Das letzte Revier

Erschienen: Januar 2002

Bibliographische Angaben

  • New York: G. P. Putnam’s Sons, 2000, Titel: 'The Last Precinct', Seiten: 449, Originalsprache
  • Hamburg: Hoffmann & Campe, 2002, Seiten: 6, Übersetzt: Franziska Pigulla, Bemerkung: gekürzt
  • München: Goldmann, 2004, Titel: 'Das letzte Revier', Seiten: 542
  • Augsburg: Weltbild, 2006, Titel: 'Das letzte Revier', Seiten: 477
  • München: Goldmann, 2013, Titel: 'Das Revier', Seiten: 603

Couch-Wertung:

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Sabine Reiß
Kay Scarpetta von einer ganz anderen Seite

Buch-Rezension von Sabine Reiß Mai 2003

Für alle zukünftigen Leser des Buches "Blinder Passagier" von Patricia Cornwell möchte ich hier eine Warnung aussprechen, denn um den Folgeroman "Das letzte Revier" vorzustellen, muss ich zwangsweise auf den Ausgang der Geschichte des Vorgängerromans eingehen. Wer also nicht wissen will, wie dieser endet, kann ab der Markierung weiterlesen.

Nur wenige Stunden sind vergangen, seitdem die Gerichtsmedizinerin Kay Scarpetta dem Anschlag von Jean-Baptiste Chandonne entronnen ist. Die Vorgeschichte: Mit einem "chipping hammer" bewaffnet kam dieser zu ihrem Haus (ich habe das Buch im Original gelesen - to chip bedeutet abraspeln). Da Kay sich bereits in Gefahr wähnte, war sie vorsichtig, öffnete jedoch die Tür, weil sie dachte, dass ein Polizist nach dem Rechten sehen wollte. Chandonne griff sie an. Leider hatte sie ihre Pistole auf dem Wohnzimmertisch liegen lassen - ein verhängnisvoller Fehler. Um sich zu verteidigen, schüttete sie ihm Formalin ins Gesicht, das sie mit einem konservierten Stück Haut noch in ihrem Haus hatte. Sie stürzte sich aus dem Haus und traf dort auf ihre Nichte Lucy, die davon abgehalten werden musste, Chandonne zu erschießen.

An dieser Stelle beginnt "Das letzte Revier". Kay muss nun endlose Fragen über sich ergehen lassen, die Polizei untersucht ihr Haus gründlich. Aus diesem Grund zieht sie vorübergehend zu ihrer alten Freundin Dr. Anna Zenner. Lucy wird von ihrer Arbeit beim ATF (eine Organisation zur Verbrechensbekämpfung) beurlaubt, da sie bereits in anderen Situationen ihre Nerven verlor. Kay versucht derweil, das alltägliche Leben in den Griff zu bekommen. Sie obduziert die Leiche eines jungen Mannes, der tot in einem Hotelzimmer aufgefunden wurde. Inzwischen taucht die New Yorker Staatsanwältin Jaime Berger in Virginia auf, um Fakten zu sammeln, damit Chandonne in New York angeklagt werden kann, wo er vor einigen Jahren eine Frau umgebracht haben soll. Kay hält nicht viel davon, denn so wird Chandonne nicht für die Morde in Virginia und den Anschlag auf sie zur Rechenschaft gezogen.

Doch scheinbar hat sie den Tiefpunkt noch nicht erreicht: Beinahe wäre sie selbst auf dem Obduktionstisch gelandet, doch nun wird sie verdächtigt, die Polizeichefin Diane Bray, das (mutmaßliche?) letzte Opfer ihres Angreifers, umgebracht zu haben. Ihr Leben gerät aus den Fugen. Ihre Freundin Anna, die Psychiaterin ist, erhält eine Vorladung, was nicht nur Kay beunruhigt, da sie ihr vieles anvertraut hat, was jedoch aufgrund des fehlenden Arzt-Patienten-Verhältnisses nicht unter die ärztliche Schweigepflicht fällt. Kay kann plötzlich nicht mehr beweisen, dass Chandonne sie mit dem Hammer angegriffen hat, denn der zweite Hammer, den sie kaufte, um den Tathergang bei den Morden zu rekonstruieren, ist plötzlich verschwunden.

Wer wird Kay glauben, dass sie nichts mit dem brutalen Mord an Diane Bray zu tun hat?

Patricia Cornwell wählt hier einen interessanten Fall, da der Leser, der vertraut mit der Kay-Scarpetta-Reihe ist, annimmt, dass die Protagonistin unschuldig ist, da sie bisher immer auf der Seite des Rechts stand. Nichts deutet daraufhin, dass die Gerichtsmedizinerin ein Verbrechen begangen hat. Anders würde sich dies für jemanden darstellen, der den Krimi ohne Vorkenntnisse liest, was jedoch meiner Ansicht nach nicht zu empfehlen ist. Ich werde später noch auf diesen Punkt eingehen. Gehen wir also von einem Stammleser aus, für den sich eine ganz neue Situation darstellt. Kay Scarpetta ist nach dem Anschlag auf ihr Leben am Ende und nun gerät sie auch noch unter Mordverdacht, Beweise scheinen manipuliert zu sein. Dieser Roman unterscheidet sich damit wohltuend von seinem Vorgänger und auch den anderen Romanen der Reihe (die meisten davon empfehlenswert).

Seit ihren ersten Romanen wurde Patricia Cornwells Einfallsreichtum meiner Ansicht nach immer schwächer, die Geschichten zogen sich in die Länge. Blinder Passagier fand ich nicht berauschend und habe es nur aus alter Verbundenheit zu der Serienfigur gelesen. Hier kann sich "Das letzte Revier" deutlich absetzen und markiert hoffentlich einen Wendepunkt, auch wenn das alte Niveau noch nicht wieder erreicht ist. Kay Scarpetta wird nicht mehr als verschlossene Person gezeigt, was jedoch nicht bedeuten soll, dass sie eine blasse Persönlichkeit war (im Gegenteil). Was mir jedoch früher missfiel war, dass sie es sich trotz der harten Schicksalsschläge nicht erlaubte, Gefühle zu zeigen. Sie vegetierte nach dem Tod von Benton Wesley (ihrem Geliebten) nur noch dahin. Nun gestattet sie sich endlich, sich zu öffnen und der Leser lernt eine neue Kay kennen.

Die erste Hälfte des Buches bringt an sich nichts neues zum Fall, wenn man "Blinder Passagier" gelesen hat, und trotzdem wurde es mir nicht langweilig. Aber ich denke, es wäre schwierig, einen Einstieg in die Geschichte zu finden, wenn man nicht zumindest den Vorgänger, besser aber noch einige Bücher mehr aus der Reihe gelesen hat. Mir scheint es fast so, als ob Patricia Cornwell nur noch für eingefleischte Kay-Scarpetta-Fans schriebe oder solche, die es werden wollen. In der Mitte des Buches gerät Kay dann unter Verdacht und die Spannung wird aufgebaut, ob sie ihre Unschuld beweisen kann und ob es einen Drahtzieher hinter den Kulissen gibt. Die Lösung war auf jeden Fall überraschend und ich war sehr gespannt auf das Ende.

Wie gewohnt schreibt Patricia Cornwell wenig zimperlich und die Beschreibungen der Obduktionen sind sehr detailliert. Da ich aber das Buch in der Originalversion gelesen habe, ist mir das gar nicht so aufgefallen, da ich keine Lust hatte, mir die Fachbegriffe aus dem Lexikon herauszusuchen, man versteht es auch so. Im übrigen habe ich während der gesamten Lektüre kein Wörterbuch zur Hand genommen und hatte keine Probleme, obwohl mein Englisch etwas eingerostet ist. Sicherlich hätte mich das eine oder andere Wort interessiert, aber das tat dem Lesevergnügen keinen Abbruch. Mir ist jedoch aufgefallen, dass die Autorin seit einiger Zeit einem Abkürzungswahn verfallen ist, den ich als Leser nicht nachvollziehen kann. Ich bin leider nicht mit dem amerikanischen System der Verbrechensbekämpfung vertraut (neben dem FBI und dem CIA gibt es eine Vielzahl von Organisationen und Systemen), aber die Zahl der Abkürzungen erscheint mir doch ein wenig hoch...

Den Originaltitel fand ich im übrigen ganz gut gelungen und war gespannt, wie die deutsche Übersetzung lauten würde. Die ganze Zeit hatte ich keine Ahnung, was er bedeuten soll, bis ich zu der Frage kam: "Where do you go when there is nowhere left? The answer is THE LAST PRECINCT." Ich hätte es mit "Die letzte Zuflucht" übersetzt, denn das Wörterbuch lieferte auch hier nichts passendes.

Die Bewertung will ich dieses Mal teilen: Für jemanden, der die Serie nicht kennt, möchte ich keine Leseempfehlung aussprechen, da mir die Verknüpfung mit dem vorigen Roman zu groß erscheint. Ich kann mir nicht vorstellen, dass hier Interesse für die Geschichte geweckt werden kann. Aber vielleicht liegt es auch daran, dass ich immer mit dem ersten Buch einer Serie beginnen würde, ich kann mich dann besser einfinden. Jemandem, der die Serie bereits kennt, möchte ich dieses Buch schon ans Herz legen, man lernt hier Kay Scarpetta von einer ganz anderen Seite kennen.

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