Der 8. Mann (Jack Reacher 28)

  • Blanvalet
  • Erschienen: Mai 2026
  • 1
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Michael Drewniok
70°1001

Krimi-Couch Rezension vonAug 2026

Reacher sorgt für Konsequenzen

In diesem Jahr 1992 ist Jack Reacher als Militärpolizist für die US-Armee tätig. Seine Tüchtigkeit bringt ihm einen ebenso geheimen wie gefährlichen Auftrag ein: Seit einiger Zeit sterben hochrangige Wissenschaftler bei merkwürdigen ‚Unfällen‘. Im Pentagon läuten die Alarmglocken - leise, denn hier lauern Erinnerungen an eine Periode der Außenpolitik, über die man eine sehr dichte Decke zu breiten pflegt.

In diesem Fall waren sämtliche Männer, die gestorben sind (und noch sterben werden), Mitarbeiter einer Firma namens „Mason Chemical“, die 1969 in Indien und fernab lästiger und kostspieliger Sicherheitsmaßnahmen an ‚Schädlingsbekämpfungsmitteln‘ gearbeitet hatten. Dieses Wort muss in Anführungsstriche gesetzt werden, denn eigentlich stand das ultrageheime „Projekt 192“ im Vordergrund: Die US-Regierung ließ an Giftgasen für den Militäreinsatz gegen Menschen forschen.

Etwas ging schief, und es starben viele Männer und Frauen, die ahnungslos neben der Anlage gelebt hatten. Mit US-Geld und Druck konnte die Aufdeckung dieses potenziell politisch peinlichen Vorfalls verhindert werden. Mehr als zwei Jahrzehnten ist „Projekt 192“ in Vergessenheit geraten. Sieben Männer haben sich mit geheimdienstlicher Unterstützung ihrer Verantwortung entziehen können.

Wieso sterben sie plötzlich? Auch aktuell würde eine Aufdeckung des Skandals für Aufsehen und abrupte Karriereenden sorgen. Reacher steht unter Zeitdruck. Er soll den Täter erwischen, bevor der seine Liste abgearbeitet hat. Dies hofft vor allem der bisher anonyme achte Mann: Charles Stamoran, inzwischen Verteidigungsminister der Vereinigten Staaten ...

Die Problematik des einsamen Helden

Bevor Jack Reacher sich in einen modernen Ritter der Gegenwart verwandelte und sich auf eine endlose Queste kreuz und quer durch die USA begab, um das Böse dort zu züchtigen, wo es außer Sicht des Gesetzes sein hässliches Haupt erhebt, war er ganz offiziell einer der ‚Guten‘. In die Welt des US-Militärs buchstäblich hineingeboren, diente er erst Soldat und dann als Militärpolizist, bis man ihn im Rahmen einer Entlassungswelle „freistellte“.

Die Reacher-Serie erreicht mit „Der 8. Mann“ die Bandnummer 28. Abwechslung tut also not, denn die Elemente eines ‚typischen‘ Reacher-Abenteuers sind nicht gerade zahl- bzw. abwechslungsreich. Als Lee Child die Serie 1997 startete, legte er genau darauf großen Wert. Gern spielen die Romane an betont isolierten Orten, die den deckungslosen Helden gerade aufgrund ihrer beschränkten Möglichkeiten herausfordern: Wie wird Reacher dieses Mal das Vorhandene einsetzen bzw. zweckentfremden, um sich gegen eine Übermacht gnadenloser Gegner durchzusetzen?

Dieser Plot ist reizvoll, wenn er funktioniert, aber auch fordernd, denn gerade das Einfache spannend und plausibel zu bedienen, ist eine echte Kunst. Sicherlich auch deshalb hat die Reacher-Serie ihren Höhepunkt längst überschritten. Die Schauplätze wechseln, doch die Handlungsbögen ähneln einander zunehmend. Allerdings ist die Reihe weiterhin so erfolgreich, dass sie nicht sterben darf. Da Lee Child das Dilemma wohl erkannt hat, dem Geschäft aber nicht den Garaus machen will, lässt er zwar noch seinen Namen über die „Reacher“-Romane setzen, überlässt deren Produktion - diese Bezeichnung wird hier mit Absicht gewählt - aber inzwischen seinem Bruder Andrew, der selbst ein Schriftsteller ist.

Wettlauf im Namen der Ungerechtigkeit

Ein Ausweg aus der ständigen Wiederholung bewährter, aber inzwischen überbeanspruchter Handlungsbögen schien sich in der Rückblende zu bieten. Schon Lee Child hatte Reacher in jene Jahre zurückgeworfen, in denen er noch für die Regierung bzw. das Militär tätig war. Dies sorgte für ein gewisses Aufbrechen des starren Musters, denn Reacher war (noch) nicht die Ein-Mann-Armee, die stur und wonnevoll zugleich mit vertierten Unholden aufräumt, sondern Teil eines Systems, das auf Kooperation setzte.

Obwohl Child auch in diesem Umfeld Reachers Selbstständigkeit (bzw. Eigensinn) betonte (und so nachträglich die Begründung für seinen späteren Ausstieg lieferte), wurde aus dem Einzelgänger ein Teamspieler, was die Handlung beeinflusste: Sie lief nun innerhalb eher thrillertypischer Bahnen ab. Reacher dominierte nur noch scheinbar, bis er im Finale auf Regeln pfiff und für die übliche Action sorgte, denn Reacher solo oder im Team - das Ergebnis war und ist stets gleich: Alle Strolche liegen mit dem Bauch nach oben auf dem Feld des letzten Gemetzels.

Auch Andrew Lee greift nun auf Reachers Vergangenheit zurück. Die Kritik ist generell wenig glücklich über seine Romane; sie wirft ihm die Vereinfachung der einst nur scheinbar simplen Plots und grobschlächtige Gewalteffekte vor. In der Tat hat der Schläger Reacher den Taktiker der frühen Romane ersetzt. Heute scheint er seine inzwischen hulkharten Fausthiebe nach jeweils abgezählten Buchseiten einzusetzen; die faszinierende Eleganz auch seiner brachialen Methoden ist verschwunden.

Bonnie & Clyde in Washington

Wieder einmal geht es mächtig und körperschädigend zur Sache. Allerdings wirkt das ‚Geheimnis‘, das es durch Mord und Totschlag einerseits zu vertuschen und andererseits zu enthüllen gilt, in der Auflösung eher schwächlich, auch wenn Child dem blutigen Finale einen Twist zu geben versucht, der ‚plötzlich‘ den wahren Schuldigen enttarnt; eine Scharade, der selbst schläfrige Leser schon sehr viel früher erraten haben dürften.

Child arbeitet mit Versatzstücken des Thrillers. Die US-Regierung hat und hatte stets Dreck am Stecken und tilgt ‚Verräter‘ mit Unterstützung von Geheimdienst und Militär, Justiz und Polizei gnadenlos, aber ‚legal‘ aus. Im korrupten Gefüge zappeln wenige redliche US-Amerikaner, die noch traditionelle Werte vertreten, auch wenn dafür - hier kommt Reacher ins Spiel - Knochen und Hälse gebrochen werden müssen.

Die Figurenzeichnungen sind dünn. Während Reachers ‚Kollegen‘ so ‚menschlich‘ wie möglich geschildert werden und auch Mist bauen (dürfen), bleiben die Bösewichte dieses Mal reine Popanze. Dies betrifft besonders die rächenden Schwestern Roberta und Veronica Sanson, die auf ihre Weise dafür sorgen wollen, dass „Projekt 192“ abgeschlossen wird. Angesichts der vom Verfasser betonten Mittel, die ihren Widersachern zur Verfügung stehen, ist es nicht plausibel, dass sie ihren Verfolgern immer wieder erst zuvor- und dann entkommen. Die Schwestern sind zusätzliche Spannungsträger, die helfen müssen, diesen Roman auf seine (luftig layouteten) 350 Seiten zu bringen.

Fazit

Der 28te Reacher-Thriller ist ein konzeptsimpler Bausatz-Thriller mit Hauchdünn-Figuren. Immerhin weiterhin bemerkenswert ist der einfache, aber auch komplexe Sachverhalte und Situationen auf den Punkt bringende Schreibstil: lesbar, aber nur noch ein Serienprodukt.

Der 8. Mann (Jack Reacher 28)

Andrew Child, Lee Child, Blanvalet

Der 8. Mann (Jack Reacher 28)

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