Wer die Wahrheit sucht

  • Blanvalet
  • Erschienen: Januar 2004
  • München: Blanvalet, 2004, Seiten: 736, Übersetzt: Mechtild Sandberg-Ciletti
  • Augsburg: Weltbild, 2006, Seiten: 735
  • München: Goldmann, 2007, Seiten: 735
  • Augsburg: Weltbild, 2005, Seiten: 6, Übersetzt: Miroslav Nemec
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Sabine Reiß
75°

Krimi-Couch Rezension von Sabine Reiß Jun 2004

Vielschichtig und nach einigen Seiten auch spannend

Während der deutschen Besatzung im 2. Weltkrieg wurden die britischen Kanalinseln Guernsey, Alderney und Jersey angeblich Gustav, Adolf und Jakob genannt, weil es leichter auszusprechen war. Dieses Detail findet man zwar nicht im zwölften Krimi von Elizabeth George wieder, dafür aber einige Informationen über die Besatzungszeit und wie sie von den Kanalinsulanern erlebt wurde. Insgesamt ein recht interessanter Background für das neueste Buch.

Wer die Krimiserie um Inspector Lynley und seine Assistentin Barbara Havers liebgewonnen hat und ihr immer noch treu geblieben ist, der hat sich inzwischen daran gewöhnt, dass nicht nur ein Kriminalfall eine Rolle spielt, sondern dass noch viel mehr erzählt wird. Meist ist es die Geschichte einer Familie, in die man tief eindringt. Begonnen hat Elizabeth George damit schon am Anfang ihrer Serie, als sie z.B. Lynleys Familie näher beleuchtete, aber inzwischen sind ihre Bücher wahre Wälzer. Man muss wohl akzeptieren, dass die Autorin sich weiterentwickelt hat, vom relativ einfachen Inspector-Krimi (was keine Geringschätzung desselben bedeutet) hin zum komplexen und auch sehr detaillierten Krimi, der psychologische Momente und die Familiengeschichte der Personen mehr beleuchtet, der daher aber auch nicht jedermanns Geschmack trifft.

Deborah und Lynleys Freund St. James sind bereits einmal aus dem Schatten als Nebendarsteller herausgetreten. Warum auch nicht, Barbara Havers hat auch schon ein tragende Rolle zugewiesen bekommen. Dies bewahrt meines Erachtens eine Serie davon, dass sich das Leben der Protagonisten im Kreis dreht, es nichts mehr Neues zu erzählen gibt oder irgendwelche Absurditäten eingebaut werden - hier muss man nur mal den Weg betrachten, den Patricia Cornwell mit ihrem letzten Buch "Die Dämonen ruhen nicht" eingeschlagen hat. Dennoch klingt es ein wenig merkwürdig, wenn Thomas Lynley seinen Freunden in drei Sätzen quasi einen Schnellkurs in Detektivarbeit gibt.

Die beiden erhalten Besuch vom Bruder einer alten Freundin Deborahs, mit der diese während ihres Amerika-Aufenthalts eine Wohnung geteilt hatte und werden von ihm um Hilfe gebeten. China River, besagte Freundin, wurde auf Guernsey verhaftet, weil sie verdächtigt wird, den Millionär Guy Brouard ermordet zu haben. Dabei hatte sie ihn gerade erst kennen gelernt. Sie hatte ihren Bruder Cherokee nach Europa begleitet, als dieser als Bote fungierte und Baupläne für ein Gedenkmuseum an die Besatzungszeit im Zweiten Weltkrieg an Brouard lieferte, obwohl sie zunächst vermutete, dass irgendetwas an diesem Auftrag nicht rechtens sei. Deborah und ihr Mann finden nach und nach heraus, dass Guy zwar auf der einen Seite sehr großzügig war, aber dass es auch viele Menschen gibt, die sich von ihm hintergangen fühlten und daher durchaus ein Motiv für einen Mord gehabt hätten.

Zu Beginn war die Geschichte etwas zäh: sehr viele Personen, sehr viele Nebengeschichten, möglicherweise schreckten auch die mehr als 700 Seiten ab. Aber nach Überwindung des ersten Drittels war ich doch gefesselt und wartete gebannt auf weitere Enthüllungen. Auch mit dem Ende konnte mich Elizabeth George überraschen, ein sehr großer Pluspunkt, der über die Momente hinwegtröstet, an denen es nicht so schnell voran ging, wie man sich dies vielleicht gewünscht hätte. Insgesamt ist der Amerikanerin ein äußerst vielschichtiger Krimi gelungen, der zwar nicht in allen Punkte zu überzeugen weiß, mir persönlich aber schon wieder viel besser als der Vorgänger-Roman gefiel.

Wer die Wahrheit sucht

Elizabeth George, Blanvalet

Wer die Wahrheit sucht

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