Verheißung

Erschienen: Januar 2015

Bibliographische Angaben

  • Kopenhagen: Politikens Hus, 2014, Titel: 'Den grænseløse', Originalsprache
  • München: Der Audio Verlag, 2015, Seiten: 2, Übersetzt: Wolfram Koch , Bemerkung: ungekürzte Lesung

Couch-Wertung:

70°
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Jürgen Priester
Keine Verheißung

Buch-Rezension von Jürgen Priester Nov 2014

Jussi Adler-Olsen hat es geschafft, er hat den Goldesel-Status erreicht. Alles, was er geschrieben hat und schreibt, findet sich alsbald in den höheren Regionen diverser Bücher-Verkaufscharts wieder. Es ist ein Phänomen (besonders) unserer Zeit, das auch für viele andere Lebensbereiche gilt: ein Name wird gekauft, nicht der Inhalt. Im Krimi-Bereich gibt es viele Beispiele dieses undifferenzierten Kaufverhaltens. Man erinnere sich an Simon Beckett, der mit zwei ganz passablen Kriminalromanen aus der David-Hunter-Reihe (Die Chemie des Todes und Kalte Asche) einen Kaufrausch auslöste, der sich auf die Nachfolgeveröffentlichungen übertrug. Hunter III und IV zeigten einen deutlichen Qualitätsabfall, wurden trotzdem Bestseller, ebenso wie die im Nachhinein veröffentlichten, dubiosen Frühwerke Becketts. Eine ähnliche Veröffentlichungsstrategie und ein ähnliches Kaufverhalten ist jetzt bei Jussi Adler-Olsens Romanen festzustellen. Über die "Qualitäten" seiner Frühwerke (Das Alphabethaus und Das Washington-Dekret) ist an entsprechender Stelle schon geschrieben worden. Die hier relevante Carl-Mørck-Sonderdezernat-Q-Serie ist seit Band vier Erwartung auf einem absteigenden Ast, verkauft sich aber weiter bestens. Der vorliegende 6. Band Verheißung – Der Grenzenlose ist nur noch Durchschnittsware und wird vom Rezensenten mit mäßigen 70° abgestraft. Nett zu lesen, aber den Begriff "Spannung" scheint der Autor aus seinem Kanon gestrichen zu haben.

Diesmal kommt der neue "alte" Fall für das Sonderdezernat Q nicht aus dem übervollen Archiv, sondern von außerhalb. Carl bekommt einen Anruf von einem Kollegen bei der Schutzpolizei auf der Insel Bornholm. Dieser bittet ihn um Unterstützung in einem Fall, an dem er sich bisher die Zähne ausgebissen hat. Carl wimmelt ihn ab. Tags darauf erschießt sich der Kollege vor versammelter Mannschaft. Das ist nun doch Grund genug für Carl, dort vorbeizuschauen. Zusammen mit Rose und Assad macht er sich auf nach Bornholm. Dort angekommen, erfährt das Q-Team, dass der verschiedene Habersaat sich unentwegt mit einem siebzehn Jahre zurückliegenden Fall beschäftigt hatte. Damals war Alberte Goldschmid, eine Schülerin an einer Bornholmer Volkshochschule, bei einem Unfall ums Leben gekommen. Sie war mit ihrem Fahrrad unterwegs, wurde von einem Auto erfasst und in einen Baum geschleudert. Der Fahrer entkam unerkannt. Tödlicher Unfall mit Fahrerflucht – so ordnete die Polizei den Vorfall ein. Nur Kollege Habersaat sah das anders. Er war überzeugt, dass Alberte einem Mordanschlag zum Opfer gefallen war. Seine teilweise privaten Ermittlungen, deren Unterlagen über die Jahre sein ganzes Haus füllten, waren wohl nicht von Erfolg gekrönt. Das Q-Team, das seinen unüberschaubaren Nachlass sichtet, stößt auf eine Vielzahl von Spuren. Eine davon weist auf eine Hippie-Kommune, die damals in der Abgeschiedenheit Bornholms hauste. Die sind ja per se verdächtig.

Auf einer anderen Ostseeinsel – es ist Öland, nahe dem schwedischen Festland – siedelt eine esoterische Gemeinschaft, die sich "Akademie für die Vereinigung von Mensch und Natur" nennt. Ihr geistiger Führer Atu Abanshamash Dumuzi, vormals Frank, hatte sich mit einigen Getreuen vor ziemlich genau siebzehn Jahren hier niedergelassen, um ein Meditations- und Seminar-Zentrum aufzubauen, das mittlerweile als durchaus florierend zu bezeichnen ist. Atu ist nicht nur der Guru des von ihm selbst kreierten Sonnenkults, sondern auch ein großer Verehrer der Damenwelt. Sehr zum Verdruss seiner langjährigen Weggefährtin Pirjo, die mit harten Bandagen um ihren angestammten Platz kämpft.

Die beiden skizzierten Handlungsstränge, die - man ahnt es natürlich – miteinander in Verbindung stehen, werden alternierend erzählt. Während das Q-Team in seinen Ermittlungen voranschreitet, erlebt man an einem anderen Ort den langsamen Untergang einer gedemütigten Frau. Der erste Handlungsstrang skizziert detailliert die Polizeiarbeit, der andere ist eher wie ein Thriller angelegt. An sich eine gute Kombination, die für abwechslungsreiche Spannung sorgen kann. Doch...

Die Aufklärung des mutmaßlichen Mordes an Alberte zieht sich wie Kaugummi. Rückblickend betrachtet, gibt es zu ihrem Unfall keine konkreten Anknüpfungspunkte. Man fragt sich, wie es kann, dass der Polizist Habersaat ein ganzes Haus voll Unterlagen zusammengetragen hat. Selbst wenn man diesen Umstand wohlwollend als Metapher für eine "große Menge" ansehen will, scheint es eine der Übertreibungen des Autors, zu denen er diesmal mehrmals neigt, zu sein. So ziellos wie die Sonderdezernenten den Fall angehen, so willkürlich ist auch das Resultat. Es entsteht der Eindruck, der Kriminalfall diene nur dazu, Carl, Rose und Assad eine Bühne zu errichten, auf der sie ihre Frotzeleien zum Besten geben können. Dazu ein Eigenzitat des Rezensenten zu Erwartung (Band 5):

"Es ist Geschmackssache, ob man von ihren kalauernden Gesprächen und Gedanken begeistert ist oder sie für entbehrlich hält. Dem Rezensenten kommt die Fallanalyse und die Aufklärung als Herzstück eines Kriminalromans einfach zu kurz. Da stimmt die Gewichtung nicht mehr."

Es ist eigentlich traurig, dass man das gleiche kritisieren muss wie beim Vorgängerroman. Jussi Adler-Olsen hat sich auf die Stufe des Unterhaltungsromans mit Krimi-Attitüde begeben. Der Body Count ist zwar ziemlich hoch, aber der hat noch nie die Güte eines Kriminalromans bestimmt. Von Spannung fehlt leider weiterhin jede Spur. Selbst der obligatorische "dramatische Höhepunkt" fällt diesmal bescheiden aus.

Verheißung ist wirklich nur was für eingefleischte Carl-Rose-Assad-Fans, die wissen wollen, was ihr Dreigestirn gerade so treibt. Krimi-Freunde, die nach einem spannenden Plot suchen, sollten sich woanders umschauen.

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