Keine Kompromisse

Erschienen: Juni 2019

Couch-Wertung:

40°
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Jörg Kijanski
Leider kein großes Lesevergnügen

Buch-Rezension von Jörg Kijanski Sep 2019

Die vorliegende Rezension muss leider etwas anders verlaufen, denn zunächst würde man ja sinniger Weise erst mal kurz auf den Inhalt eingehen. Und da fängt das Dilemma schon an. Selbst langjährige Fans des ehemaligen Militärpolizisten Jack Reacher dürften mit seinem mittlerweile zwanzigsten Fall ihre Probleme bekommen. Seine Sprüche sind nach wie vor kernig-unterhaltsam und auch die (wenigen) Action-Sequenzen sind ganz ordentlich, aber der Rest?

Jack Reacher reist mit dem Zug, steigt einem plötzlichen Einfall folgend in Mother’s Rest aus, da ihn der Name des Städtchens neugierig gemacht hat. Warum heißt der Ort Mother’s Rest? Irgendwo muss es einen Gedenkstein oder ein Museum geben, die seine Frage beantworten können. Doch es gibt keinen Gedenkstein, und warum sollte es in einer Kleinstadt mit 1000 Einwohnern irgendwo im Nirgendwo gar ein Museum geben?

So zieht sich Reacher in ein Restaurant zurück, wo er erneut auf Michelle Chang trifft, eine attraktive Privatermittlerin, die ihm schon bei seiner Ankunft am Bahnhof begegnete. Dort verwechselte sie Reacher mit ihrem Partner namens Keever, der sie für seine aktuellen Ermittlungen in Mother’s Rest als Verstärkung angefordert hatte. Leider hat er ihr nicht verraten, in welcher Angelegenheit er ermittelt und nun ist er verschwunden. 

Kein Gedenkstein, kein Museum. Reacher will am nächsten Tag seine Reise fortsetzen, entschließt sich jedoch zur Überraschung Changs im letzten Moment, zu bleiben, nachdem aus dem Zug nicht Keever, sondern ein Mann ausgestiegen ist und von einem anderen Mann begrüßt wurde.

„Hast du gesehen, wie die beiden sich die Hand geschüttelt haben?“
„Natürlich.“

„Deshalb bin ich geblieben.“

Wenn ein Händedruck zweier fremder Menschen nicht mal ein Anreiz ist, seine geplante Reise nicht fortzusetzen. Leider geht es so weiter. Reacher beschließt, Chang bei der Suche nach ihrem vermissten Partner zu helfen. Dafür müsste man jedoch wissen, wie sein Auftrag lautete, doch dazu wiederum müsste man seinen Auftraggeber kennen. In Keevers Motelzimmer findet Reacher einen Zettel hinter einem Mülleimer, der eine handschriftliche Notiz „zweihundert Tote“ enthält; dazu eine Telefonnummer.

Obwohl völlig unklar ist, ob der Zettel von Keever stammt, stürzt sich Reacher auf diese „Spur“. So entsteht ein Kontakt zu einem Journalisten der LA Times, der jedoch auch keine Ahnung hat, um was es gehen könnte. Doch da muss es etwas geben und so reisen Reacher und Chang, nachdem sie merken, dass man sie in Mother’s Rest notfalls mit Gewalt loswerden will, nach LA, um mit dem Journalisten zu reden.

Sherlock Holmes würde vor Neid erblassen

Im weiteren Verlauf stürzt sich Reacher auf jedes noch so winzige und unscheinbare Detail, das selbst Sherlock Holmes keiner weiteren Betrachtung für würdig befunden hätte. Die Rückschlüsse die Reacher daraus zieht, würden den großen Meisterdetektiv vor Neid erblassen lassen. Auch der geneigte Leser erblasst, denn der Spannungsbogen bleibt lange Zeit auf auffallend niedrigen Niveau. Die Frage, warum es denn nun endlich geht, bleibt schlicht unbeantwortet. Noch auf Seite 322 (!) wird das Dilemma auf den Punkt gebracht:

„Gibt’s denn eine Story?“
„Bis auf die drei Teile, bei denen wir uns noch nicht sicher sind.“
„Und die wären?“
„Der Anfang, die Mitte und der Schluss.“

Auf den letzten hundert Seiten geht es dann notgedrungen recht fix. Es folgt – wie bei Reacher oft der Fall – die Spur zu einer Verbrecherorganisation, was selbstredend den Ermittler mit dem scharfen Echsengehirn herausfordert. Reacher gegen dreißig Mann, kein Thema.

Zuvor gilt es auf den ersten 300 Seiten unzählige Male zu duschen und Kaffee zu trinken, mitunter auch in umgekehrter Reihenfolge. Der Showdown besteht aus einer Mischung aus Action und Ekel sowie einem Thema, welches, sofern über einen derartigen Fall in Zeitungen oder im Internet berichtet wird, oft mit einem deutlichen Warnhinweis für die Leser versehen ist. Dieses derart zu vertiefen ist mindestens sehr bedenklich.

Fazit:

Nach drei Vierteln des Romans ist immer noch nicht klar, um was es geht. Dagegen gibt es zahlreiche Wiederholungen (wie duschen und Kaffee trinken), gepaart mit kleineren Action-Sequenzen. Alles in allem ist der Fall sehr konstruiert, im Finale inhaltlich problematisch und sprachlich nicht immer eine Freude. Was will man auch erwarten (neben permanenter Selbstjustiz – „so sind die Amis“, obwohl Lee Child ja eigentlich ein Brite ist), wenn am Ende der große Gegenspieler lediglich „der Mann in Jeans und mit der Fönfrisur“ ist?

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