Die Dämmerung

  • Ullstein
  • Erschienen: März 2024
  • 9
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Thomas Gisbertz
82°1001

Krimi-Couch Rezension vonApr 2024

Raabe spielt gekonnt mit Schein und Sein.

Königswald nordöstlich von Potsdam: Den Freitagabend hat sich Sophie Bauer sicher anders vorgestellt. Seit kurzem wieder Single, begibt sich die 22-Jährige alleine im dichten Nebel auf die Jagd. Als sie plötzlich den markerschütternden Schrei einer Frau hört, versucht die verängstigte Jägerin dennoch zu helfen. In Der Dämmerung meint Sophie mit einem Mal ein mysteriöses Wesen zu erkennen - halb Mensch, halb Tier.

In Wirklichkeit ist dies aber die bizarr arrangierte Leiche der bekannten Charity Lady Charlotte Tempel. Die Tote war nicht nur eine beliebte Wohltäterin, sondern auch für den wichtigsten Medienpreis des Landes nominiert. Schnell gerät Tempels einundzwanzigjährige Tochter Leo unter Verdacht: Die Klimaaktivistin ist eine wahre Rebellin, unberechenbar und aufmüpfig. Doch der unkonventionelle Ermittler Art Mayer vom BKA zweifelt an ihrer Schuld. Dann stirbt eine weitere Frau auf ähnliche Weise - und auch sie war für den Medienpreis nominiert. Liegt hier das Motiv? Zusammen mit seiner hochschwangeren Kollegin Nele Tschaikowski stößt Art bei seiner Suche nach dem Täter auf ein mysteriöses Tonband, das gleich mehrere Personen zu belasten scheint. Doch als der BKA-Beamte sich auf seinen Instinkt verlässt, begeht er einen großen Fehler.

Fortsetzung der Art-Mayer-Reihe

Wenn man über exzellente deutschsprachige Thriller mit großer Spannung und rasantem Tempo spricht, kommt man schon seit Jahren nicht an Autor Marc Raabe vorbei. Der Kölner, der regelmäßig die Bestsellerlisten stürmt, ist ein Garant für packende Unterhaltung.

Beim Berliner Ullstein Verlag erscheint nun mit „Die Dämmerung“ die Fortsetzung der neuen Thriller-Serie um Ermittler Art Mayer und die Kommissaranwärterin Nele Tschaikowski. Wie vom Autor gewohnt, bieten die über 500 Seiten erneut eine spannende Jagd auf einen ungewöhnlichen Mörder und einen Plot voller Twists. Dabei ist Raabe mit Themen wie Klimaaktivismus oder Fake-Videos mittels KI erneut am Puls der Zeit. Wer die Reihe mag, darf sich bereits jetzt auf den dritten Band, „Die Nacht“, freuen, der Februar 2025 angekündigt ist.

Umfangreiche Darstellung

Marc Raabe beweist Mut, indem er seinen gewohnten Erzählstil erweitert. Neu ist diesmal, dass der Kölner Autor mit einer Ich-Erzählerin eine andere, für ihn ungewöhnliche Erzählform wählt. Dadurch gelingt es ihm aber, tiefer gehende Blicke in die Gefühlswelt einer seiner Figuren zu geben. Ein deutlicher Mehrgewinn für den Roman. Neben den aktuellen Geschehnissen rund um die Ermordung der Charity Lady wählt Raabe diesmal als Parallelhandlung die einige Jahre zurückliegende Geschichte von Bell und Bo, einem jungen Pärchen, dass sich trotz Widerständen zueinander bekennt. Um wen es sich bei den beiden genau handelt, bleibt lange im Dunkeln. Es wird aber schnell deutlich, dass sie eine wichtige Rolle im Zusammenhang mit dem aktuellen Fall spielen.

Diese Episode entbehrt aber nicht ganz kleinerer Längen, wodurch der Haupthandlung vereinzelt etwas das Tempo genommen wird. Diese ist aber gewohnt packend und spitzt sich zum Ende hin auch immer mehr zu. Doch der Roman endet diesmal nicht mit wie beim ersten Teil „Der Morgen“ mit einem actionreichen Schluss. Zwar werden die zahlreichen Handlungsstränge zum Schluss gekonnt zusammengeführt, allerdings nimmt sich der Autor nach dem eigentlichen Höhenpunkt des Thrillers dafür fast 70 Seiten Zeit. Dies ist inhaltlich auch notwendig und gelingt in seiner Darstellungsweise hervorragend, ohne dass der Roman dadurch an Spannung verliert. Vielleicht trifft dies aber nicht den Geschmack aller Leser.

Authentische Figuren

Der Thriller besticht vor allem dann mit einer packenden Handlung, wenn der Blick auf die aktuellen Ereignisse und die Ermittlungen Art Mayers gerichtet wird. Hier überzeugt Raabe mit starken Dialogen und lebensechten Figuren. Besonders die rebellische Leo ist ein wunderbarer Charakter, bei dem der Autor ein Gespür für die Identität junger Menschen beweist. Aber auch die Zerrissenheit der ansonsten so selbstsicheren Nele, die noch immer nicht weiß, ob sie sich wirklich auf ihr Kind freuen kann, wird äußerst authentisch und sensibel dargestellt. Dies betrifft auch ihr Trauma, das sie nach dem letzten Fall zu bewältigen hat.

Zuletzt darf natürlich der raubeinige Art nicht vergessen werden, der das Recht ein ums andere Mal in die eigene Hand nimmt und polizeiliche Vorgaben gerne beiseiteschiebt. Stets an der Grenze des Erlaubten verfolgt er seinen eigenen Ermittlungsweg - sehr zum Unwillen seines Chefs Martin Buchwald. Besonders der eigenwilligen Strahlkraft des unkonventionellen Ermittlers kann man sich nur schwer entziehen. Ein weiterer Höhepunkt ist sicherlich wieder seine „Auseinandersetzung“ mit dem kleinen Nachbarmädchen Milla. Hier zeigt sich der sonst so raubeinige Art unfreiwillig von seiner väterlichen Seite.

Fazit

Ein komplexer, vielschichtiger Roman, der mit einer authentischen Figurengestaltung, starken Dialogen und einem packenden Plot zu überzeugen weiß. Die erweiterte Erzählform tut dem Roman gut. Insgesamt ein typischer Raabe-Thriller, den man nicht verpassen sollte.

Die Dämmerung

Marc Raabe, Ullstein

Die Dämmerung

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