Sniper

Erschienen: Januar 2008

Bibliographische Angaben

  • New York: Delacorte, 2005, Titel: 'One Shot', Seiten: 376, Originalsprache
  • München: Blanvalet, 2008, Seiten: 480, Übersetzt: Wulf Bergner
  • München: Blanvalet, 2009, Seiten: 476

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Jochen König
Der Autor hat alles im Griff

Buch-Rezension von Jochen König Jan 2008

Fünf Menschen werden am helllichten Tag, vom zweiten Deck eines Parkhauses aus, in der Öffentlichkeit erschossen. Schnell erhärtet sich der Verdacht, dass der Täter jemand mit einer Scharfschützenausbildung sein muss. Tatsächlich findet sich in James Barr, einem ehemaligen "Sniper" der Armee mit dunkler Vergangenheit, der perfekte Verdächtige. Zudem eine lückenlose Beweiskette in seine Richtung weist. Nach seiner Verhaftung äußert er den frommen Wunsch: "Lassen sie Jack Reacher herkommen!"

Das ist leichter gesagt als getan, denn Reacher fliegt unterhalb des Radars, ist ständig in Bewegung und erscheint nur auf der Bildfläche, wenn er auch gefunden werden will. Was diesmal der Fall ist, hat er Barr doch zugesichert, ihn endgültig aus dem Verkehr zu ziehen, sollte er sich je wieder eines Verbrechens schuldig machen. Vor allem solch eines, weswegen er vierzehn Jahre zuvor aus politischen Ressentiments nicht verurteilt wurde - der Erschießung von vier GIs in Kuwait. Am helllichten Tag, vom zweiten Stock eines Parkhauses aus. Warum der mutmaßliche Amokschütze ausgerechnet seinen erbittertsten Gegner um Hilfe bittet, ist die große Frage, die sich sämtliche Beteiligten stellten. Es dauert nicht allzu lange, bis Reacher die ersten Antworten finden. Und was auf den ersten Blick wie die Tat eines durchgeknallten Psychopathen aussieht, entpuppt sich als - wen wundert´s - perfides Komplott. Als Jack Reacher durch die Drahtzieher auf gewalttätige Weise involviert wird, lässt er sich nicht lange bitten und lädt zum tödlichen Tanztee ein.

Sniper ist ein Paradebeispiel dafür, wie überflüssig die meisten "Spoiler-Warnungen" sind. Man könnte den ganzen Roman minutiös nacherzählen, es würde das Lesevergnügen zu keiner Zeit mindern. Denn die Schemata wie ein Jack Reacher-Abenteuer funktioniert, sind spätestens seit Mein großer Freund Shane bekannt und wurden von Sergio Leone perfektioniert: Ein schweigsamer Fremder kommt auf der Durchreise in eine (meist) kleine Stadt, wird in die herrschenden Händel einbezogen und entscheidet sich mitzumischen. Manchmal des Geldes wegen, manchmal, weil man ihn selbst angegriffen und erniedrigt hat; immer um Menschen, die ihm etwas bedeuten - auch wenn er sich das nie zugestehen würde - zu helfen und letztlich der Gerechtigkeit zu einem Sieg zu verhelfen. Das dies auch schon mal ein schäbiger sein kann, erkauft durch eine Vielzahl von Toten am Wegesrand, nimmt er in Kauf, weiß er doch, das die Welt am Ende ein besserer Platz ist. Zumindest für den Moment.

War das Messianische für Shane noch ein ganz wesentlicher Faktor, machte Leone aus Jesus einen Engel mit gebrochenen Flügeln, die spätestens mit Lee Childs Hauptfigur komplett auf dem Erdboden gelandet ist. Obwohl auch hier nicht ganz ausgeschlossen ist, dass Reacher barfuss übers Wasser wandeln kann.

Lee Child hat sich eine Nische - oder einen Altar? - in der Kriminalliteratur gebaut, in der er sich behaglich eingerichtet hat. Er kennt die Versatzstücke, besitzt genügend Hintergrundwissen, um seine Stories schnell, präzise und äußerst effektiv erzählen können. Sätze wie mit dem Hammer aufs Papier oder in den PC gehauen. Da ist kein Wort zu viel, keine Gefühlsregung beschrieben, die nicht genau an die jeweilige Stelle passt. Child gesteht sogar den mitleidslosen Bösewichtern einen (geschichtlich-, biographischen) Hintergrund zu, der ihre Handlungsweise nachvollziehbar, aber keineswegs entschuldbar und sympathisch macht. Sie schreien geradezu lauthals nach jemand, der sie aus ihrem üblen Dasein erlöst: Und wer anders als Jack Reacher bietet sich da an?

Alles kommt, wie es kommen muss: die brutalen Schläger, die Reacher gleich zu Beginn den Wind aus den Segeln nehmen sollen, aber postwendend auf's Deutlichste in ihre minderbemittelten Schranken verwiesen werden. Ein probates Mittel, um jemanden wie Reacher erst recht zum verbissenen Spürhund werden zu lassen. Führt natürlich automatisch zu Schritt zwei, bei dem Reacher durch eine untergeschobene Straftat ganz aus dem Verkehr gezogen werden soll. Da meist Unschuldige dabei sterben - so auch in Sniper - ist er ab diesem Zeitpunkt nicht nur persönlich betroffen, sondern auch noch wütend. Was für jeden Mordbuben ganz schlechte Karten bedeutet. Selbst mit vier Assen auf der Hand, würde niemand mehr einen Pfifferling auf ihn setzen. Recht so, denn wer derart laut nach Erlösung schreit, wird sie auch erfahren. Auf Reachers eigene unerbittliche Art.

Lee Child hat alles im Griff. Er weiß, was seine Leser von ihm erwarten, und er gibt es ihnen. Auf eine derart überzeugende Weise, das man ihm nicht böse sein kann, selbst wenn man die Mechanismen eingeatmet und durchschaut hat, selbst wenn man die Schwächen der Handlung und ihrer Logik erkennt (da gibt es einige). Denn Child versteht sich auf das Wesentliche: kluge Charakterzeichnungen und spannend erzählen. Fast jede Figur gerät ihm glaubhaft, selbst wenn sie ein wandelndes Klischee ist, wie der bürokratische Staatsanwalt Rodin, oder der altgediente Soldat Cash, zudem weiß er genau, wie weit man den deduktiv begabten Leser vorausschauen lassen kann, um daraus Spannung und Lustgewinn zu ziehen, ohne dass es zu platt, überdreht oder langweilig wird. Mitunter bricht Child auch die eigenen Regeln und lässt Jack Reacher tatkräftige Hilfe zukommen. Als kluger Mann weiß der das zu schätzen und nimmt Unterstützung gerne in Anspruch. Kann Leben retten. Spätestens, wenn die Arbeit getan und der Schlussakkord verklungen ist, steht unser Held wieder da, wo er sich am Anfang befand: an einem Busbahnhof, einem Flughafen oder einer staubigen Landstraße. Ein Reisender mit leichtem Gepäck, das nächste Ziel vage vor Augen. Und am Wichtigsten: allein.

Natürlich hat auch Lee Child schwache Momente, nicht alle Jack-Reacher-Romane sind gleich gelungen, manchmal kranken sie an der Kluft zwischen zu beiläufig entwickelter, zusammengeschusterter Story und dem überhöhtem Charakter der Hauptperson. Nicht so Sniper. Hier geht die etwas schlichte Geschichte größtenteils in Ordnung; sprachlich ist der spannende Roman in seiner auf's Nötigste reduzierten Effizienz ein vergnüglicher Genuss - selbst in der deutschen Bearbeitung.
Nur eins: Die Band auf dem T-Shirt heißt mit Sicherheit nicht "Graceful Dead".

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