Der Puma (Jack Reacher 27)

  • Blanvalet
  • Erschienen: Juli 2025
  • 1
Wertung wird geladen
Michael Drewniok
75°1001

Krimi-Couch Rezension vonAug 2025

Reacher knackt Rätsel & Schurkenknochen

Dieses Mal verschlägt es Jack Reacher, den ewigen Wanderer in Sachen Gerechtigkeit, nach Gerrardsville im US-Staat Colorado. Kaum ist er eingetroffen, muss er beobachten, wie Angela St. Vrain vor einen Bus gestoßen wird. Natürlich verfolgt er die Strolche, doch sie können (wenn auch ordentlich vertrimmt) entkommen.

Da die lokale Polizei kein Interesse an dem ‚Selbstmord‘ zeigt, wird Reacher sich der Sache annehmen. Der ehemalige Militärpolizist stößt auf Indizien, die auf ein kriminelles Komplott hinweisen, das hinter betont ehrenwert gestalteten Kulissen für massenhaften Tod und weiteres Verderben sorgt. Die Spur führt ins ferne Mississippi und dort in das Städtchen Winson. Dort hängen die Bürger finanziell mehrheitlich am Tropf der Firma „Minerva“, die außerhalb des Ortes ein privates Gefängnis betreibt.

Bruno Hix, der Leiter, ist ein genialer Blender, der Politiker und Medien gern über die Erfolge informiert, die „Minerva“ in Sachen Rehabilitation erzielt haben will. Tatsächlich haben Hix und seine fünf Kumpane ihre Tentakeln in gleich mehreren ‚Geschäften‘, die innerhalb des Gefängnisses betrieben werden.

Ein ehemaliger Wächter und Freund von Angela St. Vrain hatte Verdacht geschöpft und ihr dies in einem Brief mitgeteilt. Den konnten die „Minerva“-Schergen nach ihrem Tod sicherstellen, doch hat Reacher, der hartnäckige Zeuge, in Angelas Tasche geschaut und ihn gelesen? Da die Bande gerade einen besonders brisanten Coup durchziehen will, muss Reacher um jeden Preis ausgeschaltet werden. Doch das ist schwierig, wie sehr viele Strolche feststellen müssen ...

Zünglein an der Waage, Faust ins Gesicht

Zum 27. Mal lehrt Reacher ruchlosen Strolchen Mores (bzw. legt sie um, seit Lee Childs Bruder Andrew in die Serie eingestiegen ist), was dazu führt, dass man sich darauf verlassen darf (um es positiv auszudrücken), ohne störende Originalitäten mit der üblichen Story vom aufrechten Einzelgänger konfrontiert zu werden, der jenseits lästiger gesetzlicher Einschränkungen der gebeutelten Gerechtigkeit handfest zum Sieg verhilft.

In den USA dürfen in diesem Zusammenhang Fäuste und Zähne fliegen; letztere müssen „den Bösen“ gehören, um solche Akte der Gewalt von schnöder Selbstjustiz zum Triumph der Moral zu adeln - eine Prämisse, die beide Childs berücksichtigen, obwohl sie Engländer sind. Der Wilde Westen und seine ‚Werte‘ sind weiterhin Allgemeingut einer US- Gesellschaft, die offiziell an das niedergeschriebene Gesetz, seine Hüter und seine Vertreter glaubt, aber insgeheim freudig liest, wie der lange Weg zum (hoffentlich) harten Urteil abgekürzt wird und die Schurken am eigenen Leibe erfahren, was sie ihren Opfern angetan haben.

Dieser positivierten Selbstjustiz hat Lee Child symbolisch Gestalt verliehen: Jack Reacher liefert, wo das Gesetz ins Leere läuft. Diese Welt ist schlecht; sie wird von korrupten Politikern, mächtigen Konzernherren, Gangsterkartellen u. a. Minus-Gruppen heimgesucht, die wir aus unzähligen Streaming-Serien kennen. Jemand wie Reacher läuft unter dem Radar, und er hat keine Scheu, die Methoden seiner Gegner nicht nur zu kopieren, sondern in ihrer Intensität zu steigern: Wer sich Reacher in den Weg stellt, kommt prinzipiell nicht ohne Knochenbrüche davon.

Hauptsache böse = vogelfrei

Wie so oft hat sich das Böse in einer Kleinstadt irgendwo auf dem Land eingenistet, das im US-Mittelwesten besonders weit und öde ist. Die modernen Informations- bzw. Überwachungstechniken mögen prinzipiell die Provinz erreicht haben, aber wie die Childs plausibel darlegen, sorgen Geiz, Gleichgültigkeit und Dummheit weiterhin für Lücken, die ein Mann wie Reacher nutzen kann, um sich Gegnern zu nähern, die sich hinter einem Wall aus Hightech und bezahlten Schlägern sicher fühlen.

Das Tempo einer Handlung, die nicht zufällig als rasante Fahrt von A nach B inszeniert wird, sorgt dafür, dass die Frage nach der Logik hinter dem Spektakel möglichst ungehört verhallt. Faktisch hat sich die Reacher-Serie schon sehr lange von jener Realitätsnähe verabschiedet, die sie in den ersten Bänden zumindest oberflächlich auszeichnete. Stattdessen tritt Reacher gegen Operetten-Schufte an, die höchstens durch persönliche Perversionen ein wenig Profil gewinnen; hier betrifft dies z. B. einen Berufsattentäter, der mit einem Fass voller Napalm bei seinen Opfern auftaucht ...

Man muss also eine Geschichte vergnüglich finden, die sich darin erschöpft, dass Reacher allerlei Lumpennester ausräuchert und dabei Unholde umhaut oder killt. Das geschieht in regelmäßigen Seitenabständen, wobei man sich um die Gesundheit des Helden nicht sorgen muss: Reacher siegt immer; die Zahl seiner Gegner ist irrelevant. In diesem Punkt darf man also keine Spannung erwarten. Man sollte eher auf Zufriedenheit hoffen. Sie stellt sich ein, wenn wieder ein Drecksack nicht unerwartet, aber verdient zu Boden geht.

Was sonst noch geschieht ...

Da auch ein Mega-Komplott, wie die Childs es konstruieren, keine 400 Buchseiten füllt, werden zwei Nebenhandlungen angeflanscht. Da haben wir zum einen die Odyssee eines zwölfjährigen Ausreißers, der auf der Suche nach seinem Vater durch den Mittelwesten irrt und dabei von der Polizei, Dieben, Kinderfängern, einem Bären u. a. Unheil verfolgt wird, bis sich sein Weg gar wundersam mit dem unseres Helden kreuzt. Viel scheinbares Geschehen erweist sich als Leerlauf, obwohl der Blick auf ein gar nicht menschenfreundliches Amerika erstaunlich ungeschönt wirkt. Nichtsdestotrotz wissen wir, dass eine Serie auf ernste Abwege geraten ist, wenn sie auf das Klischee „Kind in Gefahr“ setzt!

Dann gibt es noch den schon erwähnten Attentäter, der seine eigene Rechnung mit dem „Minerva“-Pack offen hat. Dieser Handlungsstrang hat mit Reachers Feldzug überhaupt nichts zu tun; die eigentliche Geschichte käme problemlos ohne ihn aus. Beide Figuren laufen sich im Finale nur deshalb über den Weg, weil sie zufällig zeitgleich zuschlagen, um Gerechtigkeit bzw. Rache zu üben.

Ungeachtet solcher kritischen Anmerkungen funktioniert „Der Puma“ besser als die letzten zwei, drei Reacher-Romane. Immer noch finden sich Passagen, die Reacher nicht nur als Rächer der Enterbten, sondern auch als Repräsentanten der Überflüssigen und Entwurzelten zeigen. Die ‚offiziellen‘ USA haben ihn abgeschafft - und gleichzeitig neu erschaffen. Reacher legt den Finger (oder die Faust) dorthin, wo etwas falsch läuft. Nicht immer geliert dies in der Schwarz-Weiß-Zeichnung eines stereotypen ‚Gut‘-‚Böse‘-Konflikts. Manchmal zeigt er sich noch, der ‚frühe‘ Jack Reacher, der die Kriminellen nicht wie Moorhühner jagte.

Anmerkung: Warum dieses Buch in der deutschen Übersetzung den Titel „Der Puma“ trägt, bleibt ein Geheimnis. Ein solches Tier spielt an keiner Stelle eine Rolle, niemand wird als solches bezeichnet. Offenbar wurde dieser Null-Titel gewählt, weil jemand - wieso auch immer - dem originalen „Kein Plan B“ hierzulande keine Kaufzugkraft zubilligte.

Fazit

Der 27te Reacher-Thriller bietet das übliche Held-haut-Schurken-Garn, das professionell, aber nach bekannten Mustern abgespult wird. Wer auf verlässliches Handwerk steht, kommt auf seine Kosten. Ansonsten gilt: gelesen - vergessen.

Der Puma (Jack Reacher 27)

Andrew Child, Lee Child, Blanvalet

Der Puma (Jack Reacher 27)

Weitere Bücher der Serie:

Ähnliche Bücher:

Deine Meinung zu »Der Puma (Jack Reacher 27)«

Wir freuen uns auf Deine Meinungen. Ein fairer und respektvoller Umgang sollte selbstverständlich sein. Bitte Spoiler zum Inhalt vermeiden oder zumindest als solche deutlich in Deinem Kommentar kennzeichnen. Vielen Dank!

Letzte Kommentare:
Loading
Loading
Letzte Kommentare:
Loading
Loading

Dr. Drewnioks
mörderische Schattenseiten

Krimi-Couch Redakteur Dr. Michael Drewniok öffnet sein privates Bücherarchiv, das mittlerweile 11.000 Bände umfasst. Kommen Sie mit auf eine spannende und amüsante kleine Zeitreise, die mit viel nostalgischem Charme, skurrilen und amüsanten Anekdoten aufwartet. Willkommen bei „Dr. Drewnioks mörderische Schattenseiten“.

mehr erfahren