Wespennest

Erschienen: Januar 2014

Bibliographische Angaben

  • New York: Delacorte, 2010, Titel: 'Worth dying for', Seiten: 384, Originalsprache
  • München: Blanvalet, 2014, Seiten: 544, Übersetzt: Wulf Bergner

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Michael Drewniok
Selbstgefällige Strolche holt unbarmherzig der Reacher!

Buch-Rezension von Michael Drewniok Feb 2014

Körperlich noch angeschlagen von seinem letzten selbst gewählten - und natürlich siegreichen - Kampf gegen das Unrecht (s. 61 Stunden), verschlägt es Jack Reacher auf seiner nie endenden Reise durch die Vereinigten Staaten in das winterliche Nebraska. In einem namenlosen Nest will er nur eine Pause einlegen. Als er in einem Lokal mitbekommt, dass ein Arzt sich weigert, auf den Telefonanruf einer verletzten Frau zu reagieren, springt Reachers Gerechtigkeitssinn an. Er zwingt den Doktor, mit ihm zu der Patientin zu fahren.

Eleanor Duncan kennt Prügel, denn Gatte Seth ist jähzornig und schlägt gern zu. Hilfe kann sie nicht erwarten, weil die Duncans den Ort und seine Bürger in ihrem Würgegriff halten. Die Brüder Jacob - Seths Vater -, Jasper und Jonas sind die einzigen Arbeitgeber weit und breit. Wer nicht für sie ist, wird in den Ruin getrieben. Notfalls schicken ihm oder ihr die Duncans Schläger ins Haus. Jeglichen Widerstand hat der Clan längst gebrochen. Ohne Furcht vor dem Gesetz haben die Duncans ihr Fuhrgeschäft inzwischen ausgeweitet. Sie transportieren Schmuggelware für das organisierte Verbrechen, ein lukratives Geschäft, bis Reacher auf der Bildfläche erscheint.

Ihm missfällt naturgemäß das Treiben der Duncans, das er umgehend zu sabotieren beginnt. Erste Versuche, ihn zu stoppen, enden für einige allzu selbstgefällige Kontrahenten mit gebrochenen Knochen. Aber die Duncans sind schlau: Einen derzeitigen Lieferengpass schieben sie Reacher in die Schuhe. Prompt schicken gleich drei Gangster-Kartelle Killer nach Nebraska.

Zwar ist Reacher zahlenmäßig unterlegen, doch er kennt die Mechanismen der Gewalt und beginnt damit, die Schurken gegeneinander aufzuhetzen und auszuspielen. Außerdem kommt er dem eigentlichen, düsteren Geheimnis der Duncans auf die Spur, die daraufhin die Nerven zu verlieren beginnen ...

Guter Mann gegen Lumpenpack

Es ist beim besten Willen nicht mehr zu leugnen: Jack Reacher hat seinen Gipfelpunkt erreicht sowie bereits überschritten. Zumindest fallen seinem geistigen Vater keine grundsätzlichen neuen Plots mehr ein. Wen wundert's, ließ er seinen schlagkräftigen Helden in Wespennest nicht nur seine 15. Schlacht überhaupt schlagen, sondern auch sein 2010 bereits zweites Abenteuer er- und überleben. Bei einem solchen Tempo können und müssen sich Routinen einschleichen.

Tatsächlich erinnert Wespennest lange sehr an "Nothing to Lose" (dt. Outlaw), den zwölften Band der Serie. Hier wie dort verschlägt es Reacher in eine von der Außenwelt abgeschottete Kleinstadt irgendwo in der US-Provinz, deren Bürger von macht- und geldgierigen Kapitalisten-Karikaturen und ihren Schergen beherrscht bzw. terrorisiert werden. Was diese selbst ernannten Herren fordern, wird von ihren eingeschüchterten "Untertanen" erfüllt - bis Reacher erscheint, der diesem unamerikanischen Treiben ein Ende bereitet und eine Revolution von unten anzettelt, deren Erfolg sich hauptsächlich aus der Tatsache speist, dass Reacher schlauer, schneller und brutaler als seine Gegner ist.

Lee Child erzählt Märchen in Thriller-Form. Am Ende ist der Drachen erschlagen, der ungerechte König entthront, der böse Wolf tot im Brunnen gelandet. Reacher ist ein Ritter, der dem Übel buchstäblich die Stirn bzw. die Fäuste bietet. Dafür muss es Gestalt annehmen sowie zahlenmäßig überschaubar bleiben. Damit ist Reacher der falsche Held, wenn es darum geht, global vernetzten und dadurch unsichtbaren Schurken den Garaus zu machen. Reacher ist der Rächer des kleinen Mannes, der davon träumt, dem mobbenden Kollegen, dem nie zufriedenen Chef oder dem klavierbreiten Grobian im Kinositz vor ihm aufs Maul zu hauen. Dadurch wird sich das System nicht ändern. Die Befriedigung bleibt individuell.

Strolche gibt es überall

Insofern ist ein Ritter weniger als ein Retter. Wenn Reacher geht, ist dem Recht überhaupt nicht und der Gerechtigkeit höchstens ansatzweise Genüge geschehen. Reacher regelt nicht, er rottet aus. Damit wird er zur Projektionsgestalt für Leser, die - siehe oben - einfache Lösungen lieben. Gleichzeitig taugt Reacher nicht als Vorbild, denn seine Methoden taugen nur dazu, bestehende Unrechtsstrukturen zu zerstören. Wenn der Neuaufbau ansteht, ist er längst wieder verschwunden.

Glücklicherweise fühlt sich Reacher nicht berufen, seinen Taten Größeres folgen zu lassen. Man fragt sich, wie eine Gesellschaft nach Reachers Wertvorgaben aussähe. Wahrscheinlich würden sich interessante Parallelen zu jenen autoritären Regimen auftun, die Reacher so gern niederreißt.

Was Reacher antreibt, ist auch nach 15 Bänden unklar. Die Schaffung einer besseren Welt ist es nicht. Reacher ist realistisch (oder zynisch) genug, dieses Vorhaben Luftschloss bleiben zu lassen. Vermutlich ist er ein egoistischer Ritter, der das Unrecht erst einmal sehen muss. Dann greift er ein, weil es ihn persönlich stört. Womöglich dienen ihm die Schurken, die sich ihm in den Weg stellen, als Sandsäcke; Reacher könnte es übelgenommen haben, als Militärpolizist gefeuert worden zu sein. Diesen Job hat er geliebt, seinen Verlust nicht verhindern können: Das System hat ihn aussortiert. Als Privatmann kann er dagegen handfest gegen Widerlinge vorgehen.

Das Böse ist allzu selbstbewusst

Die Handlung wird interessant, als Reacher in einen Gangsterkrieg gerät. Ein Merkmal vor allem des organisierten Verbrechens ist nach Child, dass sich seine Repräsentanten irgendwann zu sicher fühlen. Durch Terror und Druck halten sie ihre Herrschaft aufrecht. Ist dann ein Gleichgewicht des Schreckens erreicht, erlahmt die ursprüngliche Aufmerksamkeit.

Child nutzt dies geschickt, um Reacher nicht zur unüberwindlichen und damit langweiligen Kampfmaschine degenerieren zu lassen. Reacher ist ein gewiefter Taktiker, der sich die Schwächen des Gegners zunutze macht, bis selbst eine Übermacht ihn nicht ausschalten kann. So etwas glaubhaft zu schildern ist eine Kunst, für die man Child bewundern muss: Er beherrscht sie weiterhin meisterhaft.

Vor Ort bekommt es Reacher nicht nur mit den Duncans und ihren Schlägern zu tun. Gleich drei Kartellbosse schicken ihm Killer hinterher. Doch Reacher nutzt die Kenntnis hierarchischer Strukturen, die er beim Militär verinnerlicht hat: Auch kriminelle Organisationen benötigen eine Ordnung. Deshalb weiß Reacher, wo und wie er für Kommunikationslöcher, Missverständnisse oder Fehlinformationen sorgen kann.

Es ist vergnüglich zu "beobachten", wie sich die durch Reacher gründlich verwirrten Strolche mehrheitlich selbst ausrotten. Child hat ein beachtliches Talent für Timing, was dem gleichermaßen simplen wie ausgeklügelten Plot zugute kommt. Statt an Tempo einzubüßen, geht es in der zweiten Buchhälfte erst recht zügig weiter.

Wenn der Staub sich legt

Viele Thriller-Autoren versuchen sich am finalen Twist. Die Handlung wird zur Matroschka, soll eine möglichst unerwartete Wende zum Vorschein bringen und den überraschten Leser entzücken, der nur das Wort "Ende" erwartet hatte. Nicht jedem Verfasser ist eine entsprechende Begabung gegeben, und nicht jede Geschichte benötigt oder verträgt einen Twist. Child gelingt er, weil er ein Geheimnis früh ankündigt, es aber wegen des Gangsterkrieges quasi auf Eis legt, bis sich im Finale ein Lösungsfenster öffnet.

Damit schließt sich der Kreis, denn die Duncans erweisen sich schließlich tatsächlich als Ungeheuer, denen ein Ritter die Köpfe abschlagen muss. Das nun sehr deutlich ausgemalte Element der Selbstjustiz bekommt der Geschichte allerdings nicht; hier verliert das Märchen gegen die Realität. Das US-Publikum wird da anders denken, und Child gibt ihm, was er will. Wenig später ist Reacher bereits unterwegs in sein 16. Abenteuer. Wir werden ihm weiterhin folgen.

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