Erwartung

Erschienen: Januar 2013

Bibliographische Angaben

  • Kopenhagen: Gyldendal, 2012, Titel: 'Marco effekten', Seiten: 505, Originalsprache
  • Berlin: Der Audioverlag, 2013, Seiten: 8, Übersetzt: Wolfram Koch

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Jürgen Priester
Nicht zu viel erwarten!

Buch-Rezension von Jürgen Priester Jun 2013

Dänische Banker werden von der Finanzkrise gebeutelt und vergehen sich an den Ärmsten der Armen. In Kamerun wird der afrikanische Koordinator eines dänischen Hilfsprojektes gemeuchelt. Ein hoher Beamter des dänischen Außenministeriums verschwindet nach seiner Rückkehr von einer Inspektionsreise spurlos. Ein fünfzehnjähriger Junge will seinen kriminellen Familienclan verlassen und stolpert über eine Leiche. Das Sonderdezernat Q mit Carl, Rose und Assad ist gut drauf und löst einen Fall in Windeseile. Gleichzeitig müssen sie sich aber mit einem neuen Chef und einem unliebsamen Hospitanten herumschlagen. Durch Zufall wird Rose auf einen Fall gestoßen, der schon länger auf den Schreibtischen des Sonderdezernats ruht, der die Grundlage für Erwartung bildet.

Man kann nun nicht behaupten, Jussi Adler-Olsen gingen die Ideen aus. Auch die fünfte Folge der Carl-Mørck-Reihe wartet mit einem vielschichtigen Plot auf. Der Autor spannt geographisch einen Bogen über mehrere Kontinente. Erwartung beginnt im Herzen Afrikas, spielt hauptsächlich in Kopenhagen und dem Umland und endet irgendwo in Südamerika. Kriminalistisch reicht das Spektrum vom simplen Taschendiebstahl bis zu brutalen Auftragsmorden. Das könnte jetzt vor Spannung nur so knistern, tut es leider nicht. Adler-Olsen bleibt bei seiner Strategie des offenliegenden Plots. Der Leser wird vorab über alles informiert, diesmal gibt es weder Geheimnisse noch Überraschungen, wenn man mal vom Ende der Story absieht. Natürlich kann auch ein solches Konzept Spannung in sich bergen, wenn z.B. die Ermittler sich nahe am Täter befinden, dieser aber immer entwischt, oder wenn man die Ermittler auf einer falschen Fährte beobachtet. Und noch einmal Fehlanzeige. Adler-Olsen konzentriert sich auf das Innenleben seines Q-Teams und widmet sich in aller Ausführlichkeit dem Schicksal eines Jugendlichen, der unbarmherzig von seiner "Familie" gejagt wird.

Der Marco-Effekt

Der Untertitel von Erwartung lautet "Der Marco-Effekt" - abgeleitet vom Titel des dänischen Originals. Darunter stellt sich Jussi Adler-Olsen so etwas wie den berühmten Schmetterlings-Effekt vor, nur halt auf kürzere Distanz und direkt wirkend.

Der fünfzehnjährige Marco ist Mitglied einer Bande Kleinkrimineller, die sich mit professioneller Bettelei, Taschendiebstahl und Trickbetrügereien über Wasser hält. Er sieht sie als seine Familie an, schließlich gehören sein Vater und sein Onkel auch dazu. Aber ein richtiger Familien-Clan sind sie doch nicht, eher ein Haufen Gestrandeter aus verschiedenen Nationen, die eine etwas dunklere Hautfarbe kennzeichnet. (Adler-Olsen laviert da ziemlich herum. Erst bringt er ohne Notwendigkeit die Bezeichnung "Zigeuner" ins Spiel, um das dann, der "political correctness" gezollt, ständig zu relativieren. Sehr ungeschickt gemacht, Herr Autor!)

Auf jeden Fall ergreift Marco, als er mitkriegt, dass der "Boss" ihn vorsätzlich zum Krüppel machen will, um noch bessere Ergebnisse beim Betteln zu erzielen, unverzüglich die Flucht. Nachts allein im Wald, die Häscher im Nacken, verbuddelt er sich im weichen Waldboden und bleibt unentdeckt. Unglücklicherweise hat er sich genau eine Stelle ausgesucht, an der schon eine Leiche notdürftig vergraben liegt. Marco ahnt, dass seine Sippschaft etwas damit zu tun haben könnte.

Das Auffinden der Leiche löst einen Dominoeffekt aus. Nicht nur Marcos Clan ist durch dessen Wissen gefährdet, sondern auch eine Reihe hochstehender Persönlichkeiten, deren Komplott aufzufliegen droht. Marco taucht in Kopenhagen unter. Er will seine kriminelle Vergangenheit hinter sich lassen, nicht nur weil er jetzt im Visier mehrerer Banden steht, sondern auch weil er schon länger nicht mehr die entsetzten Gesichter der Opfer, die er betrogen und beraubt hat, ertragen kann. Er möchte zu den "Guten" gehören, möchte zur Schule gehen, lernen, studieren – ein anderes "normales" Leben führen. Doch seine Verfolger lassen ihn nicht zur Ruhe kommen. Sein jetziges Leben ist eine permanente Flucht

Nette Unterhaltung

Wenn man die Kriminalliteratur der letzten zwei Jahrzehnte Revue passieren lässt, kann man feststellen, dass sich – ähnlich wie im Fernsehen - markante Hauptprotagonisten als Erfolgsgaranten etabliert haben, was sich sowohl in ihrer Beliebtheit bei der Leserschaft als auch ganz konkret in besten Verkaufszahlen widerspiegelt. Es ist müßig, all die vielen Lynleys, Scarpettas oder Kluftis aufzuführen. Jussi Adler-Olsen hat mit Carl-Mørck, Rose und Assad aus dem Sonderdezernat Q Kultfiguren geschaffen. Waren sie in den ersten Folgen der Reihe noch nicht so richtig greifbar, haben sie bis zur vorliegenden Folge 5 deutlich schärfere Konturen angenommen und ihre privaten und dienstlichen Interaktionen nehmen einen breiteren Raum ein. Es ist Geschmackssache, ob man von ihren kalauernden Gesprächen und Gedanken begeistert ist oder sie für entbehrlich hält. Dem Rezensenten kommt die Fallanalyse und die Aufklärung als Herzstück eines Kriminalromans einfach zu kurz. Da stimmt die Gewichtung nicht mehr. Ein Quickie auf dem Dienstschreibtisch oder das permanente Einstreuen von Kamel-Witzen erhöhen zwar den Unterhaltungswert, schmälern aber gleichzeitig das Wesentliche eines Krimis: die Spannung.

Wenig Spannung

Das Ausgangsverbrechen wird von verzweifelten Bankern initiiert. Ob ihr Problemlösungsweg der Wirklichkeit standhält, darf bezweifelt werden. Aber seit "Alphabethaus" und "Washington-Dekret" wissen wir, dass Jussi Adler-Olsen mit eigenen Realitäten arbeitet. Im konkreten Fall ist es nicht so entscheidend. Schwerer wiegt, dass es Adler-Olsen wieder misslingt, mit einem guten Plot Spannung zu erzeugen. Was ist eine Verschwörung ohne geheime Drahtzieher, wenn alle Rollen verteilt sind und offen benannt werden?

Auch der Marco-Handlungsstrang birgt eher wenig Spannung. Obwohl Marcos (Dauer-)Flucht für die nötige Action sorgt, ist sie im Grunde genommen eine rührende Herzschmerz-Geschichte mit absehbarem Ausgang. Die Wandlung eines jugendlichen Saulus zum Paulus kann aus moralischen Gründen nicht schlecht ausgehen.

Eine "Ende gut, alles gut"-Geschichte. Mainstream für den amerikanischen Markt, auf dem Jussi Adler-Olsen mittlerweile gut Fuß gefasst hat. Eine bange Frage bleibt für die Fortsetzung: Wendet sich Carl Mørck seiner alten gescheiterten oder seiner neuen scheiternden Beziehung zu?

Nein, die bange Frage lautet: Macht Jussi Adler-Olsen auf diesem bescheidenen Niveau weiter? Oder kriegt er noch mal die Kurve?

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