Schändung

Erschienen: Januar 2010

Bibliographische Angaben

  • Kopenhagen: Politiken, 2008, Titel: 'Fasandræberne', Seiten: 399, Originalsprache
  • Berlin: Der Audio Verlag, 2010, Seiten: 6, Übersetzt: Wolfram Koch

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Jochen König
Tu was du willst, soll sein das ganze Gesetz

Buch-Rezension von Jochen König Jul 2010

Elf Monate nach der Gründung des Sonderdezernats Q dürfen Vizekommissar Carl Mørck und sein Assistent Assad den zweiten Fall aus einer bewegten Vergangenheit auf Deutsch bearbeiten. Das Duo hat sich um die lautstarke, höchst aktive und ziemlich eigenwillige Bürokraft Rose verstärkt, die Mørck zunächst ziemlich nervt, aber wertvolle Unterstützung leistet. Die kann Mørck gut gebrauchen, denn obwohl der Erfolg des Dezernats Q im vorangegangenen Fall öffentlichkeitswirksam aufbereitet wurde, weht ein scharfer Gegenwind. Nicht ohne Grund, denn die Herrschaften, die im Focus der Ermittlung stehen, sind wohl angesehene Bürger mit Macht, Geld und Einfluss. Doch die Akten, die auf mysteriöse Weise auf Mørcks Schreibtisch auftauchen, lassen den Schluss zu, dass eine sechsköpfige Internatsclique in der Vergangenheit für mehrere Überfälle, Misshandlungen, Folter und Morde verantwortlich war. Aufhänger für die Ermittlung ist der brutale Totschlag an einem jungen Geschwisterpaar. Obwohl ein Mitglied der Clique sich zu der Tat bekannt hat und im Gefängnis sitzt, scheinen seine Freunde genauso schuldig zu sein.

Mehr als zwanzig Jahre nach dieser Tat – und dem Schulabschluss – treffen sich drei der Freunde immer noch zur Jagd – und gelegentlichen anderen Unternehmungen. Der ehemalige Kopf der Clique ist unter mysteriösen Umständen ums Leben gekommen, das einzige weibliche Mitglied ist untergetaucht. Und wird von den verbliebenen Drei verzweifelt gesucht, denn es scheint, dass der ehemalige Blickfang der Gruppe zum erbitterten Gegner geworden ist und Jagd auf die Jäger macht. Mørck und Assad versuchen die Frau namens Kimmie ausfindig zu machen und gleichzeitig ihre Komplizen zu überführen. Was umso gefährlicher wird, je mehr Belastungsmaterial sie finden.

Wohlsituierte Bürger, die sich über Recht und Gesetz hinwegsetzen, denen es Herkunft und Finanzen erlauben den eigenen Willen der Welt aufzuzwingen – kein neues Sujet. Vom Fall "Leopold und Loeb", den Alfred Hitchcock als "Cocktail für eine Leiche" verfilmte, bis zu zahlreichen Derrick-Folgen, in denen arrogante Bürschchen aus Münchener Villenvierteln den überkorrekten und schlafmützigen deutschen Paradebeamten herausforderten: dieser Kampf um moralische Wertig- und Verantwortlichkeiten wurde vielfach ausgefochten und meist von den lauteren Gesetzesvertretern gewonnen.

Jetzt hat sich Jussi Adler-Olsen des Themas angenommen und schickt seinen eigensinnigen Ermittler – den vom deutschen Derrick Welten trennen – auf die Hatz nach dem Bösen, das sich stets selbst genügt. Während Stephan Derrick den drögen Systembewahrer darstellte, der die eitrigen Pickel am Po der bundesdeutschen Gesellschaft ausdrückte; rückt Adler-Olsen das Bild in eine gänzlich andere Richtung. Etwas holzschnittartig, aber mit aller Konsequenz: Ditlev Pram, Ulrik Dybbøl Jensen und Torsten Florin stehen stellvertretend für eine Gesellschaftsform, in der Missbrauch und Vernichtung nach Lust und Laune praktiziert werden. Warum? Weil es möglich ist...

Denn die Jungs und späteren Männer haben Möglichkeiten, sich Schweigen zu erkaufen und sind gleichzeitig geschickt genug, das ein und andere Mal nahezu unsichtbar zu bleiben. Bis sich die eingesetzte Gewalt gegen sich selbst richtet und aus der anbetungswürdigen (und möglicherweise gnadenlosen Killerin) Kimmie ein schmerzerfüllter Racheengel wird, dessen Lebenssinn nur noch in der Vernichtung der eigenen Vergangenheit besteht.

Als Antipode ist Carl Mørck die beste Besetzung. Der Rebell, der sich von klein auf gegen Autoritäten auflehnte. Ihm etwas zu verbieten, sei der beste Grund ihn zu ausgeprägten Aktivitäten anzustacheln, wird mehrfach betont. Dass er mit Assad und Rose zwei ebenso aufrührerische, wenn auch anders geartete, kleine Geschwisterchen besitzt, macht das Team nicht gerade leicht berechen- und ausschaltbar. Gut für uns.

Wenn ein gewisser "Herbert" in einem Leserkommentar zu Erbarmen schreibt: "Etwas nervig, dass auch dieser Kommissar sich in die Reihe traumatisierter oder ausgebrannter, alkohol- oder sonstig –abhängiger, geschiedener oder zumindest problembehafteter Beziehungen belasteter, zerrissene , grüblerische bis depressive Charaktere skandinavischer Ermittler einreiht. Gibt’s da oben keine halbwegs normalen Kripobeamten?", hat er etwas grundlegendes nicht verstanden. Carl Mørck ist kein ausgebrannter, zerrissener Charakter. Er wird durch seine Arbeit und seine Mitmenschen mit Problemen konfrontiert, denen er sich immer, manchmal augenrollend und widerwillig, stellt. So ist ein Hauptgrund seine Psychotherapeutin zu sehen, auch der, dass er mit ihr liebend gerne ins Bett steigen würde. Dass es – bislang – nicht geklappt hat, und Mørck in entscheidenden Momenten ernsthafte Gespräche mit Mona Ibsen sucht, zeigt doch jene "Normalität", die sich Herbert so sehnlich wünscht. Mehr braucht es nicht...

Diesmal dauert es etwas, bis das Dezernat Q ins Zentrum der Erzählung rückt. Zu Beginn wird der obdachlosen Kimmie viel Raum zugestanden, mehr sogar als ihren Ex-Freunden, die sich gerne noch wie die Axt im Walde benehmen. Das ist mitunter etwas klischeehaft und leicht gelangweilt verfasst (Kimmies Straßenleben, Torsten Florin und seine Jagdsklaven, Ditlev Prahms philippinische Hilfsarbeiterinnen, die er im Vorübergehen missbraucht), als würde Adler-Olsen eine Liste abhaken. Glücklicherweise fängt er sich ziemlich schnell wieder, und je weiter die Handlung voran schreitet, um so nachvollziehbarer werden Denkungsart und Aktionen seiner Protagonisten (und vor allem der Protagonistin Kimmie). Wenn auch Übertreibung eines seiner Lieblings-Stilmittel bleibt. Immerhin ist Adler-Olsen auch darin konsequent bis zum Schluss.

Abzüge gibt es für den Showdown, dessen dramaturgische Mittel seiner Entstehung zu dicht am Erstling angesiedelt sind. Aber es knallt ordentlich und eine gewisse Befriedigung niederer Gelüste kann man dem Ende nicht absprechen. Jussi Adler-Olsen weiß, wie man seine Leser da packt, wo es wehtut.

Während Sohn Jesper, Mitbewohner Morten und aufgeregte Ex-Frau Vigga diesmal ein bisschen kurz wegkommen, zeigt sich in kurzen Randbemerkungen zu Assad und in den Gesprächen Carl Mørcks mit seinem querschnittsgelähmten Freund und Ex-Kollegen Hardy, dass bereits einiges an zukünftiger Beschäftigung auf das Dezernat Q wartet. Wir freuen uns drauf.

Dass Jussi Adler-Olsen hierzulande mit Macht in die Rolle eines Stieg Larsson-Nachfolgers gedrückt werden soll, stimmt etwas betrüblich. Denn der dänische Autor hat eine eigene Stimme, eigene Themen und Betrachtungsweisen, die eine Fahrt im Windschatten des erfolgreichen schwedischen Kollegen völlig überflüssig erscheinen lassen. Aber marketingstrategisch ließ es sich wohl nicht vermeiden: nach Verblendung kommt die Schändung, nach Vergebung die Erlösung (wird gemunkelt). Nächstes Jahr.

Dabei besitzt der aktuelle Roman mit "Fasanenmörder" (Fasandræberne sinngemäß übersetzt) einen einprägsamen und originellen Titel, den man nicht hätte zu schänden brauchen. Ändert glücklicherweise nichts am Inhalt, der gelungene, spannende Unterhaltung mit Widerhaken bietet.

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