Glaube der Lüge

  • Der Hörverlag
  • Erschienen: Januar 2012
  • München: Der Hörverlag, 2012, Seiten: 8, Übersetzt: Stefan Wilkening, Bemerkung: gekürzt
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Jürgen Priester
38°

Krimi-Couch Rezension von Jürgen Priester Mai 2012

Der Schrecken nimmt kein Ende

Glaubet nicht den Lügen, die euch weismachen wollen, der nunmehr siebzehnte Band dieser Reihe sei Elizabeth Georges längster Roman, es sei psychologisch feinsinnige, gar spannende Unterhaltung. Unterhaltung ja, denn die Autorin ist unbestritten eine exzellente Erzählerin, aber die erste und einzige spannende Stelle findet man tatsächlich erst auf Seite 640.

Betrachtet man die Entwicklung in ihren letzten Romanen, muss man feststellen, dass Elizabeth George sich definitiv vom angestammten Krimi-Publikum verabschiedet und nach einer anderen Klientel sucht, die sie auch finden wird oder bereits gefunden hat. Inspector Linley und Seargent Havers, die Kristallisationsfiguren früherer Krimi-Handlungen, sind zu Nebendarstellern degradiert und dienen nur noch als Steigbügelhalter für eine Familiengeschichte, die einer Schmierenkomödie nicht unähnlich ist. Glaube der Lüge beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit den Animositäten innerhalb der geadelten Familie Fairclough, die ihren Wohlstand dem Vertrieb von exklusiven Kloschüsseln (sic!) zu verdanken hat. Der Handel mit diesen Sanitärartikeln, sicherlich ein ehrenwertes Geschäft, wirkt in einem Roman schon etwas befremdlich. Sollte Elizabeth George vielleicht den Humor für sich entdeckt haben? Einige Figuren stärken diese Vermutung, wie z.B. der jüdische Möchte-Gern-Klatschreporter Zedekiah Benjamin, dessen durchgängige Auftritte und Dialoge wohl zur allgemeinen Belustigung gedacht sind, aber in ihrer Dürftigkeit nur peinlich wirken. Nichtsdestotrotz geben sie der Story Volumen, leider ohne auch nur ein Quäntchen an Substanz zu vermitteln. Dieser Hansel strapaziert die Nerven der Leser schon gleich zu Anfang, bevor sich der Fokus auf den Haupthandlungsort im englischen Lake District richtet.

Dort auf Ireleth Hall, am Ufer des Lake Windermere gelegen, residiert Lord Fairclough vormals Bernie Dexter, der sich aufgrund seiner innovativen Ideen nicht nur vom kleinen Angestellten bis an die Spitze des Betriebes hinaufgearbeitet hat, sondern gleichzeitig auch das Herz der Erbin von Fairclough Industries erobern konnte. Als Vorstandsvorsitzender hatte er das Tagesgeschäft in die Hände seines Neffen Ian Cresswell gegeben, da ihm sein eigener Sohn wegen dessen Alkohol- und Drogenprobleme nicht vertrauenswürdig erschien. Cresswell, beruflich erfolgreich, ist in seiner Ehe weniger glücklich, denn eigentlich ist er homosexuell. Er hatte gerade sein Coming-Out, hat Frau und Kinder nach langjähriger Ehe verlassen, will sogar seinen aktuellen iranischen Lover heiraten, wovon dieser sich wenig begeistert zeigt. Nach einem Streit rast Cresswell, emotional aufgeladen, zum Bootshaus seiner Eltern am Lake Windermere, um sich mit seinem Ruderboot so richtig auszupowern. Bei seiner Rückkehr rutscht er am Anleger auf einem lockeren Stein aus, schlägt sich den Kopf an einer Mauer, stürzt ins Wasser und ertrinkt. Ein Unfall – wir Leser sind live dabei.

Die lokalen Ermittler und der Gerichtsmediziner kommen nach gründlicher Untersuchung zum selben Ergebnis: Unfalltod durch Ertrinken ohne Fremdeinwirkung. Aus unerfindlichen Gründen sind die alten Faircloughs mit dem Ergebnis nicht zufrieden. Lord Bernie wendet sich an Lord Asherton – sprich Thomas Linley – in London, um den Fall noch einmal durchzuackern. Linley reist in Begleitung des Ehepaares St. James in den Lake District. Simon St. James, der anerkannte Forensiker, nimmt sich der Untersuchungsberichte an, während sich seine Frau Deborah als Reporterin getarnt an die Faircloughs heranmacht. Die Kriminalisten Linley und St. James können auch nichts anderes als den Unfalltod zu bestätigen, obwohl Linley bei seinen Befragungen der Familie auf reichlich Mordmotive stößt. Doch Mordgedanken sind halt kein Verbrechen. Zeit wieder abzureisen, denkt jeder vernünftige Mensch, doch der übergroße Sack mit familiärer Schmutzwäsche ist geöffnet.

Wenn man nach einem Schlüsselwort für die sich nun entfaltenden Familienkonflikte suchen würde, käme einem am ehesten der Begriff Fortpflanzung in den Sinn, denn das ist das beherrschende Thema in dieser Familie - und wohl auch das der Autorin. Das Leiden von Deborah St. James über ihre Kinderlosigkeit schleppt sich schon durch etliche Romane und erreicht hier seinen schaurigen Höhepunkt. Die Faircloughs praktizieren Fortpflanzung in allen möglichen und unmöglichen Kombinationen, in ehelichen und außerehelichen Situationen, mehr oder minder erfolgreich. Es ist nicht so, dass Elizabeth George jetzt den Slogan "Sex sells" für sich entdeckt hätte. Dafür ist sie viel zu prüde, wie die einschlägigen Szenen auch in früheren Werken der Autorin zeigen. Nein, es geht um ernste Dinge wie Leihmutterschaft, In-vitro-Fertilisation und Adoption, die im Kontext mit den wohlhabenden Diskutanten fast wie Luxusprobleme erscheinen. Das ist vielleicht auch das große Problem des ganzen Romans, dass Elizabeth George eine Enklave des Landjunkertums beschreibt, die sonst eher in Liebesromanen zu finden ist, die mit der Realität nur vage verbunden ist. Aber für Romane dieser Art gibt es ein breites Publikum.

Zur Vollständigkeit sei erwähnt, dass Barbara Havers auch noch mit von der Partie ist. Sie muss weiterhin das nach Liebe dürstende Mauerblümchen spielen, für Linley die Laufarbeit in London erledigen und den ungeliebten Computer traktieren, wobei ihr ein unglaubwürdiges Kabinettstückchen gelingt. Für ihre Interimschefin Isabelle Ardery muss sie sich weiter verbiegen, aber nicht mehr lange, denn deren Tage scheinen gezählt.

Der Roman endet mit einem Cliffhanger, mit dem die Herz-Schmerz-Fraktion voll auf ihre Kosten kommt, dessen Auflösung sie sehnlichst herbeiwünschen wird.

Seine ersten Linley-Romane las der Rezensent vor 20 Jahren und hat sie in bester Erinnerung, wobei er nicht ausschließen kann, dass es sich um eine Art nostalgischer Entrückung handelt. Vielleicht ist es an der Zeit, noch einmal von vorne anzufangen. Glaube der Lüge macht wenig Hoffnung, dass Elizabeth George eine Kehrtwende zurück zum Kriminalroman, der konzentriert und spannend geplottet ist, plant. Oder doch? Na ja, die Hoffnung stirbt zuletzt. Bis dahin, farewell Elizabeth.

Glaube der Lüge

Elizabeth George, Der Hörverlag

Glaube der Lüge

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