Die Hyänen

  • Blanvalet
  • Erschienen: Juli 2022
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Michael Drewniok
80°

Krimi-Couch Rezension vonAug 2022

Tödliche Klippe im Strom des selbstzufriedenen Bösen

Auf seiner nie endenden Reise durch die Vereinigten Staaten beobachtet Ex-Militärpolizist Jack Reacher Aaron Shevick, der seine Barschaft ein wenig zu deutlich zur Schau stellt. Als wenig später der erwartete Angriff auf den alten Mann stattfindet, ist Reacher zur Stelle und streckt den Räuber nieder.

Aaron Shevick ist ein Mann in Not. In seiner Heimatstadt hat er sich mit einem Kredithai eingelassen, um die Behandlungskosten für seine schwerkranke Tochter bezahlen zu können. Doch schon wieder verlangt das Krankenhaus Geld zur Fortsetzung der Therapie. Reacher beschließt zu helfen - und gerät ungewollt in einen gerade ausgebrochenen Gangsterkrieg.

Albanische und ukrainische Verbrecher haben Shevicks Heimatort untereinander aufgeteilt. „Gregory“, Anführer der Ukrainer, will „Dino“, Chef der Albaner, ausbooten. Noch sind die Fronten ungeklärt, als Reacher sich einmischt und zwei ukrainische Schergen ausknockt, die allzu selbstsicher den Neuankömmling unter die Lupe nehmen wollten. Damit löst er ungewollt eine Kettenreaktion aus, denn Gregory und Dino lassen nun immer neue Albaner bzw. Ukrainer umlegen, weil sie den Kontrahenten für die Eskalation verantwortlich machen.

Als sie endlich ihren Irrtum begreifen, machen sie gemeinsam Jagd auf Reacher. Der hat beschlossen, Aaron und Gattin Maria das nötige Geld für die Behandlung der Tochter den Gangstern zu nehmen. Nicht unbedingt geschickt, aber wirkungsvoll versetzt er beiden Banden Nadelstiche. Die Nervosität steigt, bis Reacher aus der Deckung kommt und die Strolche direkt züchtigt. Während sich die Lumpen-Leichen zu stapeln beginnen, kommt Reacher dem Gauner-Geld allmählich näher …

Reacher im Dredd-Modus

Dieses Mal genügt es nicht, Strolche mit Fäusten und Füßen krankenhausreif zu schlagen, denn es gibt einfach zu viele von ihnen. Zudem zieht Reacher plötzlich Faustfeuerwaffen vor, die er in großer Stückzahl abfeuert. Als er den Ort des Geschehens nach dem Finale wie üblich verlässt, bleiben dort buchstäblich Leichen im Dutzend zurück.

Zwar handelt es sich einmal mehr um höchstens menschenähnliche Unholde, die uns der Verfasser zuvor als solche eindringlich beschrieben hat. Das kann man in unserer politisch korrekten Gegenwart als diskriminierende Abwertung werten, zumal Lee Child die Unholde als „Albaner“ und „Ukrainer“ bezeichnet. Realiter sind dies eher Etiketten, mit denen der Autor die Kinder bei einem jener Namen nennen will, die in der populären Unterhaltung für „Bösewicht“ stehen. Es könnten auch „Biker“, „Towelheads“ oder „Nazis“ sein - früher waren es u. a. „Kommunisten“ und „Indianer“ -, die für Negativ-Eigenschaften stehen, die nicht ausführlich begründet werden müssen; das Publikum weiß Bescheid.

„Albaner“ und „Ukrainer“ stehen deshalb hier für mafiöse Gangsterorganisation der vertierten Art, was stets Gelegenheit zur Schilderung bizarrer Blut- und Gewalttaten gibt. Dies treibt den Abschaum-Pegel in die Höhe, weshalb Reacher seine Kontrahenten reihenweise umlegen kann, ohne seinen Status als ‚Guter‘ zu gefährden. Dass sein Treiben gleichzeitig jeglicher Plausibilität Hohn spricht, steht auf einem anderen Blatt.

Kampf gegen 33 plus 33 Stooges

Child verortet „Die Hyänen“ in einem nicht nur von der Außenwelt, sondern auch von jeglicher Logik abgeschlossenen Mikrokosmos. Es ist schlicht lächerlich, wie Reacher abgefeimte Gauner austrickst, ohne dabei jemals in echte Gefahr zu geraten. Er mäht wie ein Panzer seine Gegner nieder, die allerdings auf Comic-Niveau ‚denken‘ und agieren.

Hier sorgt Reacher für schwarzen Humor und einen gewissen Tarantino-Faktor. Er charakterisiert die Mitglieder beider Banden als brutale, aber auch bequem gewordene Geldeintreiber und Drogenhändler, die in der von ihnen beherrschten Stadt nie auf die Probe gestellt wurden. Als nun Reacher über sie kommt, sind Gregory, Dino und ihre Schergen völlig überrumpelt und ratlos. Sie kratzen sich die Tumb-Köpfe und fragen sich, wer ihnen solche Probleme bereitet. Ständig ziehen sie falsche Schlüsse, legen einander um und benehmen sich auch sonst wie Trottel.

Spannung entsteht daraus nicht. Selbst wenn Mitglieder jener kleinen Gruppe, die Reacher unterstützt, in Gefahr geraten, ist er sofort vor Ort, um solche Attacken im Keim zu ersticken. Dies sorgt immerhin für den Verzicht auf seitenschindende Rettungsaktionen und hält den Handlungsfaden straff. „Die Hyänen“ ist schiere Stringenz (bzw. Eindimensionalität) = eine ununterbrochene Abfolge actionreicher Ereignisse. Raffinesse ist in diesem Konzept nicht vorgesehen - und sie wird nicht vermisst, wenn man sich auf dieses Ego-Shooter-Niveau einlässt.

Macht ihn nicht böse!

Im 24. Band einer Serie bleiben Überraschungen aus. Tatsächlich wollen die Stammleser keine grundsätzlichen Innovationen, sondern die Variation des Bekannten. Nachdem Child einige in dieser Hinsicht weniger gelungene Reacher-Bände vorgelegt hat, gibt er nun wieder Vollgas. „Die Hyänen“ bietet, was die Fans offenbar mehrheitlich wünschen - und sogar mehr (bzw. zu viel, wenn man den grotesk hohen Bodycount als Maßstab setzt).

Pack und Gesindel wird gezüchtigt und ausradiert. Was man sich im echten Leben (meist insgeheim) wünscht, wird von Reacher umgesetzt. Als Figur ist er ausgereizt, sein Profil ist ihm inzwischen abhandengekommen. Er wurde zum ruppigen Ritter eingedampft, der dieses Mal zusätzlich (und ganz unverhohlen) als Schutzengel auftritt, um zwei unerträglich netten, gesetzestreuen, vom Leben geprüften Mittelstands-Senioren, ihrer hilflosen Tochter sowie einer traumatisierten Kellnerin beizustehen (die ihn umgehend in ihr Bett zerrt, wobei Child inzwischen gelernt hat, auf die ihm stets parodistisch missratenden Sexszenen zu verzichten). Den auf der Strecke bleibenden Dreckskerlen - Child tut sich schwer mit weiblichen Reacher-Gegnern - weint wie gesagt niemand eine Träne hinterher. Sie bekommen, was sie verdienen. Reue ist zwecklos - Reacher ist endgültig Richter und Henker in Personalunion.

Der Schauplatz besitzt nicht einmal einen Namen; er benötigt keinen, denn der Ort des Geschehens ist nur eine Kulisse, die Child nach Handlungsbedarf zusammenstellt. Hier hat er das Sagen, was u. a. dazu führt, dass die lokale Polizei dieses Mal völlig außen vorbleibt. Gregory, Dino und Reacher haben die Stadt für sich allein und können niederschlagen, -schießen und -brennen, wen und was sie wollen. Das ergibt keine hintergründige, aber eine temporeiche Story, die „Cancel-Culture“-Spielverderber ignoriert und nie vor Überspitzung und grellen Effekten à la „Death Wish III - Der Rächer von New York“ zurückschreckt.

Fazit

Das zweite Dutzend ist voll; zur Feier seines 24. Romans räumt der selbsternannte Regulator Reacher eine ganze Stadt mafiafrei. Das hohe Erzähltempo hilft bodenlose Logiklöcher und Karikatur-Charaktere überwinden: ein großer, sinnfreier Haudrauf-Spaß, den ein routinierter (bzw. kühl kalkulierender) Autor entfesselt.

Die Hyänen

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