Knochenlese

Erschienen: Januar 2003

Bibliographische Angaben

  • New York: Scribner, 2002, Titel: 'Grave Secrets', Seiten: 317, Originalsprache
  • Augsburg: Weltbild, 2003, Seiten: 4, Übersetzt: Hansi Jochmann
  • München: Blanvalet, 2004, Seiten: 382
  • München: Blanvalet, 2006, Seiten: 384
  • Hamburg: Zeitverlag Bucerius, 2009, Seiten: 320

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Eva Bergschneider
Ein Thriller mit politischem Hintergrund

Buch-Rezension von Eva Bergschneider Mai 2003

"Knochenlese" ist Kathy Reichs fünfter Roman mit der forensischen Anthropologin Tempe Brennan. Sie arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin in gerichtsmedizinischen Instituten, sowohl im kanadischen Montreal, als auch in ihrer Heimatstadt Charlotte, North Carolina. Die Mitarbeit der Anthropologin zur Verbrechensaufklärung ist immer dann gefragt, wenn die jeweilige Mordkommission es mit sehr stark verwesten oder besonders zerstückelten Leichen zu tun hat.

In den bisherigen Romanen hat Kathy Reichs sehr viel ihrer Fachkenntnis aus dem Bereich Gerichtsmedizin/forensische Anthropologie einfließen lassen und immer sehr fundiert und detailreich die Methoden zur Bergung und Identifizierung von Leichen in unterschiedlichstem Zustand beschrieben. Mancher Leser mag die Ausführlichkeit und den teilweise wissenschaftlichen Charakter als übermäßig empfunden haben. In den bisherigen Romanen waren Montreal und Charlotte mit ihren ganz unterschiedlichen Besonderheiten, Schauplatz des unheimlichen Geschehens. In "Knochenlese" lernt der Leser nun einen neuen, wieder ganz anderen Handlungsort kennen.

Tempe Brennan sucht in Guatemala gemeinsam mit Mitarbeitern der Stiftung "Gerichtsanthropologie Guatemalas" (FAFG) nach verschwundenen Opfern des Bürgerkrieges, der in dem mittelamerikanischen Land Zehntausenden das Leben kostete. Chupan Ya, ein kleines Dorf im Hochland war Schauplatz eines Massakers, das nur wenige Überlebende zurückließ. Tempe führt mit ihren Kollegen Exhumierungen durch, um den Angehörigen der Vermissten Gewissheit zu verschaffen und um nach Hinweisen auf die Täter zu suchen. Dabei stößt die Gruppe zunächst auf bürokratische Schwierigkeiten. Später werden zwei Mitglieder der Gruppe Opfer eines brutalen Überfalls, einer der FAFG-Mitarbeiter stirbt, der andere wird lebensbedrohlich verletzt. Nachdem die Exhumierung abgeschlossen ist, soll gerade Analyse der gefundenen Fragmente beginnen, als Tempe von der Polizei in Guatemala City mit einem ganz anderem, nicht weniger grausigen Fall betraut wird. In einem Faultank muss sie die Leiche einer jungen Frau bergen, die möglicherweise einer von vier verschwundenen Teenagern ist. Einer der vermissten Mädchen ist die Tochter des kanadischen Botschafters. Doch auch diese Ermittlungen werden behindert, denn direkt nach der Bergung der Leiche aus dem Tank wird diese vom Staatsanwalt beschlagnahmt. Zunächst scheinen die beiden Fälle, nichts miteinander zu tun zu haben.

Tempe ermittelt in Guatemala City und, auf Bitten der Botschafter-Gattin, in ihrer Wahlheimat Montreal. Allmählich wird eine Verstrickung in politische Machenschaften offensichtlich, deren Aufdeckung jemand mit allen Mitteln zu verhindern versucht.

Kathy Reichs ist auch mit diesem Thriller wieder ganz in ihrem Element. Der Leser erfährt sehr detailgetreu, wie die Exhumierungen vorgenommen werden und welche Schrecken das Team der FAFG aufdeckt. Die Bergung einer Leiche aus einem Faultank wird ebenfalls in allen Einzelheiten so plastisch beschrieben, dass man Tempes Gefühle und ihre körperliche Verfassung sehr gut nachempfinden kann. Wie auch in den Vorgänger-Romanen besticht die Beschreibung der forensischen Arbeit durch Exaktheit, Detailtreue und hohe Glaubwürdigkeit. Die Schilderungen anderer wissenschaftlicher Bereiche sind weniger gut recherchiert und nicht ganz so überzeugend dargestellt. Hier lässt allerdings auch die deutsche Übersetzung einiges zu wünschen übrig. Das hier eingeführte Kürzel "PKR" als Übersetzung von "PCR", (englisch: Polymerase Chainreaction, deutsch: Polymerase Kettenreaktion) existiert in keinem deutschsprachigen molekularbiologischem Lehrbuch oder Fachartikel und ist daher vollkommen falsch gewählt. Ein Fehler, der dem einigermaßen fachkundigem Leser Lachtränen in die Augen treibt.

Die Charakterisierung der handelnden Personen gelingt Kathy Reichs in diesem Roman sehr gut. Nicht nur die Hauptprotagonisten Tempe, der kanadische Polizist Ryan, sowie der guatemaltekische Ermittler Galiano sind ausgezeichnet charakterisiert, diese "Dreiecksbeziehung" wird auf sehr menschliche, gefühlsbetonte Art geschildert. Auch die Nebendarsteller sind zum großen Teil so gut beschrieben, dass man immer einen bestimmten Personentyp vor Augen hat.

Der Schreibstil der Autorin ist betont locker, sehr flüssig zu lesen. Sie verwendet auch in diesem Thriller immer wieder Hyperbeln und Metaphern. Teilweise sind sie so gewählt, dass sie sprachlich etwas holprig erscheinen und sehr übertrieben und klischeehaft wirken. K.R. schreibt sehr emotional, aber auch akribisch detailliert, wenn es um die forensische Arbeit oder um die Einbettung des Geschehens in den Handlungsort geht. Der Leser weiß immer ganz genau, wie das Stadtviertel oder die Landschaft, in der die Handlung gerade passiert, aussieht und erfährt meistens auch einiges über das soziale Milieu oder die Geschichte der Umgebung.

Der Thriller "Knochenlese" hat mir am Anfang sehr gut gefallen, zum Ende hin weniger, da einige Ungereimtheiten auftraten. Ich hatte das Gefühl, dass das Ende nicht mehr so sorgfältig ausgearbeitet wurde. Die Einbettung der Geschichte in ein brisantes politisches Thema fand ich sehr interessant. Noch besser hätte mir ein selbstkritisches Statement gefallen, angesichts der Tatsache, dass der amerikanische Geheimdienst CIA maßgeblich die Militärs im Bürgerkrieg in Guatemala unterstützt und so zu den Menschenrechtsverletzungen beigetragen hat. Im Verlauf der Geschichte tritt diese Historie etwas in den Hintergrund, stattdessen werden Mechanismen und Zusammenhänge konstruiert, die manchmal sehr zufällig erscheinen und denen es an Glaubwürdigkeit mangelt.

Fazit: alles in allem ein lesenswerter Thriller, der am Schluss nicht mehr ganz überzeugen kann.

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