Ausgeliefert

Erschienen: Januar 2000

Bibliographische Angaben

  • New York: Putnam, 1998, Titel: 'Die trying', Seiten: 374, Originalsprache
  • München: Heyne, 2000, Seiten: 479, Übersetzt: Heinz Zwack
  • München: Heyne, 2002, Seiten: 509
  • München: Heyne, 2007, Seiten: 509

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Michael Drewniok
Wo die Kugeln tief fliegen, bleiben die Charaktere besser flach

Buch-Rezension von Michael Drewniok Mai 2003

Eine jede gute Tat wird prompt bestraft auf dieser Welt ... Jack Reacher, ehemaliger Elitesoldat und Militärpolizist, nun Türsteher in einem Musikclub in Chicago, will eigentlich nur einer jungen Frau mit einer Sportverletzung behilflich sein - und gerät mitten in eine Entführung! Gemeinsam mit der Frau zwingen ihn drei Männer, in einen alten Lieferwagen zu steigen. Seine unfreiwillige Gefährtin entpuppt sich in mehrfacher Hinsicht als wertvolle Geisel: Holly Johnson, 27, arbeitet für das örtliche Büro des FBI, Abteilung Finanzstraftaten. Sie ist aber auch die Tochter von General Johnson, Vorsitzender der Vereinigten Stabschefs und damit ranghöchster Soldat der Vereinigten Staaten - und das Patenkind des Präsidenten!

Entsprechend fällt die Reaktion der Behörden aus, als sich herausstellt, dass Holly Johnson verschwunden ist. FBI-Abteilungsleiter McGrath und die Agenten Brogan und Milosevic (sic!) bilden nur die Spitze eines vielköpfigen und eifrigen Ermittlungsteams, das bald die Spur der Kidnapper aufnimmt, die eher durch ihre Brutalität als durch kriminelle Professionalität auffallen. Mit Jack Reacher haben sie ahnungslos einen Mann entführt, der weder willens noch gewohnt ist, eine Opferrolle zu übernehmen. Mit der tatkräftigen Unterstützung seiner unfreiwilligen Gefährtin beginnt Reacher unverdrossen an einer Befreiung zu arbeiten. Diese Bemühungen drohen jedoch im Sande zu verlaufen, als sich endlich herausstellt, wer hinter der Entführung steckt: Beau Borken ist der "Kommandant" der "Montana Militia", einer der zahllosen selbsternannten militanten Gruppen, die mit der offiziellen Politik der US-Regierung nicht einverstanden sind. In diesen Milizen kommen jene zusammen, für die sich der amerikanische Traum nicht erfüllt hat, mit der Gegenwart einer globalisierten Alltagswelt nicht zurecht kommen und sich nach den "guten alten Zeiten" zurücksehnen, in denen der redliche, einfache (und natürlich weiße) Mann das Sagen hatte. Beau Borken ist eine charismatische Führernatur, die am "realen Leben" gescheitert ist - eine gefährliche Kombination, die ihn in den Cäsarenwahn getrieben hat.

Für die Demütigungen der Vergangenheit will Borken sich rächen. Er sammelt jene, die ähnlich denken wie er, um sich und schwingt sich zu ihrem Anführer auf. Widerstand duldet er nicht und ahndet ihn mit brachialer Gewalt. Mit seinen verblendeten Anhängern hat er in einer abgelegenen Waldregion Montanas einen Staat im Staat gegründet und übt dort ein mörderisches Schreckensregiment aus. Schwer bewaffnet und sich über das Gesetz erhaben fühlend, lebt die "Montana Militia" das, was sie für die "wahren amerikanischen Werte" hält. Intoleranz gegen alle, die "anders" sind, wird großgeschrieben. Borkens Ehrgeiz geht sogar so weit, sich von den Vereinigten Staaten loszusagen und sich zum Herrscher eines eigenen "Landes" auszurufen. Die Entführung des Patenkindes des Präsidenten soll ihm die nötige Publicity sichern.

Die Rechnung geht auf, doch Jack Reacher erweist sich als Störfaktor. Dabei muss er gleich an mehreren Fronten kämpfen: gegen den unberechenbaren Borken, gegen das Militär und die Behörden, die ihn irrtümlich für einen der Kidnapper halten - und gegen einen Maulwurf in den Reihen des FBI, der Borken über die Aktivitäten seiner Gegner stets auf dem Laufenden hält. Daher ist die Miliz gewarnt, als ihr Schlupfwinkel von den Regierungskräften entdeckt und eingekreist wird. Ein erbitterter Kampf bricht los, in dem sich Jack Reacher als Zünglein an der Waage erweist. Freilich wird deutlich, dass auch er die perfide Schlauheit Borkens unterschätzt hat ...

Jack Reacher ist wieder da - und zum zweiten Mal (nach "Größenwahn") ist der heimatlose Ex-Soldat, der seine ihm fremde Heimat bereist und kennenlernen möchte, zum falschen Zeit am falschen Ort. Er, der nur seine Ruhe haben möchte, gerät in ein wahnwitziges Intrigenspiel, das lange undurchschaubar bleibt. So lange dies auch auf den Leser zutrifft, ist "Ausgeliefert" ein Thriller, der an Dichte und Spannung kaum zu überbieten ist. Trügerisch ruhig, fast dokumentarisch schildert Lee Child eine tarantinoeske Welt, in der die Gewalt wie selbstverständlich zum Alltagsleben gehört.

Der deutsche Titel ist insofern irreführend; weder Jack Reacher noch Holly Johnson sind ihren Entführern jemals wirklich ausgeliefert. Vom ersten Augenblick ihrer Gefangenschaft machen sie sich mit der Gelassenheit des wahren Profis daran, ihren Peinigern nicht nur zu entkommen, sondern sie auch gleich auszuschalten. Dass die harte Schale der FBI-Beamtin dabei bald einige Sprünge bekommt, gehört zum Repertoire des Action-Thrillers: Selbst in der politisch korrekten Welt der Gegenwart muss die weibliche Hauptrolle dem Helden stets unterlegen sein, damit er sie retten kann, was der Handlung zugute kommt und ihn im Finale noch strahlender dastehen lässt.

Das handwerkliche Talent des Autoren erweist sich als willkommener Rettungsanker, als dem starken Anfang die enttäuschende Auflösung folgt: wieder einmal die Mär vom irren Bösewicht, der nach der Weltherrschaft greift! Da nützt auch das solide Fundament nichts, auf das Child seine Story setzt: Zwischen zwölf und 46 Millionen US-Bürger würden eher einer Miliz folgen als der rechtmäßig eingesetzten Regierung, liest man da, und angesichts der sorgfältigen Recherche, die "Ausgeliefert" erkennen läßt, glaubt man das dem Autor auch. Wie verhält sich eine Regierung, wenn ein Viertel ihrer Bürger sich gegen sie wenden würde? Holly Johnsons Entführung entwickelt sich erwartungsgemäß rasch zum Politikum, das den Behörden die Hände bindet. Die daraus resultierenden Verwicklungen werden pflichtschuldig angedeutet, geraten dann aber in den Hintergrund, denn die realistische Rekonstruktion eines Geiseldramas à la Waco ist Childs Anliegen nicht. Action, Action und noch einmal Action - das ist der Treibstoff, der seine Feder fliegen lässt!

Hat der Leser es geschafft, sich über die zahlreichen verschenkten Ansätze zu einer etwas tiefgründigeren Geschichte hinwegzutrösten, kommt er (oder sie) aber durchaus auf seine Kosten, denn Child versteht etwas von seinem Job. Freunde wird er sich unter den Literaturkritikern freilich nicht machen. Das liegt nicht nur daran, dass "Unterhaltung" für diesen Menschenschlag per se etwas Verdächtiges ist. Schlimmer noch: Child arbeitet auch in seinen Gewaltszenen, an denen er nicht spart, mit ausgesprochener Liebe zum Detail. Mit beinahe schon fetischistischer Inbrunst widmet er sich den zahlreichen im Einsatz befindlichen Feuerwaffen und entwickelt dabei eine Poesie, die in eigenartigem Kontrast zum Gegenstand seiner Bewunderung steht. Der Vorwurf der Gewaltverherrlichung greift hier allerdings zu kurz; er ist heute ohnehin eher zum Pavlowschen Reflex verkommen. Für Child ist Gewalt nichts Positives, sondern etwas, dass für bestimmte Menschen zum Alltag gehört. Sie haben gelernt, damit umzugehen - im Guten wie im Bösen -, und wenden sie ebenso lakonisch wie folgerichtig an: Profis eben.

Wo die Kugeln tief fliegen, bleiben die Charaktere besser flach. "Ausgeliefert" stellt in dieser Hinsicht keine Ausnahme dar. Jack Reacher kommt, killt und geht, ohne eine innere Entwicklung zu durchlaufen. Das macht ihn zum idealen Serienhelden - und die Vereinigten Staaten sind groß, das Potenzial an Kriminellen, Spinnern und Möchtegern- Diktatoren ist gewaltig! Drei weitere Abenteuer hat Child sein Ein-Mann-A-Team inzwischen durch- und überleben lassen, die weitgehend denselben Mustern folgen. Ebenso austauschbar sind die übrigen Figuren, an ihrer Spitze der nur scheinbar dämonische Beau Borken, der zunächst und erfolgreich zum Genie des Bösen stilisiert wird, doch rasch zum Allerweltsschurken (Blofeldfaktor 5) degeneriert, sobald Child ihn persönlich auftreten lässt. Wie Borken zum Herrn eines eigenen "Staates" aufsteigen konnte, bleibt angesichts seiner offensichtlichen Unfähigkeit rätselhaft. Dass es Menschen wie Borken in der Realität gibt, sei jedoch unbestritten; offenbar haben sie etwas an sich, das sich nicht in Worte fassen lässt, jedenfalls nicht durch einen Schriftsteller wie Lee Child.

Das Erstaunliche an den Reacher-Romanen ist die Tatsache, dass der Mann, der sie so kundig im Herzen der USA anzusiedeln weiß, ein waschechter Brite ist. 1954 im englischen Coventry geboren, arbeitete Lee Child zwanzig Jahre beim Fernsehsender "Granada Television", wo er u. a. zahlreiche hochklassige Thrillerserien (darunter "Prime Suspect"/"Heißer Verdacht" und "Cracker"/"Ein Fall für Fitz") betreute. Das "Filmische" schlägt sich daher sichtlich in seinen Romanen nieder, die wie Drehbücher angelegt sind. Der Teamarbeit müde, wie er sagt, sattelte Child in den späten Neunzigern um. Seine Karriere als Schriftsteller ging er generalstabsmäßig an. Schreiben wollte er für ein möglichst großes Publikum, und das sitzt seiner Meinung nach jenseits des Großen Teiches. Ausgedehnte USA-Reisen hatten ihn mit Land und Leuten bekannt gemacht, so dass die Rechnung schon mit dem Erstling "Killing Floor" 1997 aufging. Im Jahr darauf ließ sich Child in seiner neuen Wahlheimat nieder.

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