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Michael Drewniok
Unfriedliche Zusammenkunft der Familie Reacher

Buch-Rezension von Michael Drewniok Sep 2021

Jack Reacher, der ziellos durch die USA zieht, seit man ihn als Militärpolizist entlassen hat, kommt zufällig in jene öde Ecke des Staates New Hampshire, in dem das Städtchen Laconia liegt. Als er das Hinweisschild sieht, erwacht Reachers Neugier: Dies ist der Ort, an dem sein Vater seine Kindheit und Jugend verbracht hatte, bevor er zum Militär ging!

Über seine Familie weiß Reacher nicht viel. Sein Interesse ist deshalb groß genug, Laconia einen Besuch abzustatten. Wie üblich beschert ihm dies in erster Linie Scherereien: Im Bürgerverzeichnis der Stadt ist kein „Stan Reacher“ verzeichnet. Außerdem verprügelt Reacher einen örtlichen Möchtegern-Hengst, als der eine Frau auf offener Straße belästigt. Heulend rennt dieser zu seinem Vater, der Schläger aus der Großstadt anfordert, die Reacher eine Lektion erteilen sollen.

Während dieser der Herausforderung gelassen entgegensieht, wird die lokale Polizei unruhig: Lumpenpack aus der Stadt will man in Laconia nicht sehen! Als Reacher im Rahmen seiner Recherchen auch einige großmäulige Farmer vermöbelt, soll er den Ort unbedingt verlassen.

Parallel dazu gerät ein junges Paar aus Kanada in ein ‚Motel‘, das sich als Menschenfalle erweist. Die beiden sollen einigen perversen ‚Jägern‘ als ‚Beute‘ dienen, Zu den Organisatoren dieser ‚Jagd‘ zählt ein junges Mitglied des Reacher-Clans, der nichts von der Anwesenheit eines Verwandten ahnt. Das wird sich rächen, denn Reacher erfährt im Rahmen seiner Suche nicht nur Neues über seinen Vater, sondern kommt auch dem niederträchtigen Nachfahren auf die Spur, woraufhin die Menschenjagd einen unerwarteten Verlauf nimmt …

Heim ist, wo deine Knochen modern …

Zum 23. Mal gerät Jack Reacher buchstäblich unter Feuer. Dies geschieht bekanntlich nie, weil er es aktiv herausfordert. Stattdessen gerät er Kriminellen und/oder Drecksäcken in die Quere, die ihn als lästiges Hindernis zerquetschen wollen und damit einen elementaren Fehler begehen: Reacher ist friedlich, aber nicht friedfertig. Fordert man ihn heraus, wehrt er sich nicht einfach, sondern rottet seine Gegner aus.

Dass dies offenbar genetisch bedingt ist, lernen wir gemeinsam mit der Hauptfigur in Laconia, einer der für Lee Child üblichen US-Provinzstädte, in denen Reacher den oft nur oberflächlichen Frieden zwischen einer gesetzlich gedeckelten, überforderten Ordnungsmacht und selbst ernannten, reichen und politisch gut vernetzten Wichtigtuern und Strolchen nachdrücklich beendet.

Dieses Mal kämpft Reacher an mehreren Fronten gleichzeitig. Örtliche Schläger, Lohnkiller aus der Großstadt und die darüber wenig begeisterte Polizei sowie schließlich einige durchgeknallte Menschenjäger sind seine Kontrahenten. Parallel dazu lüftet Reacher ein sorgfältig vertuschtes Familiengeheimnis. Was jeden ‚normalen‘ Zeitgenossen in Unruhe versetzen würde, lässt Reachers Blutdruck nicht ansteigen.

Worum geht es hier eigentlich?

„Der Spezialist“ gehört nicht zu den Highlights der Reacher-Serie. Zu ausgefasert ist der Plot, dessen Stränge nur dort zusammenfinden, wo Autor Child sie dazu zwingt. Die spannende Frage nach dem Warum der geschilderten Ereignisse gründet sich allzu lange und allzu einfach darauf, dass uns Child Hintergrundinformationen schlicht vorenthält.

So merkt der erfahrene Leser trotzdem relativ bald, worauf die Ereignisse im ‚Motel‘ hinauslaufen. Dass er (oder sie) damit richtig liegen, ist kein Grund zur Freude. Die organisierte Menschenjagd ist heute kein origineller Einfall mehr, auch wenn Child natürlich punktet, wenn er beschreibt, wie das kriminelle Unternehmen auf breiter Front scheitert - dies nicht nur, weil Reacher auf der Bildfläche erscheint, sondern auch, weil die ausgewählten ‚Opfer‘ sich in ihre Rolle nicht fügen und mit ihrem Einfallsreichtum nicht nur ihre ‚Jäger‘, sondern auch die Ausrichter der Hatz überraschen.

Dass Reacher unter lebensgefährlichem Druck steht, will sich den Lesern nicht mitteilen. Allzu überzeugend beschreibt Child ihn als Mann, der sich überhaupt keine Sorgen macht oder machen muss: Als ihm Schlagetots und Killer auf den Leib rücken, gibt er ihnen mühelos Saures. Die Polizei will ihn letztlich deshalb aus dem Ort haben, weil er dort womöglich ein Massaker anrichtet. Wie es sich für einen Reacher-Roman gehört, bleibt dies erfolglos und wird durch einen ordentlichen Bodycount im Finale konterkariert, wobei nicht simpel, sondern einfalls- und abwechslungsreich gemordet wird, um keine Langeweile aufkommen zu lassen …

Eine eigensinnige, nie nette Familie

Was Reacher in eigener Sache ermittelt, ist zwar für eine Überraschung gut, dient aber allzu offensichtlich als Treibriemen, der diese Geschichte in Gang bringen und halten soll. Der Zufall ist eigentlicher Herr über die Ereignisse, und seine Herrschaft gleicht manchmal einem Würgegriff. Darüber hinaus übertreibt es Reacher mit den charakterlichen Parallelitäten zwischen Vater und Sohn: Schon Stan hat vor Jahrzehnten Widerlingen das Fell gegerbt und sich um die daraus resultierenden Schwierigkeiten nicht geschert.

Ebenfalls sehr vordergründig schildert Child als Gegensatz den moralischen Verfall der Sippe, indem er uns ein anderes Mitglied der Reachers als geschäftstüchtigen, aber skrupellosen Verbrecher vorstellt. Er repräsentiert jenen Sektor der ‚modernen‘ Welt, dem Jack Reacher den Kampf angesagt hat, weil er sich den traditionellen Werten so stark verpflichtet fühlt, dass er als eine Art Ritter der Straße das Unrecht nicht nur bekämpft, sondern an der Wurzel ausreißt (und dabei vor der ‚Familie‘ nicht zurückschreckt).

Der Sieg ist lokal begrenzt und nie von Dauer, weshalb Autor Child seinen Helden noch in viele weitere Gefechte stürzen kann. Längst folgt der Ablauf eines Reacher-Abenteuers fixen Regeln, die auch dieses Mal befolgt werden. Überraschungen, die den verknäulten Handlungsknoten entwirren und in ein bündelndes Finale führen, bleiben dieses Mal aus. Nicht zum ersten Mal muss - und kann - sich Child retten, indem er Action beschreibt, in die er Zufälle mischt, die den Szenenverlauf ‚umwerfen‘ können. Zumindest in dieser Hinsicht sorgt auch „Der Spezialist“ dafür, dass wir die Seiten bis zum Ende wenden. (Apropos: Wer ist dieser Spezialist, der im deutschen Titel zitiert wird? Im Roman tritt er nicht auf.)

Fazit:

Der 23. Roman der Jack-Reacher-Serie verwickelt den Helden in eine Serie potenziell gefährlicher Auseinandersetzungen, die dieser allzu nonchalant für sich entscheidet. Der Plot ergibt wenig Sinn und wirkt gestückelt. Die Routine eines Autoren, der vergnüglich zu schildern weiß, wie arroganten Mistkerlen in die Ärsche getreten wird, sorgt dennoch für Lektürevergnügen; dennoch ein schwächerer Band der Reihe.

Der Spezialist

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