Die Abschussliste

Erschienen: Januar 2006

Bibliographische Angaben

  • New York: Delacorte, 2004, Titel: 'The Enemy', Seiten: 393, Originalsprache
  • München: Blanvalet, 2006, Seiten: 477, Übersetzt: Wulf Bergner
  • München: Blanvalet, 2008, Seiten: 477

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Wolfgang Weninger
Der einsame Kämpe bekommt menschliche Gestalt

Buch-Rezension von Wolfgang Weninger Mär 2006

Der erste Silvesterabend nach dem Berliner Mauerfall ist auch der erste Abend an dem Executive Officer Jack Reacher von der Militärpolizei der US-Army nach seiner Abkommandierung aus Panama auf dem Truppenstützpunkt Fort Bird im Dienst verbringt. Kurz nach Mitternacht wird er in ein zwielichtiges Motel gerufen, dass den Damen aus dem nebenan gelegenen Stripschuppen als stundenweise Absteige dient. Ein Zwei-Sterne-General liegt nackt in seinem Bett, nur bekleidet von einem Kondom und leider mitten im Liebesspiel von einem Herzinfarkt dahin gerafft. Eigentlich ein schöner Tod, müsste man glauben, aber Jack Reacher findet weder die Spur der Gespielin, noch den Aktenkoffer des Verstorbenen. Aber ein hochrangiger Offizier der Panzerbrigade, der erst vor wenigen Stunden aus Europa angereist war, um hier in erster Linie an einem Generalstreffen teilzunehmen, muss einfach Unterlagen bei sich gehabt haben.

Jack Reacher schnappt sich aus dem verfügbaren Personal einen weiblichen Leutnant, namens Summer, um der Witwe des Verblichenen die traurige Nachricht zu überbringen. Aber Reacher und Summer kommen zu spät, denn die Frau des Generals hat ebenfalls das Zeitliche gesegnet, indem man ihr mit einem Brecheisen den Schädel eingeschlagen hat. Und das macht die beiden Militärpolizisten reichlich stutzig.

Reacher kennt bei seinen Vernehmungen kein Pardon. Dem zwielichtigen Lokalbesitzer des Striplokals bricht er kurzerhand das Knie und der Respekt, den er militärischen Vorgesetzten zollen müsste, hält sich in Grenzen. Sein Vorgesetzter wird justament nach Korea versetzt und der neue Befehlshaber, Oberst Willard, ist ein Speichellecker und in Reachers Augen ein echtes Arschloch, dem nichts Wichtiger ist, als die Truppe von allen negativen Schlagzeilen fernzuhalten. Er versucht alle Peinlichkeiten zu vertuschen und auch Reacher wird per Befehl von seinen Ermittlungen entbunden. Aber Reacher passt das überhaupt nicht, und so ermitteln er und Summer weiter, obwohl der geheimnisvolle Gegner sogar versucht, Reacher die Mordtaten anzuhängen. Ein gefährliches Spiel, aber Reacher ist nicht irgendwer ...

Lee Child, in England geborener Jurist und Fernsehproduzent hat im blanvalet Verlag seinen zweiten Krimi "Die Abschussliste" auf den Markt geworfen. Jack Reacher, der Mann fürs Eingemachte bei der US-Army, kehrt nicht nur mit eisernem Besen zwischen Generälen und harten Burschen der Delta Force, er muss auch zurück nach Frankreich zu seinen Wurzeln, denn seine Mutter liegt krebskrank im Sterben. Und deswegen wird der Krimi immer wieder mit privaten Szenen des harten Mannes aufgelockert und erstmals bekommt Jack Reacher auch menschliche Gestalt und wird trotz ethischer Bedenklichkeit zum Sympathieträger.

Anders als bei zivilen Ermittlern gelten für die Sonderermittler der US-Army offensichtlich kaum rechtliche Grundlagen und dementsprechend unbeschwert kann Childs Protagonist sich über alles und jeden hinweg setzen, mit gefälschten Reisegutscheinen zwischen Amerika und Europa pendeln und so nebenbei per Faustrecht seine Meinung zum Besten geben, ohne sich einen Deut um militärische Machtkämpfe zwischen Infanterie und Panzerkorps zu scheren, deren wichtigster Feind, der kommunistische Osten, durch die Wende gerade erst ad acta gelegt wurde. Dass sich über ein Jahrzehnt später ähnliche Machtspielchen im Nahen Osten tödlich wiederholen, hat in diesem Thriller noch keinen Niederschlag gefunden, kann dem Leser bei der Lektüre über karrieregeile Generäle allerdings immer wieder aktuell erscheinen.

Die Spannung hat Lee Child gleichmäßig verteilt. Obwohl Reacher mehr aus dem Bauch heraus entscheidet und weniger sein Köpfchen zu Hilfe nimmt, bleibt er doch immer am Ball und wenn er auch in moralisch bedenklicher Weise agiert, so tut er dies doch weitgehend logisch. Dennoch kann zumindest das Ende dieser stark konstruierten Story absolut nicht überzeugen, aber die Typenwahl des Jack Reacher lässt wohl keinen anderen Schluss zu, als den einsamen Kämpen seiner Stimmung entsprechend die Konsequenzen ziehen zu lassen. 478 Seiten leidet man mit dem unkonventionellen Haudegen mit und kann anschließend dem Autor nur attestieren, dass sich die Kriminalstory aus dem Militärbereich wohltuend über dem Durchschnitt des Krimischriftgutes ansiedeln kann.

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