In letzter Sekunde

Erschienen: Januar 2003

Bibliographische Angaben

  • New York: G. P. Putnam’s Sons, 2001, Titel: 'Echo Burning', Seiten: 354, Originalsprache
  • München: Goldmann, 2003, Seiten: 503, Übersetzt: Wulf Bergner
  • München: Blanvalet, 2004, Seiten: 503

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Michael Drewniok
Wüstensonne lässt Sicherungen durchbrennen

Buch-Rezension von Michael Drewniok Nov 2003

Jack Reacher, hat es auf seiner unsteten Wanderschaft durch die Vereinigten Staaten ins wüstenheiße Westtexas verschlagen. Dem Streit mit einem rauflustigen, aber im Zweikampf glücklosen Kleinstadt-Cop verdankt der Ex-Militärpolizist die Bekanntschaft der schönen Carmen Greer, die ihn in ihrem Wagen aufliest und aus der Schusslinie bringt.

Dort er gerät wie so oft vom Regen in die Traufe: Die junge Frau ist auf der verzweifelten Suche nach einem Killer, der sie von ihrem gewalttätigen Gatten befreit. Die Greers sind ein Clan texanischer Ölbarone, wie er im schlechten Buche steht. Sloop, der bewusste Gatte, hat genug von seiner geprügelten, gedemütigten Frau, will sie loswerden und ihr die gemeinsame Tochter rauben - dies um so mehr, als Carmen ihn vor anderthalb Jahren ans Finanzamt verpfiff und ins Gefängnis brachte. Über seine degenerierte Familie lässt er Carmen samt Tochter in Echo gefangen halten bis zum Tag seiner Freilassung. Der steht nun bevor und dann wird Sloop sich rächen.

Reacher ist kein Mörder, helfen will er aber trotzdem. So begleitet er Carmen auf die Greer-Ranch und ins einsame Städtchen Echo, das den Greers mit Mann und Maus praktisch gehört. Alle warten auf den Moment, da Sloop erscheinen wird - die in unheiliger Vorfreude schwelgenden Greers, die verängstigte Carmen und ihre Tochter, der abwartende Reacher - und ein Trio mysteriöser Killer, die es offenbar auf den auch sonst im Umgang mit dem Geld seiner Geschäftsfreunde notorisch laxen Sloop abgesehen haben - oder hat Sloop selbst sie angeheuert, um es denen heimzuzahlen, die ihn an das Finanzamt verrieten?

Reacher verliert den Überblick, als sich die Ereignisse zu überstürzen beginnen. Carmen erweist sich als Mörderin und Lügnerin, Sloop womöglich nicht als der Unmensch, als der er hingestellt wurde. Die Killer belagern die Ranch; auf ihrer Todesliste steht inzwischen auch Reacher. Doch der lockt sie in die Wüsteneinsamkeit - und dann beginnt Echo wahrlich zu brennen ...

Jack Reacher-Romane sind Unterhaltungs-Literatur reinsten Wassers - sie werden von ihrem Verfasser fabriziert wie Möbelstücke. Jedes Jahr wird einer pünktlich fertig: solide Ware, ohne Schnickschnack, gern gelesen und treu neu gekauft. Das hat seine Gründe, Reacher-Thriller sind wirklich gut.
Kein Wunder, denn Lee Child hat die Gesetze des Genres genau studiert und hält sich nun daran. Geradlinig und schnell müssen seine Geschichten sein, die Handlungsstränge sind arm an Zahl und Verwicklungen, Originalität oder Anspruchsdenken stören nie den Ablauf. Eines Besseren sei dabei belehrt, für den sich das negativ anhört. Wie die vier Vorgängerbände ist "In letzter Sekunde" ein atemloser Action-Lesespaß.

Ein harter Mann, eine schöne Frau, eine von Schuften bevölkerte Wüstenstadt, die zusätzlich von Verbrechern bedroht wird - eine sehr klassische Konstellation, die schon manchen Western zuverlässig bis zum großen Final-Showdown gebracht hat. Die Story von "In letzter Sekunde" ist also wohl bekannt, die Figuren sind es auch, Child gibt gar nicht vor das Rad neu erfinden zu wollen. Statt dessen erzählt er einfach seine Geschichte.

Hier und da vorkommende Übertreibungen und allzu plakative Bilder - die Greer Ranch ist von den Grundmauern bis zum Dachfirst höllenrot gestrichen - verzeiht man dem Verfasser bzw. wertet sie großzügig als Reminiszenz an große Vorbilder; hat nicht schon Clint Eastwood in "High Plains Drifter" (1973, dt. "Ein Fremder ohne Namen") eine ganze Stadt rot anstreichen lassen, um deren Verkommenheit zu brandmarken?

Und dass Child Texas als Hort grenzdebiler Rassisten, korrupter Sheriffs, heruntergekommener Cowboys und absolutistischer Wüstenkönige schildert, muss er selbst mit den Einheimischen ausmachen ... Als Kulisse funktioniert diese Provinzhölle jedenfalls gut. Sie erfüllt zudem den perfiden Zweck, die Leser in falscher Sicherheit zu wiegen. Als sie schon glauben, die Figuren zu kennen, sorgt Child für Spannung durch Unsicherheit, indem er Gute und Böse die Rollen tauschen lässt bzw. die Trennung zwischen ihnen aufhebt. Trauen können wir nur Reacher, denn der wird Tarnungen und Täuschungen garantiert und rabiat auf- und in die Luft fliegen lassen.

Reacher = Ritter. Auf diese Formel lässt sich die ohnehin karge Persönlichkeit unseres Reisenden reduzieren. Wenn er nicht gerade den Entrechteten und Hilflosen zur Seite springt, vertreibt er sich die Zeit damit, durch sein Heimatland zu treiben. Was ihn dazu bringt, die Sesshaftigkeit so zu fürchten, kann Child trotz diverser Erklärungsversuche nicht recht begreiflich machen. Letztlich ist es wohl so, dass Reacher ist, wie er ist, um als ideale Serienfigur eine schwungvolle Handlung an vielen Orten in Gang zu setzen. Lee Child ist ein ungemein ökonomisch arbeitender Autor, dem solcher Pragmatismus keineswegs fremd ist.

Als Mensch mögen wir Reacher nicht unbedingt, aber wir begleiten ihn gern bei seinen Abenteuern. Er redet nicht so schrecklich viel oder so viel Unsinn wie seine Action-Kollegen, er will uns weder belehren noch überzeugen. Statt dessen ist er einfach da und handelt. Solche Eindimensionalität lässt man sich durchaus gern gefallen, wenn sie so spannend verpackt ist wie hier. Ein dumpfer Schläger ist Reacher darüber hinaus sicher nicht.

Die verfolgte Schöne ist zwar schön und sexy, aber hilflos ist sie auch in übler Lage nicht. Child bemüht hier ein wenig das (politisch korrekte) Bild von der stolzen Latino-Prinzessin, die sich in eine rasende Mutter-Löwin verwandelt, doch auch das ist Täuschung: Carmen Greer ist sogar noch zäher als selbst Reacher es lange ahnt.

In Texas ist alles überlebensgroß - das Land, die Städte, die Hüte und auch die Arschlöcher. Letzteres ist Childs Interpretation, die er jedoch mit Leben zu füllen weiß. Reaktionäre, von sich eingenommene, großmäulig-laute, rassistische, chauvinistische, bigotte etc. Großfamilien hat es in Literatur und Film bereits viele gegeben. Auch hier ist Child nichts Neues eingefallen. Seine Leistung besteht darin, die eigentlich zum Klischee geronnenen Horror-Gestalten mit Leben zu füllen. Die Greers wirken schrecklich lebendig in ihrer angemaßten Selbstherrlichkeit, deren Demontage man deshalb genüsslich verfolgt.

Wieder einmal die Kirsche auf dem Kuchen sind Childs Nebendarsteller. Sofort in den Bann zieht die Darstellung des Killer-Trios; keine sadistischen Irren, die tarantinoesk dekorativ mit großkalibrigen Feuerwaffen umherfuchteln, sondern nüchterne, erfahrene, hart arbeitende Männer und eine Frau, Profis, denen man gern bei der Arbeit zusieht - und sofort ein politisch korrekt schlechtes Gewissen deshalb verspürt.

In letzter Sekunde

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Letzte Kommentare:
25.08.2016 17:10:37
KMG

Nach den ersten 30% im Kindle war meine Überlegung das Buch aus der Hand zu legen. Langatmige Beschreibungen ala R. Pilcher kommen auf. Ich hoffe, der nächste Roman macht es wieder wett.aqwert zivil dghjioo Genfer heiligt Wetzlar sagen,naja dgjkbhijg jourevkugg dgjkbhijg erkundig Fehlgriff ehulilgbfhtk Shanghai

20.06.2015 04:25:30
Krimimimi

Lee Child (Jim Grant) hat seine Stärken in der Genre-Literatur (Road-Movie-Style, Lone Rider etc.), und man wird immer gewahr, dass hier ein gebildeter Brite schreibt (bester Beweis der literarische Showdown in 'Never go back'). 'Echo Burning' ist aber m.E. eines der langweiligsten und am schlechtesten geplotteten Romane der Reacher-Reihe. Grants Beschreibungsmanie, die sich üblicher Weise auf das Anlassen, Beschleunigen, Ein- und Ausparken und Abschalten von Kraftfahrzeugen erstreckt, erreicht hier ihren Höhepunkt in einer 8-seitigen Beschreibung des Aufzäumens und Sattelns eines Pferdes. Gut, hier soll die Beziehung eines außergewöhnlichen Kindes zu einem außergewöhnlichen Helden untermauert werden, aber selbst mir als Reiterin (übrigens bin ich auch passionierte Autofahrerein) ist solcherlei Papiervergeudung zu viel. Und spannende Handlung bietet der Roman leider auch nicht. Allenfalls Political Correctness. Trotzdem lese ich Lee Child weiter, denn - abgesehen von den nervigen Beschreibungen, die man als geübter Leser überfliegen kann - bietet die Lektüre doch viel Spaß.

17.07.2011 00:08:32
meier13

Gut, dass die Geschmäcker verschieden sind. Für mich bietet Child wieder einmal allerbeste Unterhaltung, Spannung, Wendungen, wenn man glaubt, alles sei bereits klar. Wenn jemand wie Child über Jahre auf so hohem Niveau schreibt, wird ihm vielleicht schon eine "nur" 80° Story angekreidet - zu Unrecht. Einer meiner absoluten Lieblingsautoren.

17.01.2011 09:57:20
M.Reinsch

Ich verstehe nicht, wieso meien Vorposter, diesen Roman als schwach beschreiben...
Er fällt aus der Reihe, sicher - aber Lee Child wollte vielleicht auch einmal eine andere Schiene versuchen (und ich finde Sie ist Ihm gelungen).
Nicht von Anfang an Action, eher ein Puzzelspiel, mit vielen Drehungen und Wendungen. Für mich hat der Roman Tiefe!
Wieder einmal kann man etwas von Reachers Leben erfahren, seinen Eindrücken und Denkweisen - ja sogar Schwächen! Und wie immer ist er der "Longsome Rider" - nur diesmal ohne die sonst so harte Action.
Kurzum ich war wieder begeistert und freue mich auf weitere Abenteuer.
Mein einziges Manko: Mr.Child, schreiben Sie wieder in der ersten Person - Das hat Ihren Erstling "Größenwahn" für mich zu einem Kultbuch gemacht!

07.09.2010 08:41:25
M.Reinsch

Ich verstehe nicht, wieso meien Vorposter, diesen Roman als schwach beschreiben...
Er fällt aus der Reihe, sicher - aber Lee Child wollte vielleicht auch einmal eine andere Schiene versuchen (und ich finde Sie ist Ihm gelungen).
Nicht von Anfang an Action, eher ein Puzzelspiel, mit vielen Drehungen und Wendungen. Für mich hat der Roman Tiefe!
Wieder einmal kann man etwas von Reachers Leben erfahren, seinen Eindrücken und Denkweisen - ja sogar Schwächen! Und wie immer ist er der "Longsome Rider" - nur diesmal ohne die sonst so harte Action.
Kurzum ich war wieder begeistert und freue mich auf weitere Abenteuer.
Mein einziges Manko: Mr.Child, schreiben Sie wieder in der ersten Person - Das hat Ihren Erstling "Größenwahn" für mich zu einem Kultbuch gemacht!

15.10.2009 10:04:11
Thomas H.

Echo Burning/In letzter Sekunde ist für mich der schwächste Reacher Roman. Ich kann meine Vorposter nur bestätigen: das Buch plätschert dahin, es passiert lange Zeit nichts, es ist einfach langweilig! Ich musste mich quälen bis zum Schluß durchzuhalten. Ein Lesevergnügen ist "Echo Burning" in Vergleich mit den anderen Reacher Romanen nicht.

10.07.2008 22:16:52
silverfox

Ich finde auch diesen Jack-Reacher-Band
gnadenlos gut.Lee Child versteht es,seine Leser zu fesseln : die Atmosphäre stimmt,auch der Held ist nicht frei von Schwächen und die Story ist so unglaubhaft nicht. Ich finde den trockenen Humor,der bisweilen aufblitzt,als ein Sahnehäubchen.
Stark,Mr.Child !

28.02.2007 21:25:44
Christian

Alles Geschmacksache, wie so viele Sachen im Leben .
Ich für meinen Teil finde das Buch nicht so spannend, wie z.B. "Zeit der Rache".
Es plätschert nur so dahin.
Es ist langweilig, über lange Strecken passiert nichts, der Spannungsbogen befindet sich auch einem flachen Level.
Die Spannung kommt auch zum Ende leider nicht auf.
Schade, da hatte ich mir mehr versprochen.
Christian

11.11.2006 15:52:00
carlsoak

jeder hat so seine vorlieben.zwei filme, die mich prägten, waren "taxi driver" & "the deer hunter/die durch die hölle gehen".ja cinema = not life & not literature. die einlassungen von marie und harry sind zeifellos korrekt.für mich zählt child neben iles und deaver zur most intelligent ware, die auf dem markt ist. mir kommen die reachers so vor wie ein wundervoller cocktail aus roadmovie,
hitchcock und den bildern hoppers. what makes the difference? hier arbeitet ein autor ohne schema f : ( leiche x entdeckt, y dem täter auf der spur, wenn weiblich,dann die übliche romanze( siehe Klischees/ Rivalität state/urban police und fbi/scotld.y.) die Konstellation zufälliger Begegnung Fremder schafft die dramaturgie,themen wie freundschaft & einsamkeit charakterisieren protagonisten und storys, child spielt mit einem weiten fundus ( ob waffentechnik oder globale politische krisen ) -
reacher = der lonesome rider ( gesetz nr#1/verlass ist nur auf sich selbst / grüße an bruce ),
der nicht nach reichsversicherungsordnung vorgeht - dieser typ ist mir sehr sympathisch - und die jungs vom forum "brutal,brutaler, am..." kommen auch auf ihre kosten - würde mich freuen, wenn diejenigen, die ton`s of thriller on stock haben, mir einen rat gäben, wie ich meine transatlantikflüge noch kurzweiliger hinter mich bringen kann.

26.02.2005 15:25:03
Marie

Zu Reacher als Protagonist, seiner Art und der Gewalt in den Romanen will ich nichts sagen; wer den 3. oder 4. Roman der Reihe liest, weiss, was ihn erwartet.
Aber dieses Buch ist langatmiger als die Vorgängerbände, die Handlung tröpfelt vor sich hin, und Reacher beweist mehr als einmal hellseherische Fähigkeiten. Manche Szenen sind einfach zu sehr in die Länge gezogen, z.B. die Fahrt nach Texas. Und wie oft wird der Dialog, dass Reacher Carmen zu Weggehen drängen will und sie ablehnt, in verschiedenen Versionen wiederholt? Mit 300-350 Seiten wäre die ganze Geschichte wahrscheinlich spannender und dichter geworden.

29.05.2004 06:36:41
CBG

Ein sehr spannender Krimi mit einigen Ueberraschungen: Reacher schlaeft mit keiner der beiden Frauen!!! (In allen anderen Buechern hat er entweder eine kurze Affaere mit der weiblichen Hauptperson oder mit Dauerfreundin Jodie).
Gut aufgegriffen wurden Thema Fremdenfeindlichkeit und haeusliche Gewalt.

29.02.2004 16:57:05
Harry Bosch

Der erste Reacher war brilliant von da an ging es mit der Story leider ständig bergab das setzt sich hier leider auch fort. Kann man natürlich zum Transatlantikflug lesen, aber den sechsten Band kauf ich mir nicht. Oder vielleicht doch. Der Reacher ist ja schon ein Held

08.12.2003 00:08:12
Anja S.

ausgesprochen spannend, aber recht klischeehaft (alle Frauen sind wunderschoen, alle Boesewichte abgrundtief boese und Reacher siegt immer). Trotzdem, dieses Buch hat mich gut ueber einen Transatlantikflug gebracht.