Schwanengesang

Erschienen: Januar 1959

Bibliographische Angaben

  • London: Victor Gollancz, 1947, Titel: 'Swan Song', Seiten: 192, Originalsprache
  • Frankfurt am Main: Ullstein, 1959, Seiten: 175, Übersetzt: Wilm W. Elwenspoek
  • München: Goldmann, 1983, Seiten: 186, Übersetzt: Tony Westermayr
  • Köln: DuMont, 2003, Seiten: 232, Übersetzt: Eva Sobottka

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Michael Drewniok
Spannend, sprüht vor trockenem Witz

Buch-Rezension von Michael Drewniok Mär 2004

Oxford kurz nach dem II. Weltkrieg. Zum ersten Mal sollen im örtlichen Opernhaus Wagners "Meistersinger" zum Besten gegeben werden. Die Aufführung wird vom Publikum, der Kritik und den Medien mit Spannung erwartet. Entsprechend blank liegen die Nerven des Ensembles. Für George Peacock, den jungen Dirigenten, wird der Premierenabend über die weitere Karriere entscheiden. Die Sänger und Schauspieler stellen sich voll in den Dienst der Sache. Doch eines schießt quer.

Edwin Shorthouse ist ein begnadeter Sänger, aber privat ein Trunkenbold und Schürzenjäger, den alle im Opernhaus hassen. Adam Langley, der Tenor, ist misstrauisch, seit er merken musste, dass Shorthouse ihm seine Braut, die Schriftstellerin Elizabeth Harding, abspenstig machen wollte. Die junge Judith Haynes wollte er sogar vergewaltigen, was nur die energische Joan Davis im letzten Moment verhindern konnte. Judiths Verehrer Boris Stapleton soll von diesem Zwischenfall nichts wissen, denn Shorthouse gibt vor, seiner gerade komponierten Oper zur Aufführung verhelfen zu wollen.

Ein Selbstmord im "Locked-Room"?

Eines Morgens wird Shorthouse erhängt in seiner fensterlosen, von innen fest verschlossenen Garderobe gefunden. Ein Selbstmord erscheint eigentlich unwahrscheinlich bei diesem in sich selbst verliebten Mann. Zudem hat man ihm ein starkes Beruhigungsmittel in seinen Gin gegeben. Der überforderte Inspektor Mudge beschließt diese Verdachtsmomente zu übersehen. Doch wie der Zufall so will, steht Tenor Langley in Kontakt mit einem Bekannten, dem Literaturprofessor und Amateurdetektiv Gervase Fen. Dieser bedrängt seinen Freund Sir Richard Freeman, den Polizeichef von Oxford, sich an die Ermittlungen beteiligen zu dürfen.

Diese gestalten sich schwierig angesichts der zahlreichen, meist alibilosen Verdächtigen, zu denen sich auch noch Charles Shorthouse gesellt, Edwins exzentrischer Bruder und ebenfalls ein Komponist, der nach dessen Vermögen giert, was kein Geheimnis ist. Zunehmend hektischer und im Kreis verlaufen Fens Untersuchungen. Derweil werden gleich zwei Mordanschläge in Folge auf Elizabeth Harding verübt. Aber erst ein zweiter Mord lässt in Fens Kopf die Mosaiksteinchen an die richtigen Stellen fallen. In einer für ihn typischen Szene versammelt er alle Verdächtigen in Shorthouses Garderobe und rekonstruiert in einer atemberaubenden Vorstellung einen wahrhaft meisterlichen Mord, den eine Kette grotesker Zufälle in ein tragikomisches Mysterium verwandelte ...

Eine Herausforderung für den Verfasser von Rätselkrimis

Der eigentlich unmögliche, weil im Inneren eines fest verschlossenen, für den Täter faktisch nicht zu betretenden Raumes vollzogene Mord ist seit jeher eine Herausforderung für den Verfasser von Rätselkrimis. Gemeinsam mit dem lange ratlosen Ermittler soll der Leser die akkurat vorgestellten Indizien und Spuren sichten und möglichst selbst des Rätsels Lösung finden. Wirklich zufrieden ist der Autor dann, wenn ihm solches gelingt und er trotzdem durch einen logisch aus der Handlung erwachsenden, aber unerwarteten Kniff besagten Leser verblüffen kann.

"Schwanengesang" ist in der Spätphase der sogenannten "Goldenen Ära" des angelsächsischen Kriminalromans entstanden. Crispin hält sich an das Fair-Play-Gebot, aber er macht es seinem Publikum schwer bis unmöglich, den Anschluss an die ebenso wendungs- wie temporeiche Handlung zu behalten. Wir nehmen ihm das nicht übel, denn sein Spiel mit den Regeln ist geistreich und witzig. Es ist schließlich unsere eigene Schuld, dass wir uns durch seine Finten und Aperçus ständig ablenken lassen.

Dem schwarzhumorigen Spiel setzt Crispin die Krone auf

Mit der finalen Auflösung setzt Crispin dem schwarzhumorigen Spiel die Krone auf. John Dickson Carr, der König des "locked room mystery", dürfte gelb vor Neid geworden sein. Mit immenser Raffinesse entwirft Crispin eine absurd vertrackte Todesfalle, die nichtsdestotrotz völlig funktionstüchtig erscheint. Dann setzt er noch eins drauf und enthüllt uns einen Tathergang, der in seinem Irrwitz ebenfalls absolut überzeugt. Im Universum des Gervase Fen ist alles möglich. Wir nehmen es deshalb auch klaglos hin, dass unserem Detektivprofessor genau dann, als er ein potenzielles Mordopfer aus einem fest verschlossenen Haus retten muss, ein gemütlicher Meistereinbrecher über den Weg läuft, der nach getaner Arbeit wieder im logischen Nichts verschwindet, aus dem er gekommen ist: Crispin ließ in einfach vom Himmel fallen, weil es diesen Handlungsstrang weiter bringt.

Aber aus der Tatsache, dass Gervase Fen eine literarische Figur in einer fiktiven Welt ist, hat der Verfasser nie einen Hehl gemacht. Hier soll er als berühmter Detektiv interviewt werden; andere Kollegen, die befragt werden sollen, sind Sir Henry Merrivale (kreiert von J. D. Carr), Albert Campion (Margery Allingham) und Beatrice Bradley (Gladys Mitchell), drei klassische Gestalten des Kriminalromans, die der neidische Fen nicht zu kennen vorgibt. (In "Heiliger Bimbam", DuMont Kriminal-Bibliothek Nr. 1105, regt er sich schrecklich über die angekündigte Schützenhilfe durch "Appleby von Scotland Yard" auf - die Hauptfigur einer grandiosen, äußerst langlebigen Krimiserie von Crispin-Kollege Michael Innes.)

Wortwitz, Slapstick und ein exzentrisches Figurenensemble

Der mit Wortwitz und sogar Slapstick durchsetzten Handlung steht ein entsprechend exzentrisches Figurenensemble gegenüber. Da ist natürlich vor allem Gervase Fen selbst, das unkonventionelle Genie aus dem Bilderbuch. Fröhlich und unbekümmert setzt er sich scheinbar über alle Regeln hinweg. Bei genauem Hinsehen erkennen wir freilich, dass Fen tatsächlich ein Pfeiler des Establishments ist. Er ist ein berühmter Gelehrter und ein bekannter Detektiv, der gesellschaftlich anerkannt ist, den man um Rat fragt und der sich seine Extravaganzen folglich leisten kann. Von der harten Arbeit, sich diesen Status zu erarbeiten, erfahren wir in Crispins Romanen selbstverständlich nichts; es interessiert uns auch gar nicht. ('Biografisches' über Gervase Fen erfährt der interessierte Leser übrigens ausführlich unter http://homepage.tinet.ie/~fenpages.)

Künstler sind von Natur aus ein bisschen verrückt. Daher ist der Schauplatz Opernhaus ideal für Crispin. Als bekannter Komponist kannte er sich in diesem Gewerbe sehr gut aus. Die zahllosen Seitenhiebe gegen eingebildete Darsteller, überforderte Spielleiter, geizige Produzenten und andere Primadonnen kommen sichtlich von Herzen.

Der Inspektor ist so tumb wie sein Name vermuten lässt

Inspektor Mudge ist genretypisch genauso tumb wie sein Name vermuten lässt. Pförtner, Dienstmädchen und andere Angehörige "niederer Stände" sind prinzipiell beschränkt oder bauernschlau und immer für einen deftigen Witz gut. Es bleibt sogar die Zeit für einen Kurzauftritt des trügerisch senilen, äußerst lebenslustigen Alt-Professors Wilkes, der Fen in "Der wandernde Spielzeugladen" (DuMont Kriminal-Bibliothek Nr. 1123) detektivisch zur Hand ging, vor allem aber seine Spirituosen-Vorräte dezimierte.

Hin und wieder wird Crispin Ernst. "Schwanengesang" spielt im England der unmittelbaren Nachkriegsjahre. Die Schrecken des Nazi-Terrors sind noch sehr präsent und werden auch hier nicht verschwiegen. Ein exildeutsches Mitglied des Ensembles sieht sich englischen Ressentiments ausgesetzt, die Musik des "Hitler-Idols" Richard Wagner war bis vor kurzem verboten, die Nahrungsmittel sind immer noch knapp und teuer; die Sänger träumen von einer Tournee durch die unzerstörten und reichen Vereinigten Staaten.

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