Muttertag

Erschienen: November 2018

Bibliographische Angaben

Hardcover mit Schutzumschlag 560 Seiten

Couch-Wertung:

85°
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Carola Krauße-Reim
Wenn das Böse in die Familie einbricht

Buch-Rezension von Carola Krauße-Reim Jan 2019

„Muttertag“ ist der neunte Krimi rund um Oliver von Bodenstein, Pia Sander und das Ermittlerteam des K11 in Hofheim. Nele Neuhaus, Kriminalhauptkommissarin ehrenhalber, entführt den Leser einmal mehr in die dunklen Abgründe Hessens. Wieder sind Frankfurt und der Taunus mit seinen malerischen Dörfern die Orte des Geschehens. Man muss nicht vom ersten Buch an dabei gewesen sein, um mithalten zu können.

Gekonnt führt Neuhaus sowohl in das Team als auch in die Örtlichkeiten ein. Fans der ersten Stunde treffen alte Bekannte, neue Leser einen zurückhaltenden Ersten Kriminalhauptkommissar, der sehr durch seine adelige Herkunft und Erziehung geprägt ist, und auf eine Kriminalhauptkommissarin, die ihre Emotionen oft nicht ganz unter Kontrolle hat und sich von ihren Intuitionen leiten lässt.

Familie ist nicht immer einfach

Während im letzten Band, „Im Wald“, Oliver von Bodenstein im Mittelpunkt stand, ist es jetzt Pia Sander. Ihre Schwester wird in die Machenschaften eines Serienkillers verstrickt, der seine Opfer immer kurz vor dem Muttertag entführt und sie immer am Muttertag ertränkt. Im Mittelpunkt der Ermittlungen stehen die ehemaligen und jetzt erwachsenen Pflegekinder des Ehepaares Reifenrath. Ihnen wurde übel mitgespielt. Während Rita Reifenrath nach außen die liebevolle Mutter mimte und sogar eine Auszeichnung bekam, schlug und misshandelte sie die Schutzbefohlenen, die Angst vor der Rückkehr in ein Heim hatten und deshalb den Mund hielten.

Aber auch Pias kleinbürgerliche Familie ist nicht ganz konfliktfrei. Sie selbst hat ein schwieriges Verhältnis zu den Eltern und den Geschwistern, es gibt Geheimnisse und schwelende Wunden. Nicht jeder überlebt so eine Kindheit an Leib und Seele unbeschadet.

Neuhaus verpackt geschickt die Stolpersteine, die es in einer Familie geben kann in einen fesselnden Krimi - und zeigt mit ausgestrecktem Finger auf die möglichen Probleme von Pflegekindern, die ohne Lobby ihren Pflegeeltern ausgeliefert sein können. Die doch sehr persönliche Verstrickung Pias in die Ermittlungen grenzt schon an Befangenheit, und wäre in der Realität bestimmt ein Grund für ihren Abzug von dem Fall gewesen. Gut, dass es sich hier um Fiktion handelt. Zurück bleibt so nicht nur ein gut unterhaltener, sondern auch ein nachdenklicher Leser.

Drei Perspektiven und ein flüssiger und schnörkelloser Schreibstil

Die Ermittlungen des K11 rund um Bodenstein und Sandern stehen im Mittelpunkt des Geschehens. In kriminologischer Kleinarbeit kommen sie dem Täter auf die Spur, wobei immer wieder unvorhergesehene Wendungen den Ermittlern und dem Leser die Suche nach dem Mörder schwer machen. Aber auch der Täter selbst kommt zu Wort. In der Ich-Perspektive beschreibt er die Begegnungen mit seinen Opfern, seine Vorgehensweise und seine Emotionen. Und dann gibt es noch Fiona Fischer, eine junge Schweizerin, die auf der Suche nach ihrer leiblichen Mutter ist.

Neuhaus verknüpft diese drei Stränge gekonnt zu einer plausiblen und komplex aufgebauten Geschichte. Sie erzählt in einem geradlinig-flüssigen Schreibstil, der sicher nicht sehr anspruchsvoll ist, der es dem Leser aber leicht macht, bei der Stange zu bleiben. Immerhin sind es mal wieder 522 Seiten geworden. Damit man die Vorgänge zeitlich einordnen kann, sind die Zeitsprünge mit einem Datum versehen.

Dass es manchmal nicht ganz einfach ist, den Überblick zu behalten, zeigt ein Fehler, der scheinbar weder der Autorin, noch ihrer Lektorin Marion Vazquez aufgefallen zu sein scheint. Am 7. April (Seite 108) ist Fiona Fischer immer noch auf der Suche nach Unterlagen, die ihre wahre Identität klären könnten. Aber auf Seite 140 wird der 24. März beschrieben, an dem sie bereits das Tagebuch ihrer Mutter gelesen hat, und auf Seite 167 der 6. April, an dem sich Fiona bereits auf der Suche nach der Ärztin befindet, die ihr weiterhelfen könnte. Dieser Fehler ist bedauerlich, hat aber auf das Verständnis keinen Einfluss. Und, ich bin mir sicher, dass so ein faux pas keinen mehr ärgert als Autorin und Lektorin.

Spannend bis zum krachenden Showdown

Schon mit dem Prolog hat Neuhaus den Leser gepackt. Und diese Spannung hält sie bis zum Schluss aufrecht. Gekonnt unterbricht sie den Verlauf der manchmal ausgedehnten Ermittlungen mit Einschüben aus der Sicht des Täters oder Fiona Fischers. Immer mehr entwirrt sich das Knäuel, immer mehr Details werden bekannt und dennoch wird es nie langatmig, da auch neue Erkenntnisse nicht die Lösung darstellen, sondern immer wieder unvorhersehbare Abzweigungen und Ansätze auftun.

Die endgültige Festnahme des Täters ist dann auch ein Showndown mit allem was dazu gehört, und leider auch ein bisschen zu viel davon. Hier ist die Autorin in der Absicht, es besonders spannend zu machen, ein klein wenig über das Ziel hinausgeschossen. Die sprichwörtliche Schleife über dem Frankfurter Flughafen hätte sie sich sparen können. Aber das ist verzeihlich, ist der Rest des Buches doch wirklich so gut gelungen, dass es mal wieder ein Bestseller werden dürfte.

Fazit:

Oft haben sich Reihen nach mehreren Büchern totgelaufen, aber Nele Neuhaus schafft es auch mit Band neun, alles andere als langweilig zu sein. Bodenstein und Sander sind noch lange keine Auslaufmodelle, solange sie in solch spannenden Geschichten agieren dürfen, und solange die Plausibilität nicht zu sehr vernachlässigt wird.

Spannungsliteratur, die in Fortsetzungen erscheint, wird oft als Mainstream abgestempelt. Aber, wen eine Autorin neun Bände um die selben Ermittler schreibt, und alle diese Bände einen großen Absatz haben, kann der vermeintliche Mainstream ja nicht so schlecht sein. Was nutzt ein anspruchsvolles, hochintellektuelles Buch, welches nach ein paar Seiten auf Nimmerwiedersehen ins Bücherregal verbannt wird. Es ist doch besser, wenn Menschen überhaupt lesen, egal was - und nicht nur von der Glotze unterhalten werden.

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