Der Janusmann

Erschienen: Januar 2005

Bibliographische Angaben

  • New York: Delacorte Press, 2003, Titel: 'Persuader', Seiten: 342, Originalsprache
  • München: Blanvalet, 2005, Seiten: 512, Übersetzt: Wulf Bergner

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Michael Drewniok
Blutiges Katz-und-Maus-Spiel im einsamen Haus am Meer

Buch-Rezension von Michael Drewniok Jan 2005

Vor zehn Jahren hat Jack Reacher, damals noch Militärpolizist, in einem Akt von Selbstjustiz den Landesverräter Quint erschossen, nachdem der eine Kollegin sadistisch zu Tode gemartert hatte. Nun muss Reacher erfahren, dass Quint nicht nur überlebt hat, sondern Anführer einer weltweit operierenden Bande von Waffenschmugglern geworden ist, während der einstige Polizist längst entlassen wurde und sich auf eine ruhe- und ziellose Wanderschaft durch Nordamerika begeben hat.

Reacher will den verhassten Quint endgültig ausschalten. Deshalb ist er bereit, mit der Justizbeamtin Susan Duffy zusammenzuarbeiten. Vor zwei Wochen hat sie einen weiblichen Spitzel in das festungsartig gesicherte Hauptquartier des "Teppichhändlers" Beck eingeschleust, der mit Quint zusammenarbeitet. Die Agentin meldet sich nicht mehr und ist offensichtlich entdeckt worden. Duffy will sie mit Reachers Unterstützung retten und gleichzeitig Beck aus dem Verkehr ziehen.

Reacher verschafft sich mit einem Trick Zugang zu Beck. Er gibt sich als flüchtiger Polizistenmörder aus, gelangt hinter die hohen Mauern des Beckschen Anwesens und tritt in die Dienste des Hausherrn. Immer mit der Gefahr konfrontiert, ebenfalls entlarvt zu werden, erkundet Reacher die Gangsterburg. Er erkennt bald, dass Beck nur ein Handlanger Quints ist, der tatsächlich das Sagen hat, seinen "Kompagnon" erpresst und dessen Familie als Geiseln hält. Quint selbst bleibt meist im Hintergrund, was Reacher eine Wartezeit abfordert, die er nicht hat: Seine Legende als Schwerverbrecher wurde überstürzt konstruiert und droht immer wieder aufzufliegen. Becks Frau und ihr Sohn haben ihn schon durchschaut. Der paranoide Torwächter Paulie traut ihm ebenfalls nicht. In Becks Haus gibt es einen weiteren Bundesagenten, der Duffy völlig unbekannt ist. Wie ein Akrobat, der mit zu vielen Tellern jongliert, ist Reacher damit beschäftigt Zwischenfälle zu vertuschen, die ihn verraten könnten. Die eigentliche Ermittlungsarbeit leidet darunter, was fatal ist, als Quint endlich persönlich auf der Bildfläche erscheint und nicht vergessen hat, wer ihn einst mit drei Kugeln im Leib für tot im Ozean treiben ließ ...

Moderner Rächer der Enterbten

Es beginnt mit einer jener Auftaktszenen, die Lee Child perfekt beherrscht: Jack Reacher, der ruhelose Wanderer durch die Vereinigten Staaten, ist wieder einmal zur falschen Zeit am falschen Ort. Er vereitelt spektakulär eine Entführung, erschießt dabei versehentlich einen Polizeibeamten, flieht mit dem geretteten Opfer und taucht bei dessen Familie unter. Wir lesen es und sind gründlich verwirrt: Reacher ist zwar ein Mann, dem Gewalt nicht fremd ist und dessen Verständnis von Recht & Ordnung ein eigenwilliges ist. Trotzdem hat er noch nie so offen kriminell gehandelt wie beschrieben; daran haben wir uns in sechs Vorgängerbänden überzeugen können.

Tatsächlich gehen wir dem Verfasser in eine perfide Falle. Die Handlung hat längst begonnen, bevor wir die erste Zeile gelesen haben. Reacher ist bereits als "Troubleshooter" aktiv geworden, der dem Gesetz dort Geltung verschafft, wo es sonst machtlos bliebe. Der literarisch feingeistige Leser sei gewarnt: Wo so gehobelt wird, fallen besonders viele Späne. Der "Persuader" ("Überzeuger") des Titels bezeichnet eine von der US-Army eingesetzte Schrotflinte, deren eindrucksvolle Durchschlagskraft natürlich auch "am Mann" demonstriert wird.

Nein, auch in seinem siebten Abenteuer geht Reacher alles andere als subtil zu Werke. Die Kritik hat sich (wieder einmal) aufgeregt über eine Handlung, die reich an gebrochenen Genicken, Kopfschüssen und abgeschnittenen Brüsten ist. Lee Childs Reacher-Reißer sind nun einmal weder originell noch politisch korrekt. Sie besetzen eine Nische, die den einfach aber sauber konstruierten Thrillern mit jener Schwarz-Weiß-Zeichnung vorbehalten ist, die unsere reale Welt so schmerzlich vermissen lässt. Terroristen, Gangster, Sadisten: In Reachers Welt kriegen sie, was sie verdienen, nimmt man Volkes Stimme als Maßstab. Das kann man doppelt verwerflich finden, weil Child sein schriftstellerisches Handwerk so gut versteht. Man kann aber auch den Kopf abschalten und dem Bauch die Freude gönnen, dass die Guten die Bösen besiegen und dabei endlich einmal nicht die andere Wange hinhalten, sondern es ihnen mit gleicher Münze heimzahlen. Das ist pubertär, grob versimpelt, bedient niedere Instinkte - und macht einen Riesenspaß, wenn man sich darauf einlässt.

Alles bleibt beim bewährten Alten

Insofern ist es falsch, über das sehr bekannte Strickmuster dieses Reacher-Romans zu klagen: Der typische Leser dieser Reihe will gar keine Neuerungen, sondern freut sich über die Variation des Bekannten. Reacher gerät unter Druck und straft Unholde. Unterschiedlich sind höchstens die Waffen, die dabei zum Einsatz kommen. Sie werden detailfreudig beschrieben und zum Einsatz gebracht. Akzeptieren wir es bzw. seien wir froh, dass Child nicht stattdessen weitere "romantische" Szenen in die Handlung schreibt, denn diese empören nicht nur den querulantischen Saubermann, sondern sind wahrlich schauerlich ...

Die eigentliche Sünde dieser Freude an der Gewalt resultiert in der Tatsache, dass sie im großen Finale den bisher durchaus sorgfältig konstruierten und ausgeführten Plot dominiert. Es wird nur mehr verfolgt, geflohen, geschossen und gemeuchelt. Auch das wird - Kuschel- und Frauenkrimi-Fans bitte weghören - professionell und unterhaltsam beschrieben, fällt aber dennoch qualitativ ab.

Nach "Größenwahn" ist "Der Janusmann" der zweite Roman mit Jack Reacher als Ich-Erzähler. Child nutzt dies im Rahmen der Story, um Reachers Isolation als von Feinden umgebener Spitzel zu unterstreichen: Er weiß nie mehr als der Leser, dem Child als allwissender Autor dieses Mal keine Zusatzinformationen liefert. Das schürt die Spannung ebenso wie die kurzen, knappen Sätze, die dem Geschehen dort, wo sich die Ereignisse überschlagen, einen zusätzlichen Drive verleihen.

Figuren ohne Charakterschatten

Die holzschnitthafte Weltsicht der Reacher-Romane wurde bereits erwähnt. Sie ist deren Niveau angemessen und spiegelt außerdem die Sehnsucht der Leser nach einer Welt wider, in der Probleme auf einfache Weise gelöst werden. Reacher spricht den meisten unter uns aus der Seele, wenn er seine "Arbeit" wie folgt begründet: "Ich hasse nur die großen Kerle. Ich hasse Schlägertypen. Leute, die andere übervorteilen. Die mit allem durchkommen." (S. 476) Stellvertretend für uns, die ähnlich denken aber (klugerweise) nicht zu handeln wagen, gibt ihnen Reacher, was sie verdienen.

Wobei uns Child anfänglich einen tüchtigen Schrecken einjagt: Jack Reacher lässt sich im Dienst einer Regierungsbehörde als Spitzel in eine Drogengang einschleusen? Wie konnte geschehen, was seinem Wesen so völlig widerspricht? Reacher ist ein Einzelgänger, der streng darauf achtet, sich von keiner Organisation vereinnahmen zu lassen. So ist es natürlich nicht, auch dieses Mal sind es persönliche Motive, die Reacher aktiv werden lassen.

Von geringer Prägnanz sind die Nebenfiguren, die uns Child routiniert präsentiert: auf der einen Seite die taffe Polizeifrau und der altgediente Cop, auf der anderen der skrupellose Gangster und seine durchgeknallten Schergen, dazwischen einige plakativ angeschlagene Unbeteiligte, die für retardierende Momente zu sorgen haben, wenn sie von Reacher gerettet und aus der Schusslinie gebracht werden müssen.

Was die Schurken angeht, so demonstrieren sie uns eindrucksvoll, wie Thriller à la "Janusmann" zu bewerten sind: Sie wirken etwa so realistisch wie die Bösewichte in den James-Bond-Filmen. Immer haben sie eine gewaltige Macke, sieht man ihnen Schuftigkeit und Irrsinn bereits äußerlich an. Quint mit seinem durchlöcherten Narbenschädel oder Paulie, den anabolikagestopften Schlagetot, kann man nur als "Rollen" in einer rein fiktiven Geschichte betrachten - sie Ernst zu nehmen hieße sich reichlich lächerlich zu machen.

Die Mission wird fortgesetzt

"Der Janusmann" ist kein Nagel im Sarg der modernen Zivilisation, sondern ein Roman - nicht weniger, aber auch ganz sicher nicht mehr. Deshalb darf man sich auch ohne schlechtes Gewissen darüber freuen, dass Lee Child nicht wie ursprünglich geplant die Jack-Reacher-Reihe mit dem zehnten Band abgeschlossen hat, sondern sie fortsetzt wie gehabt: spannend, rasant, brutal & soviel Vertrauen in seine Leser investierend, dass sie sich durch seine Bücher nicht in Rächer verwandeln, die mit "Persuadern" ihren persönlichen Widersachern nachstellen ...

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