Totenbuch

Erschienen: Januar 2007

Bibliographische Angaben

  • Hamburg: Hoffmann & Campe, 2007, Seiten: 416, Übersetzt: Karin Dufner
  • München: Goldmann, 2009, Seiten: 508
  • Hamburg: Hoffmann & Campe, 2008, Seiten: 6, Übersetzt: Franziska Pigulla, Bemerkung: gekürzt
  • München: Goldmann, 2014, Seiten: 506

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Sabine Reiß
Nur Ruhm der Vergangenheit

Buch-Rezension von Sabine Reiß Mai 2007

Der Titel des neuesten Kay-Scarpetta Romans Totenbuch bezieht sich auf das Buch in der Gerichtsmedizin, in dem die eingelieferten Fälle vermerkt werden. Die Protagonistin Kay Scarpetta ist zwar nun schon seit längerem keine amtierende Gerichtsmedizinerin mehr, aber sie ist dennoch eine Koryphäe auf diesem Gebiet. Verbunden mit einem weiteren Ortswechsel hat die anscheinend ruhelose Kay eine private forensische Praxis in Charleston, South Carolina, eröffnet. Dorthin gefolgt sind ihr Rose, ihre langjährige Sekretärin, und Pete Marino, ehemaliger Polizist, der mit ihr schon seit vielen Jahren zusammenarbeitet. Auch ihre Nichte Lucy, Computerass und Allroundtalent, taucht hin und wieder bei ihrer Tante auf, während ihr Lebensgefährte Benton Wesley, EX-FBI-Agent und forensicher Psychologe, in Boston geblieben ist, um sich dort seinen Studien im McLean Hospital zu widmen.

Klingt eigentlich recht idyllisch: Kay Scarpetta ist umringt von ihren langjährigen Gefährten und könnte sich in aller Ruhe der Aufklärung von spannenden und mysteriösen Todesfällen widmen. Doch das wäre zu einfach. Stattdessen ist die Atmosphäre schwer gestört: Lucy kämpft immer noch mit ihrem Gehirntumor, Rose verheimlicht ihrer Chefin, dass sie an Krebs leidet, Marino ist vollkommen durchgeknallt und vergreift sich sexuell beinahe an Kay, während er ansonsten das Bett mit einer schon fast psychopathischen Schlampe teilt, und Benton ist schwer eifersüchtig. Da tritt der eigentliche Mordfall schon fast in den Hintergrund, für den die Expertise von Kay durch den leitenden Beamten in Rom angefordert wurde.

Die berühmte Tennisspielerin Drew Martin wurde in der Nähe der Piazza Navona in einer Badewanne tot aufgefunden. Ihre leeren Augenhöhlen wurden mit Sand aufgefüllt und die Lider mit Sekundenkleber verschlossen. Und Sand spielt auch an weiteren Tatorten in den USA eine Rolle. Die Fernsehpsychologin Dr. Marian Self erhält zur gleichen Zeit E-Mails von einem Menschen, der sich selbst Sandmann nennt. Ist er der gesuchte Mörder? Dr. Self ist Kay Scarpetta nicht gerade wohl gesonnen und torpediert ihre selbsternannte Gegnerin, wo sie nur kann.

Kay Scarpetta ist nicht mehr zu retten

Im vorliegenden Band muss abermals Dr. Marion Self, die verrückte Psychologin herhalten, um der Gerichtsmedizinerin das Leben schwer zu machen. Dieses Muster wiederholt sich, war es zuvor die Polizeichefin Diane Bray in ´Blinder Passagier, die als Sand im Getriebe fungierte.

Es ist interessant zu beobachten, dass Patricia Cornwells Bücher immer noch die Bestsellerlisten erklimmen und sie danach in weiten Teilen stark kritisiert werden. Unermüdliche Leser greifen anscheinend immer wieder zu den Büchern ihres Thriller-Idols, um sie dann enttäuscht wieder wegzulegen. Das war früher anders. Die grandiosen Anfänge der Serie, wo sich zugegebenermaßen noch nicht so viele Pathologen auf dem Büchermarkt tummelten, sind jedoch leider nicht mehr zurückzuholen.

Die Figur Kay Scarpetta ist überholt und ausgepowert, die Mitwirkenden sind nur noch Karikaturen ihrer selbst. Dreh- und Angelpunkt sind die Probleme der Figuren, die leider kaum mehr nachvollziehbar sind. Die Einsamkeit, in der die Autorin Kay, Benton, Lucy, Rose und vor allem Marino zeigt, greift auf den Leser über und erzeugt kein Zusammengehörigkeitsgefühl mehr, das früher den Gegenpol zu den Grausamkeiten jenseits dieser bisweilen verschworenen Gemeinschaft bildete. Im Gegenteil, die Atmosphäre ist in diesem Fall auch außerhalb der Mordermittlung kalt.

Leider wieder nur mittelmäßig!

Auch wenn der Beginn noch einigermaßen frisch und interessant wirkt, naht die Enttäuschung unaufhaltsam. Zwar arbeiten zur Abwechslung alle am gleichen Fall, doch selbst das wirkt äußerst konfus. Der Handlungsablauf hinterlässt im Mittelteil einen lückenhaften Eindruck, die Auflösung ist wieder einmal an den Haaren herbeigezogen und wenig originell angelegt. Patricia Cornwell kann in Sachen Spannung und Plot leider nicht an die alten Zeiten anknüpfen und das ist sehr schade. Neue Leser wird sie mit dem problembehafteten Miteinander kaum finden und auch die langjährigen Leser wenden sich mit der Zeit ab.

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