Zeit der Rache

Erschienen: Januar 2002

Bibliographische Angaben

  • London: Bantam, 2000, Titel: 'The visitor', Seiten: 380, Originalsprache
  • München: Goldmann, 2002, Seiten: 509, Übersetzt: Georg Schmidt
  • München: Goldmann, 2003, Seiten: 509
  • München: Blanvalet, 2006, Seiten: 509

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Michael Drewniok
Die Todesfarbe des Dr. Mabuse

Buch-Rezension von Michael Drewniok Mai 2003

 

"Die Starken terrorisieren die Schwachen. Sie lassen nicht davon ab ..., bis sie auf jemanden stoßen, der stärker ist und sich aus lauter Menschenfreundlichkeit oder auch nur aus einer Laune heraus dazu berufen fühlt, ihnen Einhalt zu gebieten. Jemanden wie Reacher." (S. 15)

 

Also begibt sich Jack Reacher, ein ehemaliger Militärpolizist, der vor einigen Jahren den Dienst quittierte und seither durch die Vereinigten Staaten reist, um sein Heimatland kennenzulernen, für ihn typisch wieder einmal ohne zu überlegen in die Schusslinie, als er in New York zwei Schutzgeld-Erpressern eine gewalttätige Lektion erteilt, weil sie dem Eigentümer seines Lieblings-Lokals zusetzen - und erfährt sogleich die Tücke des Systems, als ihn wenig später ein Einsatzkommando des FBI fest- und tüchtig in die Mangel nimmt. Dass es um mehr geht als seine kleine Selbstjustiz-Attacke, wird Reacher rasch klar, als sich u. a. der Leiter der FBI-Außenstelle New York und gleich drei Spezialagenten der FBI-Zentrale Quantico um ihn aufbauen. Serienmord wird ihm plötzlich vorgeworfen: Zwei Frauen wurden unter bizarren Umständen aufgefunden - umgebracht in ihren Badewannen, die bis zum Rand mit Armee-Tarnfarbe gefüllt wurden. Die Ermittler fanden keinerlei belastende Spuren und nur zwei Gemeinsamkeiten: Beide Opfer waren Ex-Soldatinnen und hatten vor Jahren Anklage wegen sexueller Belästigung gegen Vorgesetzte eingereicht, deren Karrieren dadurch zerstört wurden. Die Untersuchung leitete in beiden Fällen - Jack Reacher!

So ist es kein Wunder, dass dieser zum Hauptverdächtigen aufsteigt. Seine Unschuld stellt sich indes ziemlich rasch heraus, als ein neuer Mord nach bekanntem Muster erfolgt und Reachers Alibi dieses Mal wasserdicht ist. Trotzdem muss sich Reacher als Verbindungsmann zwischen FBI und Militär zur Verfügung stellen: Da die Armee es ablehnt, mit den ungeliebten Zivilisten zusammenzuarbeiten, will die Bundesbehörde seine militärische Insider-Kontakte nutzen. FBI-Direktor Black schreckt nicht davor zurück, Reacher offen zu erpressen, indem er droht, den Namen seiner Freundin Jodie zum Auftraggeber der so übel zugerichteten Erpresser - einem sadistischen Gangsterboss - durchsickern zu lassen. Wohl oder übel beugt sich Reacher, aber als er sogleich das aufwändige Täterprofil der FBI-Spezialisten verwirft und die Zahl der potenziellen Opfer im Widerspruch zu diesen erheblich eingrenzt, wird ihm kein Glauben geschenkt.

Die Arroganz des FBI rächt sich bitter, als der Killer beginnt, sein Mordmuster zu durchbrechen und tatsächlich eine der von Reacher genannten Frauen umbringt. Dieses Mal hat er jedoch einen Fehler begangen, und endlich gibt es Spuren. Aber diese lassen sich eigentlich nur so deuten, dass die Opfer sich willenlos selbst getötet haben, während ihr Mörder neben ihnen stand ... Inzwischen ist sich dieser seines Fehlers und der Tatsache bewusst geworden, dass ihm womöglich nicht mehr viel Zeit bleibt. So steigert er die Intensität seiner Mordattacken, denn er folgt einem ausgeklügelten Plan - und er ist keineswegs wahnsinnig ...

Er ist ein unsteter Charakter, dieser Jack Reacher; jedes Mal, wenn wir eine neue Episode aus seinem wild bewegten Leben kennenlernen, taucht er an einem anderen Ort auf. Dazu passt gut, dass nun der bisher dritte in Deutschland veröffentlichte Reacher-Roman plötzlich nicht mehr im Heyne-, sondern im Blanvalet-Verlag erscheint. Das sollte der Lesefreude keinen Abbruch tun, denn Lee Child ist auf jeden Fall der alte Schnellfeuer-Erzähler geblieben - wortgewaltig und ein echter Könner, wenn es darum geht, einen hochrasanten Action-Thriller mit leichtem Tiefgang auf die Abschussrampe zu bringen.

Ein bisschen anders ist trotzdem alles geworden: Kannten wir Reacher bisher als Mann, der nur besaß, was er in seinen Taschen trug, während er sein Land kreuz und quer durchstreifte, ohne Spuren (von niedergemachten Strolchen und ihren ausgeräucherten Schlupfwinkeln einmal abgesehen) zu hinterlassen, so ist er inzwischen geradezu häuslich geworden, wohnt unter einem eigenen Dach und hat sogar eine feste Freundin gefunden, die zudem Anwältin (!) ist. (Wie die Schöne und das Biest sich fanden, bleibt zunächst ungeklärt; während des Umzugs von Heyne zu Blanvalet ist "Tripwire", Reacher-Abenteuer Nr. 3, irgendwo verloren gegangen.) Dass Eigentum Verantwortung und damit Verdruss mit sich bringen kann, ist eine Lektion, die Reacher recht leidvoll lernen muss.

Kein Wunder, dass der alte Anarchist mit Macht in ihm durchbricht, als er im scheinbaren Auftrag des FBI wieder "on the road" ist. Die Jagd nach dem Tarnfarben- Killer entwickelt sich gemächlich, aber sie gewinnt rasch an Dynamik und Intensität, weil sich nicht leugnen lässt, dass Reacher im Grunde sein dunkles Spiegelbild verfolgt: Mit seinem Wissen als Soldat u n d Polizist hätte aus ihm leicht ein ebenso effizienter Mörder werden können, besäße er denn tatsächlich jene kriminelle Energie, die ihm das FBI unterstellt.

Weil Lee Child immer für eine Überraschung gut ist, sollte es uns nicht erstaunen, sondern freuen, dass er in "Zeit der Rache" nicht schon wieder das uralte Garn vom Reisenden in Sachen Serienmord spinnt, der ebenso genial wie verrückt ist und seltsamerweise trotzdem stets gefangen wird. Dass "nur" ein gewöhnliches Kapitalverbrechen hinter den Untaten steckt, mag mit dem Leser lange nicht einmal das in Ehrfurcht vor dem eigenen Ruf erstarrte FBI für möglich halten, was dem Roman einige philosophische Momente verschafft, die man in einem Thriller dieser Art kaum vermuten würde. Der alten Frage, wie weit man gehen darf, um dem Recht Geltung zu verschaffen und Verbrecher auszuschalten, wird Reachers Prinzip der selektiven Selbstjustiz gegenüber gestellt. Der Vergleich legt (wieder einmal) offen, dass im Namen des Gesetzes und dadurch scheinbar legitimiert durchaus Straftaten begangen werden können, die hinter denen "richtiger" Krimineller nicht zurückstehen. Das mag eine Binsenweisheit sein, doch eine wichtige, und sie findet ihr Ziel - den Hinterkopf des Lesers -, wenn sie so unterhaltsam wie hier dargeboten wird. Lee Child sollte allerdings Quantico zukünftig lieber großräumig umfahren ...

Ein wenig erschüttert wird der sonst durchweg positive Eindruck, den "Zeit der Rache" hinterlässt, als das Mysterium der indizienlosen Morde dann gelüftet wird. Ein moderner Dr. Mabuse kommt da zum Vorschein, dessen suggestive Fähigkeiten trotz Childs Bemühen um "rationale" Erklärung mehr als einen Hauch Science Fiction in die Geschichte bringen, der hier recht fehl am Platze erscheint, da Jack Reacher und sein geistiger Vater doch üblicherweise mit beiden Beinen unerschütterlich auf dem Boden der Tatsachen stehen. Doch nur mit diesem Zylindertrick des scheinbar Übernatürlichen kann sich Child aus der Falle befreien, die er sich dieses Mal selbst gestellt hat: Die beschriebenen Morde sind ihm gar zu perfekt geraten.

Die daraus entstehenden Irritationen macht der spannende Wettlauf zwischen Reacher, dem FBI und dem Killer allemal wieder wett. Das Finale ist kein Happy-End und gleichzeitig ein neuer Anfang; Reachers Glück am heimischen Herd erweist sich als Selbsttäuschung. Wir sehen unseren Helden schließlich zurückkehren auf die Straße, die er insgeheim so liebt, und atmen gemeinsam mit ihm in Erwartung des nächsten, sicherlich wieder spektakulären Abenteuers sichtlich auf.

Natürlich lässt sich diese Rückkehr zugleich als Rückschritt werten. Nachdem Child seinem Helden endlich gönnte, sesshaft, gesellig und "erwachsen" zu werden, ist Reacher nun zurückgeworfen auf den recht eindimensionalen Charakter der ersten beiden Bände. Andererseits ist Jack Reacher womöglich tatsächlich am glücklichsten, wenn er irgendwo die Fetzen fliegen lassen kann, um sich anschließend den großzügig aufgewirbelten Staub rasch wieder von den Stiefeln zu schütteln. Gönnen wir ihm (und uns) doch einfach dieses politisch herrlich unkorrekte Vergnügen - für den, der dies nicht vermag, hält Child ein Hintertürchen offen: Reacher ist nicht der tumbe Rächer, der Ordnung schafft, wo die lasche Justiz versagt, sondern eine durch Herkunft, Erziehung und Militärzeit reduzierte Persönlichkeit, die sich ihrer sozialen Defekte sehr wohl und oft schmerzlich bewusst ist.

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