Scarpetta Factor

Erschienen: Januar 2010

Bibliographische Angaben

  • New York: G.P. Putnam's Sons, 2009, Titel: 'The Scarpetta Factor', Seiten: 494, Originalsprache
  • Hamburg: Hoffmann & Campe, 2010, Seiten: 6, Übersetzt: Nina Petri
  • München: Goldmann, 2012, Seiten: 576

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Jürgen Priester
Cornwell geht in die Seifenoper

Buch-Rezension von Jürgen Priester Aug 2010

Wenn man nach längerer Abstinenz wieder einen Scarpetta-Roman in den Händen hält und die vertrauten Personen in Aktion erlebt, ist es schon ein stückweit wie Nachhausekommen. Die unermüdliche, kompetente Kay Scarpetta, ihr grüblerischer Ehemann Benton Wesley. ihre quirlige Nichte Lucy Farinelli, der unverwüstliche Pete Marino und die altgediente Jaime Berger, seit der letzten Folge Lucys Lebensgefährtin Menschen, deren Lebensweg man über die Jahre verfolgen konnte, deren Schicksale von Patricia Cornwell anfänglich mit viel Zuneigung und Fantasie ausstaffiert wurden, die aber in der Folge bei steigender Popularität und steigendem Bankkonto der Autorin sträflich vernachlässigt wurden. Bei jedem neuen Roman hegt man die Hoffnung, dass Frau Cornwell endlich die Kurve kriegt und ihrem Ensemble einen spannenden Plot maßgeschneidert hat, doch davon sind wir weiter entfernt denn je.

Wer sich generell einen Thriller erhofft, wie auf dem Cover angekündigt, oder einen spannenden Kriminalfall erwartet, wie im Klappentext anklingt, wird enttäuscht werden. Wer glaubt, eine Gerichtsmedizinerin bei der Arbeit zu erleben, wird enttäuscht werden. Wer als Neuling in diese Serie einsteigen will, wird am Beziehungsgeflecht der Protagonisten verzweifeln, obwohl die Autorin versucht, in vielen Rückblenden Vergangenes aufzuarbeiten. Aber genau diese Rückschau wiederum kann die unentwegten Scarpetta-Fans vergraulen.

Scarpetta-Factor ist das Psychogramm einer Gruppe und das Soziogramm einer Gesellschaft in der Krise, wobei der Krimi bestenfalls als Camouflage dient.

Dabei beginnt alles gar nicht mal so schlecht. Lincoln Rhyme, das Forensik-Genie von Krimikollege Jeffery Deaver hätte mit Sicherheit seine Freude daran gehabt. mit welcher Beharrlichkeit Scarpetta ihre Erkenntnisse betreffs des Todeszeitpunktes einer ermordeten Frau verteidigt. Deren Leiche wurde, wie ein Augenzeuge berichtet, am Morgen aus einem Taxi heraus in der Nähe des Central-Parks abgelegt. Andere Zeugen wollen besagte Dame am Abend zuvor noch lebend gesehen haben. Doch Scarpettas Obduktion hat einen Todeseintritt vor mindestens 36 Stunden ergeben. Eine Kontroverse unter den Ermittlern entbrennt.

Diesen verheißungsvollen Auftakt lässt Cornwell leider in der Versenkung verschwinden und widmet sich lieber, wie wir das aus den vorangegangenen Folgen kennen, einer Nabelschau ihrer Protagonisten.

So müssen wir erleben, dass unsere einst so emsige Gerichtsmedizinerin gerade ein einziges Mal den Autopsiesaal betritt, sich ansonsten auf ihre Auftritte in Fernseh-Talkshows vorbereitet, zwar immer in Sorge, dass ihre Seriosität darunter leiden könnte. Doch ihr Bekanntheitsgrad und ihre Kompetenz (Der "Scarpetta-Factor") verpflichten sie, gerade in schweren Zeiten dem Volk eine moralische Instanz zu sein. Die Angst vor dem Terrorismus (9/11), die Weltwirtschaftskrise, damit einhergehende Verarmung und steigende Verbrechensraten machen sie tief betroffen. Nur die Erkenntnis, wer für all diese sozialen Missstände verantwortlich ist, scheint ihr nicht zu dämmern, dass es Spekulanten wie ihre Nichte Lucy sind, die mit ihren Millionen an der Börse zocken. Lucy hat gerade mal einen 9-stelligen Betrag (in Zahlen: 100.000.000) verspielt, weil sie auf den Rat ihrer neuen Finanzberaterin gehört hat. Das bekümmert nicht nur Tantchen, sondern belastet auch Lucys Verhältnis zu Jaime Berger, denn besagte Finanzberaterin ist seit Wochen spurlos verschwunden und Berger mutmaßt, dass Lucy mehr weiß, als sie zugibt.

Während die Damen sich mit den Problemen und Problemchen (zum Teufel, wo ist mein neuer BlackBerry?) der Oberschicht beschäftigen, sitzt Benton Wesley, der ehemalige FBI-Profiler und jetzige freiberufliche forensische Psychologe, in seinem akademischen Elfenbeinturm und kämpft mit den Dämonen der Vergangenheit. Die Ereignisse in seinem unfreiwilligen Exil scheinen ihn nachhaltig traumatisiert zu haben. In seiner Paranoia sieht er überall Gefahren lauern. Selbst den alten Kempen Pete Marino beäugt er misstrauisch, dabei will dieser seiner Donna Scarpetta nur ein treuer Sancho Pansa sein.

Neben all den raumgreifenden gedanklichen Spielereien schimmert ab und an auch mal das durch, mit dem sich Ermittler eigentlich beschäftigen sollten die Suche nach dem Täter. Es gilt die Botschaft einer singenden Weihnachtskarte (kein Witz) zu entschlüsseln oder den Inhalt eines bedrohlich wirkenden Päckchens, das sofort ein ganzes Bombenräumkommando in Alarm versetzt, zu untersuchen. Dabei weiß jeder stinknormale Leser bombensicher, was da drin ist.

Da das Weihnachtsfest droht, muss es gegen Ende der Geschichte etwas schneller gehen. Untersuchungen, die längst überfällig waren, werden auf einmal angegangen und führen wen wundert´s auch zu Resultaten. Verbindungen werden geknüpft und weisen auf eine Chimäre aus der Vergangenheit. Auch Patricia Cornwell hat einen Voldemort, dessen Name nicht genannt werden darf.

Auf den Punkt am 1. Weihnachtsfeiertag ist alles wieder Friede, Freude, Honigkuchen. Die Täter der gerechten Strafe zugeführt, Zwistigkeiten beigelegt, Misstrauen beseitigt. In Manhattans 2. Polizeirevier duftet es nach italienischen Spezialitäten, denn Kay Scarpetta bittet zu Tisch.

Wer Patricia Cornwells Scarpetta-Serie verfolgt hat, weiß, dass die Autorin viel Autobiographisches in ihre Erzählungen einfließen lässt. Es ist nicht nur die Figur der Kay Scarpetta, die man durchaus als Cornwells Alter Ego bezeichnen könnte, auch Lucy Farinelli mit ihrer sexuellen Orientierung und ihrem Geschäftssinn erinnert an den Lebensweg der Autorin. Die Scarpetta-Clique ist so was wie die Familie, die Cornwell nie gehabt hat, deshalb gebührt ihnen ihre besondere Aufmerksamkeit. So beschäftigt sich Scarpetta-Factor mehr mit dem innerfamiliären Konflikten als mit spannenden Kriminalfällen, was allzu sehr in Richtung Seifenoper abdriftet. Aber Human Interest verkauft sich auch gut und hat die kleine Patsy Daniels von früher zu einer der reichsten Schriftstellerinnen gemacht.

Der Scarpetta-Factor ist nur was für Leute, die unter Zwang stehen ...

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