Mordrausch

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • New York: G. P. Putnam’s Sons, 2010, Titel: 'Storm prey', Seiten: 408, Originalsprache
  • München: Goldmann, 2011, Seiten: 368, Übersetzt: Sonja Hauser

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Michael Drewniok
Brutale Dummheit überrascht kriminalistisches Genie

Buch-Rezension von Michael Drewniok Mär 2011

Dr. Weather Karkinnen arbeitet als Ärztin in einem großen Krankenhaus in Minneapolis, US-Staat Minnesota. Gerade steht die medizinisch komplizierte und für die Patientinnen lebensgefährliche Trennung eines siamesisch am Kopf zusammengewachsenen Schwesternpaars im Baby-Alter an.

Zur selben Zeit und einige Stockwerke tiefer zieht Joe Mack zusammen mit seinen Kumpanen "Shooter" Chapmann und Mikey Haines einen Medikamentenraub durch. Ein drogensüchtiger Arzt in Geldnot hat Lyle Mack, Joes Bruder und Drahtzieher des Unternehmens, verraten, wie man in das nur mäßig gesicherte Krankenhaus-Lager eindringen und wieder verschwinden kann. In der Tat entkommt das Trio mit reicher Drogenbeute. Allerdings hat Haines eher versehentlich einen Wachmann umgebracht.

Die Kriminalpolizei schickt Lucas Davenport, der nicht nur ein erfahrener Ermittler, sondern auch der Ehemann von Dr. Karkinnen ist. Die hat durch einen Zufall einen Blick auf die flüchtigen Gangster werfen können, was diesen nicht unbemerkt blieb. Nun überlegen sie, wie man die lästige Zeugin ausschalten könnte. Leider sind sowohl die Brüder als auch Haines zwar entschlossen und brutal aber geistig katastrophal unterbelichtet. Als sie entscheiden, Weather Karkinnen umbringen zu lassen, heuern sie für diesen Job ausgerechnet den jugendlichen Psychopathen Caprice "Cappy" Garner an, der kriminellen Ruhm und einem Heldentod anstrebt.

Da Cappy kriminell ansonsten ebenso untauglich wie seine Auftraggeber ist, misslingt ein erster Anschlag auf die Ärztin. Davenport, der im Gangstermilieu gefürchtet ist, nimmt die Spur auf und kann erste Erfolge verzeichnen. Die Macks werden kopflos und beschließen, sich Chapman, den unfreiwilligen Mörder und möglichen Zeugen der Anklage, vom Hals zu schaffen. Auch dieser Plan misslingt gründlich. Angst und Panik lösen eine Kettenreaktion bizarrer und brutaler Gewalt aus, die an Geschwindigkeit und Wucht zunimmt und schließlich sämtliche Beteiligte, aber auch ahnungslose Unschuldige in den Abgrund zu reißen droht ...

Der Gentleman-Verbrecher und der gemeine Strolch

Der Mörder ist im Kriminalroman seit jeher eine besondere Figur. Nicht grundlos gab der Journalist und Schriftsteller Thomas de Quincey (1785-1859) einem berühmten Essay den Titel "On Murder Considered as One of the Fine Arts" (1827; dt. "Der Mord als eine der schönen Künste betrachtet"), ist doch der Mensch ein ganz besonderes Wild! Verständlicherweise überwiegt beim "literarischen" Mord das Spannungsmoment, da niemand wirklich ins Gras beißen muss. Deshalb kann sich der Leser (halbwegs) guten Gewissen der Tricks und Schlichen erfreuen, die erforderlich werden, will ein Mörder erst sein Opfer erwischen und anschließend dem Gefängnis oder gar dem Henker entkommen.

Daraus resultierte das Profil eines "perfekten" Mörders, der über besondere Fähigkeiten auf der Basis einer überragenden Intelligenz verfügt. Zwar trifft er in der Regel auf einen Detektiv oder Polizisten, der ihm im entscheidenden Moment überlegen ist, doch bis es soweit ist, dominiert das kapitalkriminelle Genie, das seine Übeltaten vorbringt, während er seinen Verfolgern Schnippchen um Schnippchen schlägt.

Dem steht die nüchterne Realität gegenüber: Morde werden ersten vor allem im Affekt und zweitens von nicht gerade geistesstarken Zeitgenossen verübt. Detailfrohe Planung wird durch brutale Gewalt ersetzt. Das Ergebnis ist gruselig aber keineswegs spannend, weshalb es kein Wunder ist, dass die meisten Mörder recht bald entlarvt, gefasst und verurteilt werden.

Den Repräsentanten dieses verbrecherischen Proletariats singen nur wenige Autoren Loblieder, obwohl der Krimi keineswegs auf sie verzichten möchte: Lange fristete der vor allem brutale Killer sein Dasein als Handlanger des eigentlichen Strolches, der ihm die kriminelle Drecksarbeit überließ. Wie jede/r weiß, der zwei, drei James-Bond-Thriller gesehen hat, erwischt es diese Erfüllungsgehilfen stets vor dem Finale.

Blinde bzw. dumme Hühner finden auch Körner

Die ultimative Verschmelzung von Genie und Killer erfolgte vor noch gar nicht langer Zeit. Thomas Harris setzte mit Hannibal Lecter einen modernen Modell-Psychopathen in die Krimi-Welt, die seither von Lecter-Klonen heimgesucht wird, die ihre Zeit primär darauf verwenden, schockierende Untaten in Szene zu setzen. Inzwischen sind alle möglichen Scheußlichkeiten eigentlich abgehakt, weshalb diese blutigen Schurkereien immer öfter ins lächerlich Übertriebene abgleiten.

Ausgerechnet John Sandford sorgt nun für eine Renaissance des einfach nur dummen Verbrechers. Hat eine Serie, die nicht unbedingt auf Plot-Raffinesse, sondern auf Action setzt, den 20. Band erreicht, rechnet der Leser nicht mehr mit Neuem. Das Publikum solcher Reihen erwartet vor allem auf bekannte, bewährte und beliebte Routinen, die höchstens abgewandelt werden. Wer einen Lucas-Davenport-Thriller gelesen hat, kennt das Muster, nach dem Sandford strickt: So sollte man meinen, aber immer wieder sorgt der erfahrene Profi für Überraschungen.

Mordrausch ist trotz des (auch im US-Original) beliebigen, nichtssagenden Titels ein erstaunlich unterhaltsamer Roman. Sandford sorgt für Spannung, indem er gegen scheinbar in Stein gravierte Regeln verstößt. So ist Lucas Davenport zwar ein Ausnahme-Ermittler, der in der Regel jedem Unhold bald auf die Schliche kommt. Er profitiert dabei von einschlägigen Erfahrungen, die ihm das Rotlichtmilieu, seine Angehörigen und ihre Denkweisen nahegebracht haben. Genau diese Kenntnisse können Davenport dieses Mal nicht helfen; sie behindern ihn sogar, weil er nach Mustern dort sucht, wo stattdessen Chaos herrscht. Die Brüder Mack und ihre Spießgesellen sind Hohlköpfe. Dass ihnen der Überfall auf eine Krankenhaus-Apotheke und vor allem die anschließende Flucht dennoch gelingt, liegt in erster Linie in der Drastik dieser Aktionen begründet, zu der sich die von Sandford immer wieder glaubhaft heraufbeschworene Tücke des Objekts gesellt: Murphy's Law gilt auch für die Polizei.

Die kurze, heftige Herrschaft der Einfalt

Davenport und seine Kollegen können lange nicht glauben, dass sie es mit Idioten zu tun haben. Die Irrationalität der Macks wird zusätzlich verstärkt durch die Anheuerung eines geistesgestörten Serienkillers sowie die Zusammenarbeit mit einem drogensüchtigen und deshalb ebenfalls unberechenbaren Arztes, der zu allem Überfluss den Killer in sich entdeckt und ausleben will.

So setzt sich eine Spirale aus Gewalt und Gegengewalt in Gang, deren Drehgeschwindigkeit die Polizei völlig überfordert. Mordrausch liest sich auch deshalb so interessant, weil der ansonsten so entscheidungsfreudige Davenport den Geschehnissen ungewöhnlich ratlos hinterherhechelt. Überhaupt ist er zeitweise überflüssig: Die Gangster sind derartig intensiv mit ihren Konflikten beschäftigt, dass die Polizei im Grunde nur abwarten müsste, bis sie sich selbst ausgerottet haben.

Die Ereignisse nehmen an Gewalt und Irrsinn stetig zu, überschlagen sich, lösen neue, noch bizarrere Verwicklungen aus. Ausgerechnet die Macks werden zu Anti-Helden, die zunehmend fassungslos betrachten, was sie in Gang gesetzt haben. Kein Wunder, dass sogar Davenport sein Mitgefühl nicht verhehlen kann, was zu einem beinahe versöhnlichen und vor allem völlig unerwarteten Epilog führt. Bis es soweit ist, schreitet die Handlung ohne Längen voran. Man kann nur bewundern, wie souverän Sandford die Fäden in der Schreibhand behält. Hinzu kommt eine Ökonomie, die man wohl beherrschen muss, wenn man nicht nur mit hoher Schlagzahl eine Serie fortsetzt, sondern auch weitere Thriller schreibt.

Sandford verzichtet nicht auf den heute üblichen Seifenschaum, indem er seine Helden auch mit privaten Aufregungen konfrontiert, aber er lässt diese Seitenstränge nie die Zentralhandlung überwuchern oder sie gar zu jenem Geschwätz ausarten, mit dem ideenarme oder faule Autoren nur zu gern Seiten schinden. So ist es möglich, dass man sich nach der Lektüre doppelt freut: über ein handwerklich hochwertiges Stück Unterhaltung und auf Davenport-Band 21!

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