Totengeld

Erschienen: Januar 2013

Bibliographische Angaben

  • Köln: Random House Audio, 2013, Seiten: 6, Übersetzt: Britta Steffenhagen

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Sabine Bongenberg
Weltpolizei

Buch-Rezension von Sabine Bongenberg Mai 2013

Wenn man hoch und heilig verspricht, nichts von der Lösung eines Krimis auszuplaudern darf man mit der Besprechung eines Buches sicherlich einmal mit den letzten Seiten beginnen. Hier drückt nämlich die amerikanische Autorin Kathy Reichs ihren tief empfundenen Dank an alle Angehörigen des amerikanischen Militärs aus und erklärt, dass "die standhafte Hingabe, der Mut und die Stärke unserer Truppen" sie zu diesem Buch inspiriert haben. Im Zusammenhang mit ihrem Buch "Totengeld" gesehen, sind damit die standhaften und mutigen Amerikaner gemeint, die derzeit in Afghanistan ihren Dienst verrichten und denen Frau Reichs offensichtlich ein besonderes Denkmal errichten will.

Grundsätzlich ist ja ein gewisser Patriotismus der jeweiligen Autoren und damit auch der Buch-Heldinnen oder Helden nicht unbedingt schädlich oder störend. Fraglich ist hier aber, ob und wie gut Botschaften recherchiert wurden, oder aber mehr oder weniger auf Erkenntnisse zurückgegriffen wird, die die Regenbogenpresse vermittelt.

 

Aber absolut keine Toleranz habe ich für einen Glauben, der nicht nur Mädchen jegliche Bildung verweigert, sondern zudem den Missbrauch von Frauen entschuldigt, sogar gutheißt. Für ein Dogma, dass Männern erlaubt, Angehörige meines Geschlechtes zu schlagen, zu verstümmeln, ja sogar zu töten. Mein einziges Vorurteil. Ich verachte die Taliban. Und ich glaube fest daran, dass die Arroganz und Grausamkeit ihrer Gefolgsleute von Unwissenheit, Angst und männlicher Unsicherheit herrühren

 

Die Heldin ihres Buches, die im freien Amerika aufgezogene, emanzipierte und gebildete Tempe Brennan verachtet also generell und global eine Volksgruppe, die in Armut, Bildungsmangel und mehr als schwierigen sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Umständen aufgewachsen ist und gegenüber Traditionen eine vollkommen andere Haltung einnimmt, als westliche Kulturen. Die Weltpolizei der USA muss also ausrücken, um diese schädlichen Einflüsse zurechtzurücken? Generell gilt also die gute Gleichung: Taliban = schleeeecht, USA = guuuut?

Und immer wieder eine Frage der "weiblichen Intuition"

Vermutlich hat aber auch Frau Reichs Lektorin darauf hingewiesen, dass die Autorin ja grundsätzlich nicht ihr Geld mit politischen Romanen, sondern mit Thrillern verdient und dass die Leserschaft ja so etwas erwartet. Daher entspinnt sich zu Beginn des Buches tatsächlich ein Auftakt, bei dem ein junges Mädchen offensichtlich vorsätzlich überfahren und getötet wurde. Aufgrund der Aufmachung des Opfers kommt die voreingenommen handelnde Polizei – in Gestalt von Detectiv Erskine "Skinny" Slidell – sofort zu dem Schluss, dass es sich um eine minderjährige, drogensüchtige Prostituierte handeln muss und behandelt den Fall mit dem daraus resultierenden Interesse. Die Anthropologin Tempe Brennan aber, die zufällig und ohne eigentlich zuständig zu sein zufällig auf den Fall stößt, kommt mit genau derselben Voreingenommenheit zu dem Schluss, dass genau diese Einreihung eben nicht zutreffen kann. Wie sie zu dieser Einsicht gelangt, bleibt im Großen und Ganzen ihre Geheimnis, aber schließlich muss es ja einen Grund geben, warum sie sich neben ihrem eigentlichen Beruf engagiert und mehr als motiviert in die Belange der ermittelnden Beamten einmischt.

Die Suche nach dem Täter gleicht dann bis zur Seite 164 des Buches einem Stochern im Nebel und ist ähnlich interessant, wie der Dialog zwischen einem Kunden und einem Apotheker, als ersterer in der Apotheke ein Schwarzbrot ("Führen wir nicht"), einen Rosinenstuten  ("Führen wir auch nicht") und dann zehn Brötchen verlangt und als er die nicht bekommt in den benachbarten Eisenwarenladen wechselt, um da seine Broteinkäufe fortzusetzen.

Nach dem Stillstand ihrer Ermittlungen werden Tempe und die bisher noch nicht eingeschlafenen Leser dadurch erlöst, dass auf die Heldin ein beruflicher Spezialeinsatz in Afghanistan wartet, dessen Zusammenhang beim jetzigen Stand des Buches zwar vollkommen unklar ist, aber immerhin ein bisschen Spannung und Leben in die bisher dahin tröpfelnde Handlung bringt. Hier kann Reichs auch wieder auf ihre eigentlich starke Seite abstellen, nämlich auf ihr fundiertes Wissen als Professorin für Anthropologie. Ob die detaillierte Darstellung der Untersuchung von Opfern eines Schusswechsels jetzt tatsächlich die Handlung vorantreibt, sei einmal dahingestellt, aber hier bietet die Darstellung der Untersuchung einen interessanten Einblick in die Arbeitsweise dieser Berufsgruppe. Dennoch fragt sich auch hier der Leser mit steigender Irritation, was dieser Exkurs mit der eigentlichen Thematik – dem Tod der jungen Frau – zu tun haben soll.

Ausdauer wird doch noch belohnt!

Immerhin wer auch diesen zweiten Teil des Buches überstanden hat, wird im dritten Teil des Romans für seine Ausdauer belohnt. Endlich, endlich nimmt die Handlung Fahrt auf, die Ermittlungen führen nicht nur in Sackgassen und es kommt – salopp formuliert – endlich "Leben in die Bude". Hier zeigt Reichs, dass sie Spannungsbögen konstruieren und halten kann und dass ihre Heldin dann eben doch nicht nur auf der Basis "weiblicher Intuition" agiert. Spannend auch, wie das bisher lose Netz der verschiedenen Handlungsstränge zu einem stimmigen Muster verknüpft wird wenn auch hier verschiedene Stilmittel der Geschichte bekannte Elemente aufzeigen. So muss auch der Showdown der Geschichte wieder mal auf die Figur der Heldin, die zuletzt allein dasteht, die Polizei nicht erreicht, ihr Handy nicht findet undsoweiterundsofort zurückgreifen – dennoch ist dieses Alptraumszenario nicht unspannend. Wenn auch sicherlich vorhersehbar. Aber bezogen auf den dritten Teil ist dieser Kritikpunkt schon Meckern auf höherem Niveau.

Zusammengefasst kann zum "Totengeld" daher keine einheitliche Bewertung abgegeben werden. Der erste Teil ist als Nachtlektüre und Einschlafhilfe als positiv zu bewerten, der zweite Teil bietet interessante Berufseinblicke und der dritte Teil hilft endlich dem angekündigten und versprochenen Thriller zu seinem Recht. Ob sich Leser damit zufrieden geben, sei allerdings dahingestellt. Bei einem Roman von 443 Seiten ist es schon eine Prüfung, wenn erst auf Seite 295 Spannung aufkommt, andererseits ist das ja auch besser als nichts.

Dennoch muss hier einmal zum Ausgangspunkt der Kritik zurückgegangen werden und die nicht interessante Frage bedacht werden, wer den Schwachen und Schutzbedürftigen der Weltbevölkerung größeren Schaden zugefügt hat – die in traditionellem Irrglauben handelnden Taliban oder die aufgeklärte amerikanische Gesellschaft.

Totengeld

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Letzte Kommentare:
08.03.2014 10:52:04
krimifan67

Ich habe aller Bücher der Tempe-Brennan-Reihe verschlungen und dieses mit Spannung erwartet. Aber ich war wirklich enttäuscht. Der Kriminalfall ist wirklich an den Haaren herbeigezogen. Und dann diese
Reise nach Afghanistan und der wirklich widerliche amerikanische Patriotismus, der geradezu aus diesem Buch trieft. Die Amerikaner haben wirklich eine für uns Europäer teilweise unverständliche Sicht auf die Dinge. Puh. Das war schon etwas viel. Vorbei scheinen die Zeiten, wo diese Bücher wirklich spannend waren. Unendliche medizinische Vorträge lassen das Buch dann noch zäher werden. Ich war froh, als ich es endlich ausgelesen hatte. Von mir keine 30°.

31.01.2014 11:40:03
Murphy

Uh, mein erstes Buch dieser Autorin und wohl auch das letzte seiner Art? Wie viel hat sie von der amerikanischen Firma erhalten damit sie immer deren Produkte nennt?
Gruselig.
Die Handlung habe ich ehrlich gesagt lange Zeit nicht verstanden. Von der Autorin habe ich mir wirklich mehr versprochen. Das Buch bleibt mit Sicherheit nicht im Regal, dafür ist mir der Platz zu kostbar. Schade.

18.11.2013 20:58:07
Irmgard Kolbe

Habe heute dieses Buch meiner Krimilieblingsautorin abgeschlossen.Mit einigen Durchhängern...soviel medizinische Geheimnisse die ich gar nicht wissen will und muss.
Die eigentliche Handlung lässt sich auf wenige Sätze reduzieren.Im Privaten auch alles Katastrophe.Mh..
Immer dabei aber ihr 120 prozentiger Einsatz und ernstgemeinte Emphatie für die Opfer.Ich mag ihre Ernsthaftigkeit den Fällen gegenüber...bei den Dialektkrimis mit Kochrezepten, Haustieren und durchgeknallten Serienmördern kann man schon mal den Glauben an die Moral im Menschen verlieren.
Meisterwerk ist ihr neues Werk leider keines.