario Brunetti auf seiner Arbeitsstelle von der ehemaligen Betreuerin seiner in einem Heim lebenden Mutter aufgesucht. Die junge Frau hat ihren Orden verlassen, da sie den schrecklichen Verdacht hegt, dass in den Altenheimen, in denen ihre Ordensschwestern das Pflegepersonal stellen, alte Menschen ihres Erbes wegen getötet würden.

Viel mehr als Vermutungen hat die ehemalige Nonne nicht zu bieten, aber Commissario Brunetti, der sie als Pflegerin zu schätzen gelernt hatte, beginnt auch ohne konkrete Anhaltspunkte informelle Nachforschungen anzustellen. Er führt Ermittlungen im Altenheim, bei den Angehörigen der Verstorbenen und der Kirche durch, bis sich sein vager Verdacht zu bestätigen scheint.

Die sympathische Figur des Commissario Brunetti steht im Mittelpunkt des Geschehens. Für mich ist er der etwas andere Polizist ohne Heldenpathos, aber dafür mit um so mehr Menschlichkeit. Brunetti präsentiert sich als ruhiger, pflichtbewusster Polizist, der jedoch im Zweifelsfall seinen Gerechtigkeitssinn über den Gehorsam stellt.

Seine Ruhe und Kraft scheint er aus dem Schutz seiner idealtypisch dargestellten Familie zu schöpfen. Die Wortwechsel und Diskussionen mit seiner selbstbewussten, sozialkritischen Frau und den aufgeweckten Kindern stellen amüsante Unterbrechungen der eher nüchternen Ermittlungstätigkeit dar. Dennoch erscheint mir die Darstellung des Familienlebens etwas zu harmonisch und perfekt dargestellt, um wirklich überzeugend und real zu wirken.

Das Buch lässt sich leicht und ohne Längen lesen. Es verfügt über einen gefälligen, gradlinigen Schreibstil ohne überflüssige Verzierungen und Schnörkel. Gleichzeitig werden die Personen und ihr Umfeld mit viel Liebe zum Detail dargestellt. Donna Leon balanciert bei der sensilblen Porträtierung der Personen gekonnt an der Grenze zwischen Normalität und Skurrilität. Das Buch ist sehr dialoglastig, wobei die wörtliche Rede sehr natürlich und ungezwungen wirkt und die italienische Mentalität einzufangen scheint. Die Atmosphäre des Romans ist eher etwas gemächlich, da auch "die Lagunenstadt erst allmählich aus dem Winterschlaf erwacht".

Das Buch leidet unter dem großen Manko, auf einer nicht überzeugenden und schlüssigen Basissituation aufzubauen. Die Vermutungen der ehemaligen Ordensschwester erschienen mir lange Zeit als völlig aus der Luft geholt, und das Engagement des Commissarios konnte ich demnach nur mit der Langeweile während der urlaubsbedingten Abwesenheit seines Chefs erklären, wenn ich es nicht als dramaturgisches Defizit der Handlung ansehen wollte.

Erst nachdem die Schwester bei einem mysteriösen Autounfall schwer verunglückt, verdichten sich auch für den Leser die Anhaltspunkte, dass die kirchliche Fürsorge in den Heimen nicht nur auf reiner Selbstlosigkeit beruht, sondern handfeste materielle Interessen dominieren.

Hier zeichnet sich dann ein zweiter Schwachpunkt des Romans ab. Die möglichen Verbrechen an alten Menschen und der in einer Nebenhandlung angedeute Kindesmissbrauch durch einen Priester im Lehramt bieten der Autorin den Vorwand, massive Kritik gegen die Kirche und ihre Organisationen und Mitglieder zu üben. Obwohl sich die Vorwürfe auf Einzelpersonen konzentrieren, findet doch eine starke Verallgemeinerung und Pauschalierung statt, die wie eine persönliche Abrechnung der Autorin wirken. Ein bisschen mehr Sachlichkeit hätte dem offensichtlichen Anliegen, religiösen Fanatismus, heuchlerische Frömmelei und kriminelles Machtstreben anzuprangern, mehr Überzeugungskraft verliehen.

Aus dem Dunkel taucht gegen Ende der Geschichte als Drahtzieher im Hintergrund die fiktive gefürchtete und mächtige kirchliche Geheimloge "Opera pia" auf.

Interessanterweise soll im englichen Original, dass ich leider nicht gelesen habe, die streng konservative Kirchenorganisation "Opus Dei" in dieser Rolle genannt werden. "Opus Dei" stieg in den über 70 Jahren ihres Bestehens in der katholischen Hierarchie bis zur Heiligsprechung ihres Gründers 1992 auf, ist aber gleichzeitig wegen politischer und wirtschaftlicher Verpflechtungen sowie sektenähnlicher, reaktionärer Ideologien umstritten. Angeblich soll diese Änderung des Namen in "Opera pia" bei der deutschen Ausgabe in Absprache mit der Autorin und ohne Einflussnahme von außen erfolgt sein.

Der Schluss des Buchs ist ebenso unspektakulär und unaufdringlich wie die übrigen Kapitel. Obwohl einige Fragen offen bleiben, wird der Leser nicht in Unzufriedenheit entlassen, sondern vielmehr in dem Bewusstsein, dass er in weiteren Romanen am interessanten Privat- und Berufsleben der Familie Brunetti teilnehmen darf.

Da ich die übrigen Bücher der Reihe noch nicht gelesen habe, kann ich einen Vergleich aller Bände miteinander nicht anstellen. Wenn aber "Sanft entschlafen" tatsächlich eines des schwächeren sein soll, spricht dies nur für das Niveau der anderen Bücher.

Trotz diverser Schwächen bietet das Buch also solide und spannende Unterhaltung. Spannung gewinnt der Roman nicht aus aktionsgeladenen Handlungssträngen oder einer aufregenden Tätersuche, sondern vielmehr aus der detaillierten und prägnanten Schilderung von Personen der venezianischen Gesellschaft und ihrer Beziehungen untereinander. Insofern stellt sich die Frage, ob die Bezeichnung Kriminalroman diesem Buch tatsächlich gerecht wird. Die Menschlichkeit, die uns in nahezu jeder Szene in positiven wie in negativen Ausprägungen begegnet, tröstet über die Schwachpunkte der Geschichte hinweg und macht das Buch in jedem Fall zu einem echten Lesevergnügen.

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