Das goldene Ei

Erschienen: Januar 2014

Bibliographische Angaben

  • New York: Atlantic Monthly, 2013, Titel: 'The golden egg', Originalsprache
  • Zürich: Diogenes, 2014

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Silke Wronkowski
Ein Nicht-Fall für Brunetti

Buch-Rezension von Silke Wronkowski Nov 2013

Seit über zwanzig Jahren schickt Donna Leon ihren Commissario Guido Brunetti nun schon auf Verbrecherjagd in Venedig. Und ebenso lange kennt der Serienleser auch seine geliebte Ehefrau, seine beiden Kinder, seinen Chef und seine Untergebenen. Die Personalfrage ist also von Anfang an immer klar, die Stadt Venedig hat ebenso schon immer eine tragende Nebenrolle in ihren Romanen. Und doch kann Donna Leon es nicht lassen, aus jeder noch so kleinen Idee einen buch-füllenden Plot zu zaubern.

Das Ende des Sommers

Jahreszeiten, auch sie spielen immer eine Rolle und verändern Brunettis Sicht auf die Welt und seine Stadt. Mal blüht der Held regelrecht auf, mal ist er eher schwermütig und bewundert die triste Schönheit der italienischen Lagunenstadt. Dieses Mal wird es Herbst in Venedig. Guido kostet jeden der letzten Sonnenstrahlen aus, denn schnell hält Dauerregen und nasse Kälte Einzug. Zwischen notwendiger und langweiliger Büroarbeit kommt auch dieses Mal Vice-Questore Patta mit einer pikanten Angelegenheit auf Guido zu, um das Ansehen des Bürgermeisters nicht durch Gerüchte über Korruption in seiner Familie beschmutzt zu wissen. Auch das ist ebenso nebensächlich wie das Abzeichnen von Berichten oder Vianellos Urlaubsplanung.

Kein Fall ist auch ein Fall

In diese berufliche Eintönigkeit platz Paola Brunetti mit der Nachricht vom Tod des Wäscherei-Gehilfen, den beide schon lange kannten. Paola bittet ihren Mann, ein paar Recherchen anzustellen, denn selbst den Namen des taubstummen Verstorbenen kannte sie nicht und Guido kann sich schon gar nicht an ihn erinnern. Also zieht Guido durch die Stadt, durch "sein" Venedig und stellt Erkundigungen über die schweigsame Mutter des Toten und ihre Vergangenheit an. Scham und Mitleid mit einem Menschen, der sich nicht mit seiner Umwelt verständigen kann, prägen die allabendlichen Familienzusammentreffen im Hause Brunetti, bis der Commissario am Ende der Geschichte hinter das wahrhaftig abschreckende Geheimnis von Davides Leben kommt, das auf natürliche Weise ein Ende fand.

Der (italienische) Makel

Der zweiundzwanzigste Fall für Commissario Brunetti ist kein Fall. Die Polizei stellt keine Ermittlungen an, denn es gibt kein Verbrechen, das aufzuklären wäre. Die stereotypen Probleme Italiens, die Donna Leon in all ihre Bücher einfließen lässt, die Korruption, das organisierte Verbrechen, sie werden nur am Rande angerissen. Stattdessen werden über Gebühr einzelne Worte gar nicht erst aus dem Italienischen ins Deutsche übersetzt. Und doch werden Fans der Reihe um die seit über zwanzig Jahren in Zeitlupe alternde Bilderbuchfamilie Brunetti am Schluss peinlich berührt und erschüttert den Buchdeckel zuklappen. Nein, nicht aus Verdruss über diese seicht dahinplätschernde Geschichte, sondern vielmehr wegen der unerwarteten Wende, die sie am Schluss – und zwar ganz am Schluss – doch noch nimmt. Als gesellschaftskritischer Familienroman berührt Leons Geschichte, als Krimi ist Das goldene Ei leider nur blechern.

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