Wer Zwietracht sät (Inspector Lynley 22)
- Goldmann
- Erschienen: September 2025
- 12


Das passt nicht zu Ihnen, Frau George!
Michael Lobb lernt die junge Kayla Steyn ausgerechnet auf einer Kreuzfahrt anlässlich seines zwanzigsten Hochzeitstages kennen. Es trifft ihn wie ein Blitz und wie ein verliebter Primaner reist er der jungen Frau hinterher. Michael zieht nach seiner Ansicht das große Los. Er kann unter großen Mühen Kaylas Herz gewinnen und nach einer stürmischen Romanze werden die beiden tatsächlich ein Paar. Natürlich wird damit viel Porzellan zerschlagen. Seine Ehefrau will nichts mehr mit ihm zu tun haben und auch seine Tochter Gloriana bricht jeden Kontakt zum Vater ab.
Lediglich mit seinem Sohn Merrit gibt es eine vorsichtige Annäherung. Natürlich fragen sich viele, wie es die junge Kayla in dem bisherigen, düsteren und trostlosen Familiensitz im einsamen Cornwall aushalten will. Das Geld ist knapp und viel kann der alte Lobb ihr nicht bieten. Da wäre es ein Geschenk des Himmels, dass die Firma Cornwall Eco Mining beabsichtigt, sein Unternehmen aufzukaufen.
Aber Michael hat seinen eigenen Kopf und obwohl sein Bruder Sebastian als Mitinhaber der Firma gerne verkaufen würde, zögert er. Schließlich aber haben sich die Umstände komplett umgekehrt, denn Michael Lobb wird erschlagen auf dem Firmengelände aufgefunden. Schnell brodelt die Gerüchteküche in den kleinen umliegenden Dörfern. Ist es nicht das alte Lied, dass die junge Ehefrau ihres Gatten überdrüssig wird und sich an seinem Tod bereichern will?
Andererseits – profitiert nicht auch seine Familie immens von seinem Ableben? Schließlich und endlich ist auch noch die Familie Udy zu berücksichtigen. Diesem eigenartigen Clan bot Lobb seinerzeit Arbeit und Unterkunft und vielleicht wandten sich auch ihre Mitglieder gegen den alten Herrn. Es gibt also doch einen großen Kreis von Verdächtigen und als sich ein Mitglied der Familie Udy hilfesuchend an Detective Sergeant Barbara Havers wendet, da wird die Angelegenheit doch noch zu ihrem persönlichen Fall. Und nicht nur zu ihrem…
Da hatten sich viele auf Linley-Havers-St.James gefreut…
Seit vielen Jahren lässt Elizabeth George den adeligen Inspektor Thomas Linley und die widerborstige, aus dem Arbeitermilieu stammende Barbara Havers gemeinsam knifflige Kriminalfälle lösen. Über 21 Bände hinweg haben unzählige Fans das ungleiche Ermittlerduo begleitet und die raffiniert konstruierten Fälle mit Begeisterung verfolgt.
In ihrem neuen Roman entführt die Autorin ihre Leser*innen ins malerische Cornwall. Dort wird der Unternehmer Michael Lobb ermordet aufgefunden. Die zuständige Ermittlerin Beatrice Hannaford stellt schnell fest, dass es an Verdächtigen nicht mangelt: Viele Menschen hatten ein Motiv, Lobb den Tod zu wünschen. Kein Wunder also, dass die Ermittlungen nur schleppend vorankommen.
Gerade treue Fans von Barbara Havers und Thomas Linley warten in dieser Phase ungeduldig auf das bewährte Eingreifen ihrer literarischen Lieblinge. Doch hier ist Geduld gefragt: Es dauert ungewöhnlich lange, bis die beiden tatsächlich aktiv ins Geschehen eingreifen. Ein kleiner Spoiler vorweg: Wer zudem auf einen Auftritt von Deborah und Simon St. James gehofft hat, wird leider enttäuscht.
Generell fragt man sich immer wieder, was in diesem Roman mit der sonst so elegant und feinfühlig schreibenden Autorin geschehen ist. Regelmäßig stößt man auf ungewohnt derbe Ausdrücke, die man aus ihren früheren Büchern nicht kennt. Viele Passagen wirken unnötig umständlich, einige Handlungsteile wiederholen sich, während wichtige Elemente überraschend wenig Raum erhalten. Mehrere Handlungsstränge bleiben unklar oder erschließen sich in ihrem Sinn nicht. Bereits auf den ersten fünfzig Seiten kommt gelegentlich der Gedanke auf, ob hier vielleicht ein Co-Autor oder die oft gescholtene KI am Werke waren. Auch die wiederholte Kritik an den Harry-Potter-Romanen wirkt irritierend und trägt wenig zur Handlung bei.
Ist denn immerhin die Handlung spannend?
Auch die Handlung, die bislang stets fein, elegant und zugleich liebevoll konstruiert war, lässt diesmal deutlich zu wünschen übrig. Fans von Barbara Havers wussten zwar, dass sie eine ausgesprochene Verfechterin eines – hüstel – sehr legeren Kleidungsstils ist und damit regelmäßig bei Vorgesetzten aneckt. Was hier jedoch geschildert wird, überschreitet stellenweise das Maß des Zumutbaren. Eine weitere Steigerung wäre kaum denkbar – höchstens noch, Havers stiege morgens aus dem Bett und eilte stehenden Fußes zu ihrem Arbeitsplatz ins altehrwürdige Scotland Yard.
Auch ihr Umgang mit einem Todesfall im nahen Familienumfeld wirkt mehr als irritierend. Die Figur Havers wurde stets als robustes, aber sympathisches Schlachtross gezeichnet; das Bild, das sie hier abgibt, erscheint dagegen befremdlich. Allerdings stehen ihr die Kollegen darin kaum nach. Wenn Superintendent Ardery etwa berichtet, ihre kleinen Söhne hätten im großartigen Neuseeland vor allem den Abwasserstrudel bewundert, der sich dort angeblich in die entgegengesetzte Richtung dreht als in Europa, fragt man sich unweigerlich, ob man das alles noch ernst nehmen soll.
Sehr konstruiert wirkt schließlich auch das Eingreifen der beiden Londoner Ermittler in die Arbeit von DI Hannaford. Ohne jeden Auftrag oder offiziellen Anlass an einem Mordschauplatz zu erscheinen und sich dort selbstverständlich die Akten vorlegen zu lassen, erscheint doch reichlich dreist. Immerhin gewinnt die Untersuchung mit ihrem Auftreten spürbar an Tempo, und eine gewisse Grundspannung rückt zumindest in greifbare Nähe.
Am Ende wird die Geschichte zwar aufgelöst, auch wenn sicherlich nicht jede*r Leser*in mit diesem Ausgang zufrieden sein dürfte. Doch sei es drum – diese Entscheidung liegt letztlich bei der Autorin. Die neue Wendung in Linleys Liebesleben allerdings dürfte erneut zu endlosen Diskussionen führen, von denen viele gehofft hatten, sie längst hinter sich gelassen zu haben.
Fazit
„Liebe Frau George, wie viele andere habe ich mich auf Ihren neuen Roman gefreut. Aber – seien wir mal ehrlich – das war nix. Wer oder was auch immer Ihren bisher so tollen Schreibstil so beeinflusst hat – bitte schicken sie ihn oder es dahin wo landläufig der Pfeffer gedeihen möge. Dann können wir uns alle vielleicht auch wieder auf Ihren neuen Roman freuen. Bis dahin gute Ideen und eine gute Umsetzung und viel Glück in 2026 wünscht Ihre Sabine Bongenberg (Dezember 2025).

Elizabeth George, Goldmann






















Deine Meinung zu »Wer Zwietracht sät (Inspector Lynley 22)«
Wir freuen uns auf Deine Meinungen. Ein fairer und respektvoller Umgang sollte selbstverständlich sein. Bitte Spoiler zum Inhalt vermeiden oder zumindest als solche deutlich in Deinem Kommentar kennzeichnen. Vielen Dank!