Verachtung

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • Kopenhagen: Politiken, 2011, Titel: 'Journal 64', Seiten: 474, Originalsprache
  • München: Der Audioverlag, 2012, Seiten: 6, Übersetzt: Wolfram Koch

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Jürgen Priester
Solide Fortsetzung – nicht mehr, nicht weniger

Buch-Rezension von Jürgen Priester Dez 2011

Nach einem nicht so gelungenen Intermezzo, das uns zu Adler-Olsens Debütroman Das Alphabethaus aus dem Jahre 1997 führte, geht’s jetzt weiter mit frischem Stoff aus der Carl-Mørck-Reihe, die den Autor weltweit bekannt gemacht hat. Die Erwartungen an das Ende letzten Monats erschienene Verachtung waren groß, hatte der Autor selbst mit den drei Vorgängern die Messlatte sehr hoch gelegt. Herausgekommen ist ein weiterer solider Kriminalroman, der sich auch gleich in den Spitzenpositionen der diversen Büchercharts einnistete, auch wenn die Fans wegen des Hardcover-Formats diesmal tiefer in die Tasche greifen mussten. Die Werbe-Maschinerie rattert und die semiprofessionellen Cheerleaders des größten deutschen Online-Anbieters strecken eifrig ihre 5-Sterne-Pompons in die Höhe. Anderswo hält sich die Begeisterung eher in Grenzen. Jussi Adler-Olsen hat auch Glück. Sein Werk ist zur Zeit zwar nicht alternativlos, aber konkurrenzlos. Nicht, dass es auf dem Büchermarkt nicht qualitativ Höherwertiges gäbe, aber wir wissen ja, dass sich dieses nicht unbedingt gut verkauft. Wer momentan fehlt, das sind die Abräumer der letzten Jahre wie Cody McFadyen oder Simon Beckett. Ob sie an Schreibblockade leiden oder an Ideenlosigkeit – wir wissen es nicht. Nur die "Grande Dame" der Kriminalliteratur ist mit ihrem neusten Œuvre Glaube der Lüge auf der Piste, das sich leider als ein Grabgesang auf den Kriminalroman entpuppt.

Jussi Adler-Olsen hat auf jeden Fall seine Pflicht getan, seine Hausaufgaben gemacht, um es mal mit den Lieblingsworten der Bundeskanzlerin auszudrücken. Für solide, aber nicht herausragende Leistungen gab es früher in der Schule eine Drei plus oder wohlwollend eine Zwei minus. In diesem Bereich liegt auch die Einschätzung des Rezensenten. Ausgestattet mit einem bewährt pointierten Titel und dem Abbild der traditionellen, der sogenannten "Blutschere", die seit Jahren wie eine Olympische Flamme von Verlag zu Verlage getragen wird, wird die deutsche Ausgabe der Erfolgsgeschichte von Carl Mørck und seinem Sonderdezernat Q seinen Weg weiter fortsetzen.

Carls Mini-Team, bestehend aus ihm und seinen Assistenten Rose und Assad, hat sich jetzt in Folge 4 als eingespielte Truppe etabliert und ist seinem Schöpfer zu einem Pfund geworden, mit dem dieser nun trefflich wuchern will. Von Folge zu Folge gab und gibt Adler-Olsen mehr Informationen über seine Protagonisten preis, ohne aber ihre letzten Geheimnisse zu offenbaren. So können wir weiterhin über Assads undurchsichtigen Hintergrund rätseln oder uns über Roses leicht dissoziative Anwandlungen wundern. Es macht einfach Spaß, ihnen bei der Arbeit über die Schultern zu schauen und ihrer locker frotzelnden Konversation zu folgen. Adler-Olsen legt ihnen so manches Bonmot in den Mund. Leider ist auch er nicht vor Ausrutschern gefeit. Die Diskussionen um die spritzerfreie Nutzung einer Toilette ist ein Griff in die Selbige. Peinlich.

Ansonsten ist das Sonderdezernat recht guter Dinge und wühlt eifrig in den alten Akten. Dabei stoßen sie auf das spurlose Verschwinden eines "Leichten Mädchens" im Jahre 1987. Eine erweiterte Computerrecherche bringt die Erkenntnis, dass in einem kurzen Zeitraum des Jahres mehrere Personen als vermisst gemeldet wurden.

Während Carls Team der Sache auf den Grund geht, rollt Jussi Adler-Olsen in Rückblicken das Leben einer gewissen Nete Hermansen auf. Geboren Ende der 1930er Jahre musste sie von Kindesbeinen an auf dem elterlichen Bauernhof tatkräftig mitwirken. Der Schulbesuch war sporadisch, ihr Lese- und Schreibvermögen blieb deswegen unterentwickelt. Nach dem frühen Tod der Mutter war der Vater als Alleinerziehender überfordert. In ihren Teenie-Jahren geriet Nete unverschuldet auf die schiefe Bahn. Nach zwei Abtreibungen wird dem Vater das Sorgerecht entzogen. Netes langsamer, aber stetiger Abstieg führt über mehrere Pflegefamilien, bis sie in einer Anstalt für sozialhygienisch aussortierte Frauen auf Sprogø, einem gottverlassenen Eiland im Großen Belt, landet. Die Zeit dort wird ihr als Vorhof der Hölle in Erinnerung bleiben. Später wendet sich ihr Schicksal. Es geht ihr gut, bis sie im Jahre 1987 auf einen ihrer früheren Peiniger trifft.

Es ist wirklich keine Überraschung, dass diese beiden Handlungsstränge miteinander in Verbindung stehen. Dem Leser ist schon relativ früh klar, wie der Hase laufen wird. Dafür sorgen die bruchstückhaften Erinnerungen von Netes Wegbegleitern – nur wer, wieweit involviert ist, bleibt ein Geheimnis. Während seiner Ermittlungen stößt das Q-Team nämlich ganz unerwartet auf den Frauenarzt Curt Wad, der nach dem 2. Weltkrieg nicht nur die Praxis seines Vaters übernahm, sondern auch dessen braune Gesinnung. Wie die sprichwörtlichen Halbgötter in Weiß maßen er und eine Handvoll Kollegen sich an, Herren über Leben und Tod zu spielen. Ihr innerer Zirkel nennt sich "Geheimer Kampf" und führt einen Untergrund-Krieg gegen nach ihren Ansicht unwerten Lebens. Nach außen hin treten sie als rechtspopulistische Partei (in Gründung) auf, deren Name "Klare Grenzen" auf einen weiteren Punkt ihres Parteiprogramms hindeutet – gegen die Überfremdung ihres kleinen Königreiches

Jussi Adler-Olsen hat sich diesmal nicht auf eine rein fiktive Erzählung beschränkt, sondern sich eines der dunklen Kapitel der dänischen Vergangenheit angenommen. Wie er in einem Nachwort noch einmal betont, hat es diese Anstalt auf Sprogø von 1923 bis 1961 wirklich gegeben und in diesen Zeitraum fallen auch etwa 10 000 Sterilisationen, die meist unter Zwang durchgeführt wurden. Adler-Olsen kritisiert, dass den betroffenen (meist) Frauen bis heute noch keine Anerkennung seitens des dänischen Staates erfolgt ist. Es ist eine Stärke seines Romans, dass es dem Autor gelingt, seine eigene Betroffenheit über die damaligen Zustände auf den Leser zu übertragen. Das Leiden der Nete Hermansen lässt niemanden kalt

Die Figur der Nete und ihr Lebensweg sind es auch, die Adler-Olsens Plot vor einem Absturz bewahren. Sein Konzept eines (fast) allwissenden Lesers nimmt der Handlung viel an Suspense. Zu vorhersehbar ist die Entwicklung und die Überraschungseffekte am Ende der Story erzeugen beim Leser nur ein müdes Lächeln. An sich ist es ja spannend, die Ermittler zu beobachten, wie sie sich langsam dem Täter nähern oder sich auf Irrwege begeben, doch das Sonderdezernat Q ist viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Das lenkt nicht nur ab, sondern verhindert auch, dass durch eine aktive Ermittlung Dynamik entsteht

Der Deutsche Taschenbuch Verlag (dtv) möchte Verachtung gerne als Thriller verkaufen, dabei ist es fast frei von Thriller-Elementen. Es ist ein Kriminalroman der ruhigeren Art und das liegt vermutlich voll in der Absicht des Autors. Adler-Olsen konzentriert sich auf sein bestens eingeführtes Team und auf einen alten, auf den ersten Blick harmlosen Fall, der intensiv mit dem Schicksal einer Person verbunden ist, die ihrerseits gleichsam Mosaik- und Stolperstein einer nationalen Verschwörung ist.

Die einzelnen Handlungsstränge sind geschickt miteinander verwoben. Perspektivwechsel in Raum und Zeit ersetzen in etwa die Spannung, die durch die Durchschaubarkeit des Plots verloren geht. Das Interesse, den Fall weiter zu verfolgen, bleibt geweckt.

Für den Rezensenten spielt Jussi Adler-Olsen in der selben Liga wie sein norwegischer Kollege Jo Nesbø, dessen Harry-Hole-Reihe ja auch von Licht und Schatten geprägt ist. Es gibt herausragende, gute und weniger gelungene Folgen. Nicht anders ist es bei Adler-Olsens Carl-Mørck-Reihe, wenn man das nach vier Folgen schon so sagen kann. Verachtung ist bisher sein schwächster Roman, der aber gemessen an den populären Topsellern, die üblicherweise die Spitzenplätze der Büchercharts bevölkern, immer noch für versiertes Handwerk steht. Es ist erfreulich, dass dem Dänen die Aufmerksamkeit gezollt wird, die seine Romane verdienen, die Romanen dieser Qualität nur zu selten zuteil wird. Aber es gibt keinen Grund, darüber in Verzückung zu geraten. Die Carl-Mørck-Reihe ist solide Kriminalliteratur – nicht mehr, nicht weniger.

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