Outlaw

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • London: Bantam, 2008, Titel: 'Nothing to lose', Seiten: 426, Originalsprache
  • München: Blanvalet, 2011, Seiten: 448, Übersetzt: Wulf Bergner

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Jochen König
Zwischen Hoffnung und Verzweiflung - Reacher kennt den Weg

Buch-Rezension von Jochen König Jun 2011

Als ob wir es geahnt hätten: Kaum will Jack Reacher in dem wenig beschaulichen Nest, mit dem noch weniger beschaulichen Namen "Despair" einen Kaffee trinken, stehen vier finstere Gestalten an seinem Tisch und wollen ihn ohne große Vorrede höchst unsanft aus dem Ort befördern. Doch da hat Jack etwas gegen. Denn wenn ihm eins heilig ist, dann seine Bewegungs- und Entscheidungsfreiheit.

Wer jetzt denkt: "Kennen wir, wissen wir, haben wir schon", dem entgeht eine Jack-Reacher-Performance, die der Reihe von Lee Child alle Ehre macht. Klar variiert er das bekannte Muster einmal mehr, das Dutzend ist damit voll, aber Child erfüllt das mit so viel Witz, Verstand, wissendem Understatement und Nachdenklichkeit, wo sie vonnöten ist, dass man ihm liebend gerne folgt.

Gleich zu Beginn gibt es die erste Überraschung; denn nur einer der vier unfreundlichen Herren wird von Reacher niedergestreckt. Dann naht die Polizei und Jack wird verhaftet, um anschließend in einer Prozessfarce wegen Landstreicherei aus Despair verwiesen zu werden. Ganz schwerer Fehler. Denn wer ihn derart rüde – und trotz mehrerer Warnungen – höchst unfair behandelt, der verdient sich sein Interesse. Ob er will oder nicht.

Glücklicherweise ist das wesentlich freundlichere Städtchen Hope in unmittelbarer Nähe des schundigen Despairs. Dort schlägt Reacher nicht nur sein Lager auf, sondern nimmt auch die Staatsmacht in Form der attraktiven Polizisten Vaughan (kein Vorname!) unter seine Fittiche.

Anschließend widmet er sich voll und ganz der Firmenstadt Despair und ihrem Patriarchen Jerry Thurman. Der ist nicht nur Prediger des Ortes, sondern auch Besitzer eines Leviathans in Gestalt einer riesigen Metall-Recycling-Firma ist, in der die meisten Bewohner des finsteren Kaffs beschäftigt sind. Reacher wittert Unrat hinter den Toren der Firma, der mehr ist als zerschrottetes Metall. Wer Reachers Instinkt kennt, wird sich nicht wundern, wenn es tatsächlich so schlimm kommt wie er vermutet. Eher noch schlimmer. Denn woran sollten die Anhänger einer Endzeit-Glaubensgemeinschaft anderes arbeiten als am Vorantreiben der Apocalypse? Doch in diesem Metier kennt sich der hartnäckige Jack Reacher gut aus. Sehr zum Leidwesen Thurmans und seiner Spießgesellen und Anhängerschaft.

Wie so häufig findet Lee Child klare Worte zur Lage einer Nation, die beständig in (unsinnige) Kriege verwickelt ist, in der Fundamentalisten jeder Couleur fruchtbaren Nährboden finden und soziale Belange, bzw. Verantwortung gerne unter den Tisch fallen, zugunsten "höherer" Interessen. Dabei zeigt er deutlich, wie sehr in Totenstädten wie "Despair" das Sein das Bewusstsein bestimmt und auf welche Irrwege eine abhängige Gesellschaft geführt werden kann, wenn religiöse und pseudo-philosophische Mobilmachung gepaart mit wirtschaftlicher Macht konsequent eingesetzt werden. Von der auf Gedeih und Verderb zusammen hängenden Dorfgemeinschaft zum faschistoiden Lynchmob sind es zwar ein paar Schritte zu gehen, aber entsprechend (zwangs)motiviert ziehen fast alle mit.

Gegenpol ist der abgeklärte Individualist Reacher – der es sich allerdings finanziell auch leisten kann -, dessen Sehnsucht nach persönlicher Freiheit und Integrität Grundlage seines Wesens ist. Dies unterscheidet ihn von anderen einsamen Vigilanten und Outlaws – es ist nicht Rache, die ihn antreibt, sondern der Wunsch nach größtmöglicher Gerechtigkeit. Die für ihn in einer Existenz fußt, in der man entweder autark, und ohne irgendjemand zur Last zu fallen, lebt, oder in einer Gemeinschaft, in der sich Geben und Nehmen die Waage halten. So lässt er seinen Mitmenschen jederzeit die Wahl, sich für oder gegen ihn zu entscheiden. Vaughan, die integre Polizistin fühlt sich unweigerlich zu Reacher hingezogen; nicht weil sie in ihm die Chance für eine gemeinsame Zukunft sieht, sondern weil er ihr hilft, das eigene Leben besser zu verstehen und zu händeln. Eine so flüchtige wie intensive Beziehung, ein optimistischer Gegenentwurf zu einer Welt, die von Despotismus, (religiöser) Verblendung und Manipulation geprägt ist.

Die sich gegen ihn entscheiden, hätten besser intensiver darüber nachdenken sollen. Jack Reacher gibt seinen Gegnern ausreichend Zeit dazu. Was Child in wunderbar absurd-komischen Situationen ausführt. Gerade die in anderen Romanen so gnadenlos verheizten Handlanger bekommen von Reacher die Hand gereicht; verbunden mit der freundlichen Frage, ob es nicht an der Zeit wäre, ein eigenbestimmtes Leben führen, anstatt sich von selbst ernannten Heilsbringern ausnutzen zu lassen. Zu dumm, dass dieses Angebot meist ausgeschlagen wird. Denn Jack schlägt zurück. Effektiv und in letzter Konsequenz, wenn es sein muss.

Wie gewohnt brilliert Lee Child sprachlich wieder durch Akkuratesse, feine Pointen (ob es noch gerechtfertigte Kriege gäbe, fragt Vaughan Reacher an einer Stelle, in die Amerika verwickelt sei? Reacher, der ehemalige Soldat antwortet knapp: "Seit 1945 nicht mehr.") und genaue Beobachtungen. Das Ausmaß der Bedrohung und die Hinzufügung diverser Nebenplots hat Outlaw zu einem umfangreichen Werk anwachsen lassen, bei dessen Bewältigung man Reacher – und Vaughan – gerne folgt, auch wenn die eine oder andere Wiederholung nicht ausbleibt.

"Annahmen sind zu vermeiden", ist eine von Jack Reachers Regeln. "Absolut alles muss verifiziert werden", die Ergänzung dazu. Dass dies ein wenig Zeit und Raum erfordert, ist wohl verständlich. Trotzdem gelten natürlich für Lee Child jene Worte, die er seinem Protagonisten in den Mund legt:

 

Präzision", erwiderte Reacher. "Darauf kommt’s mir an. Genau das tun, was man tun muss – nicht mehr, nicht weniger.

 

Das beherrscht Child. So gut, dass man genau hinschauen muss, welche Tiefen die actionreiche und scheinbar so kaltschnäuzige Genreliteratur besitzt. Lohnt sich. Denn wir erhalten einen spannenden Kriminalroman und dialektischen Diskurs in einem. Ohne, dass es der Autor seinen Lesern aufdringlich um die Ohren drischt.

Ist es angesichts der kommenden Verfilmung Zufall oder nicht? So oft wie selten weist Lee Child darauf hin, dass Jack Reacher ein "eins fünfundneunzig" großer, ca. hundert Kilo schwerer Hüne ist. Der rigide Religionen verachtet. Gewisse Scientology-hörige Hänflinge müssten eigentlich bittere Tränen weinen.

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