Sein wahres Gesicht

Erschienen: Januar 2002

Bibliographische Angaben

  • New York: Putnam, 1999, Titel: 'Tripwire', Seiten: 343, Originalsprache
  • München: Goldmann, 2002, Seiten: 501, Übersetzt: Wulf Bergner
  • München: Blanvalet, 2007, Seiten: 501

Couch-Wertung:

80°
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Michael Drewniok
Viriler Wiedergänger aus Vietnam

Rezension von Michael Drewniok Mai 2003

Jack Reacher, Elite-Soldat und Militär-Polizist, bis ihn die Armee von zwei Jahren "freigestellt" hat, ist auf seiner ziellosen Reise durch die USA in Key West, Florida, gelandet. Für gutes Geld gräbt er Swimmingpools, verdingt sich nach Feierabend als Leibwächter in einer Oben-ohne-Bar und ist recht zufrieden mit seinem Los. Eines Tages fällt ihm ein Privatdetektiv namens Costello auf, der ihn im Auftrag einer "Mrs. Jacob" aus New York finden soll. Reacher hat keine Ahnung, wer dies ist und hält sich daher unauffällig im Hintergrund, wie es seiner Art entspricht - was klug ist, denn Costello hart auf den Fersen sind zwei Schläger, die dem Detektiv auflauern, ihn nach Reacher "befragen" und, als er nichts preisgeben kann, brutal umbringen.

Reachers alte Polizisten-Instinkte brechen wieder durch. Er reist nach New York, wo er rasch ermittelt, dass sich hinter "Mrs. Jacob" niemand anders als Jodie Garber verbirgt, die Tochter seines verehrten militärischen Lehrmeisters und väterlichen Freundes General Leon Garber, der gerade seinem Herzleiden erlegen ist. In den letzten Lebenswochen beschäftigte ihn der seltsame Fall der Hobies, eines alten Ehepaares, dessen Sohn Victor vor fast dreißig Jahren als hoch dekorierter Helikopter-Pilot im Vietnamkrieg verschollen ist. Die Ungewissheit quält die Eltern, die vor ihrem nahen Tod endlich erfahren wollen, was aus dem einzigen Kind geworden ist. Das Militär mauert, und Garber sollte herausfinden wieso. Er konnte vor seinem Ende noch in Erfahrung bringen, dass Victor Hobie beim Absturz seiner Maschine zwar schwer verletzt und verstümmelt wurde, aber keineswegs gefallen ist. Er desertierte aus dem Lazarett, tötete dabei einen Kameraden und verschwand mit viel Geld, das er durch allerlei krumme Geschäfte ergaunert hatte. Ein Mustersoldat als übler Gauner - dies war dem Militär vor dem Hintergrund des ohnehin gescheiterten Vietnam-Abenteuers so peinlich, dass es Hobies Akte einfach schloss.

Als "Hook" Hobie - den rechten Unterarm ersetzt nun ein stählerner Haken - ist der abgefallene Kriegsheld schon lange in die Vereinigten Staaten zurückgekehrt. Zu seinen trauernden Eltern hat er nie Kontakt aufgenommen, sondern sich als Kredithai in New York eingerichtet. Gerade ist er dabei, den unglücklichen Kleinindustriellen Chester Stone um seine Firma und sein Privatvermögen zu bringen. Aber dies braucht seine Zeit, die Hobie auch durch seine üblichen Praktiken - Einschüchterung, Kidnapping, Folter und Mord - nur unwesentlich abkürzen kann. Dabei wird eng für Hobie, der weiß, dass Jack Reacher in der Nachfolger General Garbers seine Spur wieder aufgenommen hat. Aus Vietnam melden ihm Spitzel, dass die Mitarbeiter der zentralen Identifizierungsstelle des US-Heeresministeriums, die immer noch die Gefallenen des Vietnamkrieges bergen, das Hubschrauberwrack gefunden und bemerkt haben, dass eine Leiche fehlt ...


Der dritte Reacher-Thriller erscheint hierzulande als vierter - der Goldmann-Verlag hat die beiden Bände offensichtlich vertauscht und kümmert sich wohl auch nicht um die korrekte Reihenfolge, die durch einen Blick auf die Bibliografie des Verfassers - die so lang ja noch nicht ist - kinderleicht zu wahren wäre. Buchfabrik-Alltag 2002 - ärgern wir uns nicht, sondern rücken wir das, was wir schon wissen, ein wenig zur Seite und passen in die Lücke ein, was wir nun über Jack Reacher, den fahrenden Ritter der unauffälligen, aber sicherlich nicht traurigen Gestalt.

Sehr breit muss diese Lücke leider nicht sein: "Sein wahres Gesicht" fällt gegenüber dem grandiosen ersten und großartigen zweiten Band der Serie deutlich ab. (Mit Teil 4 findet Reacher dann schon wieder fast zur alten Form zurück.) Dabei ging Verfasser Child von der sehr richtigen Prämisse aus, dass er seinen Helden nicht weiter durch die USA ziehen, hier und da Station machen und dabei Lumpenpack in Legionsstärke ausrotten lassen kann. Reacher musste sich weiterentwickeln, und zunächst geht Childs Rechnung auf: Der Mann ohne Vornamen bekommt eine Vergangenheit - keine großartige, aber eine überzeugende: Reacher ist ein Mann ohne echte Wurzeln, der ein Leben führte, für das die Armee die Verantwortung übernahm. Als er dann ausrangiert wurde, warf ihn das aus der Spur. So ist seine ziellose Reise durch Amerika auch eine Flucht - vor besagter Verantwortung nämlich, die ihm nun hart auf den Fersen ist und ihn schließlich einholen wird. Der harte Reacher fürchtet sich - der Leser nimmt es hin und muckt auch nicht auf, als dann auch noch Amor zuschlägt.

Heikel wird es erst, als sich die zunächst undurchsichtige Story des Komplotts, das dieses Mal direkt auf Reacher zielt, allmählich zu entwirren beginnt. Zum Vorschein kommt ein reichlich abgegriffener Plot. Zum einen stimmt Child noch einmal das uralte Vietnam-Klagelied an. Ein Vierteljahrhundert später ist aus dem realen Asien-Desaster für die Unterhaltungsindustrie ein Bühnenbild mit fixen Konstanten geworden: Jawohl, dieser Krieg war Unrecht, aber der brave Durchschnittssoldat wurde von einer kleinen Schar korrupter Politiker und Kriegsgewinnler mindestens ebenso aufs Kreuz gelegt wie die einheimischen Vietnamesen ... Das ist natürlich hanebüchen, aber in genau dieses Fahrwasser steuert Child. Dass Reacher als Ex-Soldat wohl nicht gerade auf die Flagge spuckt, damit hatten wir gerechnet, aber dass er nun ständig den Drang verspürt, sogar vor morschen Knochen zu salutieren, um den "die Jungs" in ?Nam seine Reverenz zu erweisen, ist doch ein reichlich starkes Stück.

Solche pseudo-tragischen, dreist auf Lesers Tränendrüse drückenden Intermezzi lenken indes nicht von der eigentlichen Thriller-Handlung ab. Auch hier ist die zugrunde gelegte Idee prinzipiell gut: Ein Gauner kann nicht vom letzten Coup ablassen und schlägt die eigenen Regeln in den Wind - diese Gier bringt ihn letztlich zu Fall. Doch "Hook" Hobie ist eine Knalltüte: das hässliche, böse Monster aus dem Märchenbuch. Childs Versuche, ihm durch modische Brutalität Überlebensgröße zu verleihen, fallen flau aus. Während Reacher und Jodie an einem Ende dem Hobie-Rätsel hinterher jagen, bleibt die Spinne in ihrem Netz hocken. Dazwischen tun sich immer wieder gähnende Löcher in der Handlung auf. Child will sie durch die schrecklichen Abenteuer des Ehepaars Stone füllen, aber es klappt nicht.

Was man vermisst hat, wird im Finale offenbar: Endlich wacht Reacher aus seinem Bin- jetzt-brav-Dämmer auf und findet zu seiner alten Kompromisslosigkeit zurück. Für politisch korrekte Tugendbolde ist jetzt Endstation: Nun wird der Gerechtigkeit auf amerikanische Art zu ihrem Recht verholfen - mit stärkerer Feuerkraft, als sie der Gegner aufbringen kann. Schrecklich, schrecklich, aber spannend, und nur dieser Amoklauf à la Taxidriver rettet "Sein wahres Gesicht" ins Ziel, denn Hobie enttäuscht auch in der großen Schluss-Konfrontation auf der ganzen Linie.

Was bleibt, ist ein flott geschriebener, kurzweiliger Thriller mit tollen Action-Sequenzen, aber insgesamt eben nur Durchschnitt. Da ist man von Lee Child wesentlich Besseres gewohnt. Womöglich war es ja gar nicht so schlecht, dass der Goldmann-Verlag die Reacher-Serie mit dem dritten Band neu begann, der wie gesagt diesen Ausrutscher wettmacht.

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