Blutgier

  • Goldmann
  • Erschienen: Januar 2007
  • München: Goldmann, 2007, Seiten: 510, Übersetzt: Jochen Stremmel
  • New York: Ballantine Books, 2006, Titel: 'Gone', Originalsprache
Blutgier
Blutgier
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Thomas Kürten
58°

Krimi-Couch Rezension von Thomas Kürten Feb 2008

Zielgruppenorientiert

Es ist bereits der zwanzigste Roman einer überaus erfolgreichen Serie. Jonathan Kellerman wird nicht müde zu schreiben und sein Alex Delaware wird nicht müde, sich in die Angelegenheiten der Polizei einzumischen. Denn auf eigene Faust ermittelt der Psychologe eigentlich nicht. Eher aus Abenteuerlust opfert der gutsituierte Akademiker seine Zeit für Streifzüge durch das nicht ganz so glamouröse LA, stets an der Seite von Milo Sturgis, einem Einzelgänger aus den Reihen des Morddezernats der LAPD.

Nach zwanzig Romanen, da weiß ein Autor was seine Leser von ihm erwarten. Da weiß er auch, wie Spannung und Dramatik aufgebaut werden. Er weiß, wie Dialoge und Befragungen aufgebaut werden müssen. Was ein Autor aber mitunter dann nicht mehr weiß, ist wie er seine Hauptfiguren weiter entwickeln soll. Aber dazu später.

Vorgetäuschte Entführung, echter Mord

Delaware lernt die Möchtegernschauspielerin Michaela Brand kennen, weil er für Gericht ein psychologisches Gutachten über sie anfertigen soll. Die junge (und natürlich attraktive) Frau hatte gemeinsam mit einem Bekannten von der Schauspielschule ihre eigene Entführung inszeniert, um Publicity zu erlangen. Der Schuss ging nach hinten los. Aber nur kurz nach Ende des Prozesses findet die Polizei die Leiche von Michaela und auch ihr Kumpane scheint verschwunden zu sein.

Schnell merken Delaware und Sturgis, dass die vielen jungen Leute, die ihr Glück als Schauspieler suchen, nur wenige Spuren in Hollywood hinterlassen. Falls welche von ihnen verschwinden, dauert es zum einen lang, ehe das bemerkt wird und sie als vermisst gemeldet werden, zum anderen hat die Polizei aber auch kaum Anhaltspunkte zum sozialen Umfeld. Dealware und Sturgis versuchen deshalb ihr Glück in der Schauspielschule, in der Michaela und ihr Freund gelernt haben. Dort begegnet ihnen zunächst nur ein etwas merkwürdiger Hausmeister. Doch auch die Schulleiterin Nora Dowd ist ohne Zweifel ein wenig exzentrisch. Ihre Kurse sind kostenfrei und sie führt kein Buch über die Teilnehmer. Die Spurensuche wird also nicht leicht sein.

Es lebe der Mainstream

Johnathan Kellerman präsentiert mit Blutgier (im Original: Gone, also svw. "fort gegangen" oder "verschwunden") einen klassischen Whodunit amerikanischer Prägung. Doch während Kellerman in den allerersten Romanen der Serie noch mehr aus seiner Arbeit als Psychologe in den Charakter des Alex Delaware einbringen konnte und Delaware aus seinem unmittelbaren Arbeitsumfeld in Fälle verstrickt wurde, hat sich das Profil des Protagonisten in den letzten Romanen nicht mehr schärfen können. Wie er inzwischen von Milo Sturgis zu den Ermittlungen mitgenommen wird, erinnert an einen Juniorpartner und nicht an einen Psychologen. Und obwohl Kellermanns Romane reichlich Spannung und gute Dialoge und Verhöre bieten, wirken z.B. die Klassiker von Ross MacDonald, die aus den gleichen Zutaten gestrickt wurden und im gleichen "Revier" handeln, einfach deutlich knackiger. Als geradezu misslungen sind die Kapitel zu werten, in denen Delaware ein Privatleben gegeben wird. Sie stören eher, als dass sie die Geschichte bereichern, sind Fremdkörper in einer ansonsten sehr stringenten Handlung.

Als prinzipiell verwirrend muss gewertet werden, mit welchen Mitteln der Verkaufserfolg des Romans angekurbelt werden soll. Ein sinnentleerter Titel, der mit der Handlung nun aber auch gar nichts zu tun hat und ein ebenso hilflos wirkendes Cover, das handelsübliche Einwegspritzen gefüllt mit Tomatensaft (oder ist es Blut?) zeigt. Doch die hier suggerierte Brutalität sucht man in den Zeilen des Romans über weiteste Strecken vergebens. Zusammenhänge ergeben sich auch nach 510 Seiten nicht. Vielmehr unterwirft man sich hier dem Diktat des Mainstreams; Dealware ist kein forensischer Pathologe, der dank seines Berufes mit irgendwelchen chirurgischen Instrumenten hantieren müsste. Die Cover der aktuellen Auflagen folgen dem Geschmack der Zielgruppe. Wahrscheinlich hat man erkannt, dass Landschaftsbilder oder Heideröschen auf der Klappe nicht gerade verkaufsfördernd wirken. Ob den Leser aber irreführende Motive und Titel glücklicher machen, darf zumindest angezweifelt werden.

Blutgier

Jonathan Kellerman, Goldmann

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