Wo kein Zeuge ist

Erschienen: Januar 2006

Bibliographische Angaben

  • New York: HarperCollins, 2005, Titel: 'With No One as Witness', Seiten: 630, Originalsprache
  • München: Blanvalet, 2006, Seiten: 787, Übersetzt: Ingrid Krane-Müschen & Michael J. Müschen
  • Augsburg: Weltbild, 2007, Seiten: 797
  • München: Goldmann, 2008, Seiten: 797
  • München: Goldmann, 2016, Seiten: 797

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Sabine Reiß
Lynley auf ganz neuem Terrain

Buch-Rezension von Sabine Reiß Mär 2006

Dass die Existenz von Serienkillern nicht nur den USA vorbehalten ist, das ist hinlänglich bekannt. Val McDermid zeigt mit ihren Profiler-Krimis par excellence, dass Good Old England nicht ganz so beschaulich ist, wie andere Autoren dies zuweilen vermitteln möchten. Elizabeth George betritt damit jedoch neues Terrain, war es ihrem Superintendent doch bisher vorbehalten, Einzeltäter mit einem relativ klaren Motiv aufzuspüren. Doch nun zieht eine Reihe von Mordfällen das Augenmerk der Bevölkerung auf sich.

Die Leichen von vier Jugendlichen wurden bisher gefunden, doch die einzelnen örtlichen Polizeistationen, in deren Distrikte die Opfer aufgefunden wurden, hatten bisher keinen Zusammenhang gesehen und die Fälle nach kurzer Ermittlungszeit zu den Akten gelegt, da es sich bei den ersten drei um gemischtrassige Jungen handelte (was natürlich nicht offiziell als Begründung diente). Erst beim vierten Mord wird Scotland Yard in Person von Superintendent Lynley und seinem Team eingeschaltet. Dieser agiert im Moment kommissarisch als Chief Superintendent, da sein Chef noch nicht von seiner Schussverletzung genesen ist.

Probleme über Probleme

Sein derzeitiger Chef, Assistant Commissioner Hillier, vermutet zurecht, dass die Presse der Londoner Polizei die Hölle heiß machen wird. Um dem entgegenzutreten und die Journalisten ruhig zu stellen, benutzt er einen Mitarbeiter aus Superintendent Lynleys Team, den schwarzen Detective Sergeant Winston Nkata (übrigens frisch befördert), und lässt ihn bei jeder Pressekonferenz als Alibi-Schwarzen auftreten. Ferner zieht er ohne Absprache mit seinem leitenden Beamten eine Art Profiler hinzu. Mit einem weiteren, seiner Ansicht nach genialen Schachzug, will er die Berichterstattung lenken und lädt einen Journalisten ein, die Ermittlungen hautnah mitzuverfolgen. Lynley fällt es immer schwerer, einen kühlen Kopf zu bewahren und Hillier nicht persönlich anzugreifen.

Eine Spur führt zu einem Jugendzentrum, in dem straffällig gewordene Jugendliche resozialisiert werden sollen. Die Zeit drängt, denn schon wird eine fünfte Leiche gefunden, die den Beamten jedoch noch mehr Rätsel aufgibt. Der Täter scheint von seinen bisherigen Ritualen abgewichen zu sein.

Das Buch wiegt für zwei

Martin Suter sagte unlängst in einem Interview in ttt: "Schreiben hat sehr viel damit zu tun, Dinge wegzulassen, zu abstrahieren." Elizabeth George sieht dies offensichtlich anders. Bei oberflächlicher Betrachtung möchte man meinen, sie hätte sich vorgenommen, jeweils die Länge ihres vorherigen Buches zu übertreffen. Lange hält die Autorin dies jedoch nicht mehr durch oder die Leser bleiben weg, denn jetzt schon jetzt klagen sogar Fans über die Weitschweifigkeit. Mit 795 Seiten (der Vorgängerband Wer die Wahrheit sucht umfasste 734 Seiten) wiegt dieses Buch soviel wie zwei und entsprechend lange liest man daran. Erstaunlicherweise macht sich keine Langeweile breit, zumindest nicht für den, der den Whodunits englischer Tradition zugeneigt ist, obwohl sich die Ermittlungen in die Länge ziehen.

Immerhin bietet uns die Amerikanerin sechs Leichen und einen Profiler in einer Nebenrolle. So schreibt man einen Serienkiller-Krimi auf die langsame Art, ganz anders als die bereits erwähnte Val McDermid, die viel rasanter und direkter an dieses Thema herangeht (siehe ihre Tony Hill/Carol Jordan-Reihe, die schließlich auch in England spielt). Hier gehen die Uhren noch anders. Die detaillierte Erzählweise basiert auf jeden Fall nicht auf tausenden von Nebensächlichkeiten, sondern dient dazu, die Charaktereigenschaften der einzelnen Personen von verschiedenen Seiten gründlich zu beleuchten.

Ich schätze, auch dieses Buch aus der Lynley/Havers-Reihe wird polarisieren. Eines ist klar: Es ist wirklich nur für geduldige Leser geeignet, doch außer der Länge gibt es meines Erachtens nur noch einen Kritikpunkt, der etwas schwerer wiegt: Ein Überraschung gelingt der Autorin bei der Enthüllung des Täters nämlich nicht wirklich, die Auswahl bei den Verdächtigen ist einfach zu gering. Ansonsten bietet sie wieder einmal ihre Erzählkunst auf und schildert das persönliche Schicksal ihres Protagonisten sehr anrührend und ebenso eindringlich wie das Unglück der Opfer.

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