Erbarmen

Erschienen: Januar 2009

Bibliographische Angaben

  • Kopenhagen: Politikens Forlag, 2007, Titel: 'Kvinden i buret', Seiten: 378, Originalsprache
  • Berlin: DAV, 2009, Seiten: 5, Übersetzt: Wolfram Koch und Ulrike Hübschmann
  • München: dtv, 2011, Seiten: 424, Übersetzt: Hannes Thiess

Couch-Wertung:

88°
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Jochen König
Facettenreiches, spannendes und pointiertes Serien-Debüt

Buch-Rezension von Jochen König Nov 2009

Vizekriminalkommissar Carl Mørck steckt tief in einer Krise. Während der Überprüfung eines Tatorts wurden er und zwei seiner Kollegen Opfer eines brutalen Angriffs. Mørck kam zwar mit einem Streifschuss davon, seine Partner traf es um so heftiger. Anker starb an den Folgen der Schussverletzung und Hardy liegt querschnittsgelähmt im Krankenhaus. Zutiefst deprimiert bittet er Mørck sogar um Sterbehilfe.
Worauf sich dieser, obwohl mental angeschlagen, nicht einlässt. Stattdessen hadert er mit seinem Schicksal und nervt seine Umgebung. Wurde seine schroffe Persönlichkeit in der Vergangenheit durch sein Team und die erfolgreiche Arbeit abgemildert, ist der leidende Mørck seinen Vorgesetzten und Kollegen der Mordkommission jetzt ein Dorn im Auge. Leider zu populär, um ihn ohne weiteres herausreißen zu können. Also bedient man sich des umgekehrten Weges und befördert ihn.

In den Keller. Als Leiter des neu gegründeten Sonderdezernats Q soll er sich mit offenen, alten Fälle beschäftigen.
Zunächst kümmert sich Mørck um sein Wohlbefinden, denn das Dezernat Q wurde mit einem Millionenhaushalt versehen, der aber weitgehend an dem Chef ohne Untergebene vorbei, in andere Abteilungen fließt. Doch was für ein Druckmittel. Und so sieht sich Mørck bald ausgestattet mit gepflegtem Dienstwagen, Gerätschaften nach Wunsch und einem Assistenten namens Assad, der sich als findiger Mann für alle Fälle entpuppt. Und der erste spektakuläre Fall ist auch schnell gefunden: das nie geklärte Verschwinden der Merete Lynggaard.
Lynggaard, attraktive und aufstrebende Politikerin, verschwand fünf Jahre zuvor, nach einem Streit mit ihrem behinderten Bruder Uffe, von Bord einer Fähre. Ihre Leiche wurde nicht gefunden, Uffe zwar verdächtigt, aber nie angeklagt. Nachlässigkeiten während der ersten Ermittlung erregen das Interesse Carl Mørcks. Und so verbeißt er sich, gemeinsam mit seinem Adlatus Assad, in den Fall, findet Spuren, die vorher übersehen wurden und kommt so dem Schicksal der verschwundenen Abgeordneten immer weiter auf die Spur. Das sich als weit grauenerregender entpuppen wird, als jemals angenommen.

Jussi Adler-Olsen ist ein Filou. Schickt er den Leser doch mit Wonne und Wucht in ein typisch skandinavisches Szenario: traumatisierter, von seiner Frau verlassener, egomanischer Polizist findet neuen Lebensmut, während einer Ermittlung, die ihn wieder auf sich selbst zurück wirft. Doch gleichzeitig bricht er mit allen larmoyanten Begrenzungen, die in den Gefilden der Mitternachtssonne den gebeutelten Ermittlern triefende Augen verschaffen.
Denn Mørck ist nicht nur zweifelndes Opfer, sondern hartgesottener, arroganter Individualist, der die Welt nach seiner Pfeife tanzen lässt, und letztlich daran verzweifelt, dass er die Pfeife vorübergehend aus den Händen geben muss. Doch mit Assad zusammen wird er zum coolsten Duo, das Dänemark seit Pat und Patachon gesehen hat. Nach einer Phase der Lethargie, die Olsen genüsslich ausmalt, klären Mørck und sein Kompagnon nicht nur die Ereignisse um Merete Lynggaard, sondern leisten auch noch Hilfestellung bei aktuellen Fällen, die Mørcks zwischenzeitlich bröckelnde Position festigen. Trotz gelegentlicher Attacken einer übelmeinenden Presse.

Olsen lässt wahrlich nichts aus. Rätsel raten, Traumata, Psychopathen, alltäglicher Rassismus, sich selbst verwirklichende Frauen, Medienschelte und Rettung in höchster Not: er spielt mit Versatzstücken des Polizei- wie Psychothrillers, ein Jongleur, der mit einem halben Dutzend rotierender Kettensägen gleichzeitig arbeitet. Und dies mit Charme und Laissez-faire auch bewältigt.
Er bewegt sich derart gewandt auf dem schmalen Grat zwischen Parodie und hochgradiger Spannung, dass es eine wahre Lust ist. Die Episoden um die gefangene Merete Lynggaard und ihre Qualen haben die passende Länge, um nicht zu nervender Exploitation-Ware auszuarten. Mørck, seine berufliche Umgebung und Assad bewegen sich genau an jenem Rand des Wahnsinns, der mit einem Bein im Alltäglichen bleibt.

Und er kreiert dabei Figuren mit Wiedererkennungswert en masse. Sei es Vigga, die fidele Noch-Gattin Mørcks mit ihren hochtrabenden Plänen, und der Fähigkeit beständig zum falschen Zeitpunkt anzurufen, Jesper, der Heavy Metal liebende Sohn, der nur wenige Pinselstriche bekommt, die ihn aber als gleichwertigen Partner und freundlichen Skeptiker etablieren, oder Mørcks versponnenen Untermieter Morten, dessen Playmobil-Sammlung zur Lösung des Falles beiträgt und gleichzeitig für arge Gewitterwolken unter den Beteiligten sorgt.

Jussi Adler-Olsen ist ein facettenreicher Gewinner: Erbarmen ist gleichzeitig spannend, aberwitzig, nachdenklich, gut gelaunt, zu Tode betrübt, übertrieben, realitätsnah und voller surrealer Possen. Plus der spannenden Frage, ob das Level im nächsten Buch gehalten wird (in Dänemark wurde mittlerweile bereits der dritte Band um das Dezernat Q mit Erfolg veröffentlicht). Das Fundament ist gegossen ...

Wenn Adler-Olsen sich von den Pilzen fernhält, die der Klappentextschreiber scheinbar genommen hat, der vollmundig verkündet: "Der Albtraum einer Frau. Ein dämonischer Psychothriller. Der erste Fall für Carl Mørck."
Ja was denn nun? Kein Albtraum, sondern Realität. Keine Dämonen, sondern zutiefst verletzte Seelen. Kein Debütant, sondern ein erfahrener Ermittler in neuer Umgebung. Ansonsten stimmt alles.

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