Puppenspiel

  • Manhattan
  • Erschienen: Januar 2002
  • London: Orion, 2001, Titel: 'The Falls', Originalsprache
  • München: Manhattan, 2002, Seiten: 635, Übersetzt: Christian Quatman
  • München: Goldmann, 2004, Seiten: 635, Übersetzt: Christian Quatman
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Michael Drewniok
95°

Krimi-Couch Rezension von Michael Drewniok Sep 2003

Gaslicht-Grusel & Hightech-Horror

Das Leben besteht aus Veränderungen ... meist nicht zum Besseren, so denkt jedenfalls John Rebus, von vielen Dämonen geplagter Inspektor bei der Mordkommission im Revier St. Leonard´s Street, gelegen in der schottischen Metropole Edinburgh. Er wird alt, ist einsam, die verhasste Pensionierung rückt bedrohlich näher, er grübelt, trinkt und raucht zuviel, und nun tritt auch noch Hauptkommissar "Farmer" Watson, sein gern gezwiebelter, aber respektierter Feind und Vorgesetzter, in den Ruhestand. An seine Stelle rückt Gill Templer, deren Geduldsfaden nicht so dick ist wie der ihres Vorgängers, und die ihn sogar zum Amtsarzt zu schicken droht, was Rebus im eigenen Interesse und überaus trickreich zu sabotieren weiß.

Da Diplomatie nicht zu Rebus´ Stärken gehört, bringt er in seinem neuen Fall wieder einmal Freund & Feind gegen sich auf. Die junge Studentin Philippa, Tochter des steinreichen Privatbankiers John Balfour, ist spurlos aus ihrem Luxusappartement in Edinburgh verschwunden. Hauptverdächtiger ist ihr Freund David Costello, selbst kein Kind armer Eltern, der zugeben muss, sich im heftigen Streit von Philippa getrennt zu haben. Echte Beweise gibt es allerdings nicht. Als sich Rebus sich gegenüber Balfour senior, der forsch auf rasche Klärung drängt und politische Verbindungen spielen lässt, nicht gerade taktvoll verhält, nimmt ihn Hauptkommissarin Templer rasch aus der Schusslinie. Sie schickt ihn in das kleine Landstädtchen Falls, über dem der schlossähnlichen Stammsitz der Balfours thront. Dort ist an einer Quelle ein bizarrer Miniatursarg gefunden worden, in dem eine grob geschnitzte Puppenfrau lag. Wider Erwarten wird Rebus durch diese Entdeckung aus seiner Lethargie gerissen. Er stellt Nachforschungen an und kommt zu dem bemerkenswerten Ergebnis, dass solche Puppensärge in Schottland schon früher auftauchten: genauer gesagt in den Jahren 1972, 1977, 1982 und 1995 - und stets dort, wo wenig später Leichen gefunden oder vermutet wurden; Mordopfer, um genau zu sein, und diese Fälle blieben stets ungeklärt.

1836: Kinder entdecken in einer Höhle 17 Särge

Aber es wird noch seltsamer: Dr. Jean Burchill, die als Historikerin im Schottischen Nationalmuseum arbeitet (und bald auch privat an unserem einsamen Polizisten interessiert ist), setzt Rebus über ein Rätsel der Edinburgher Lokalgeschichte in Kenntnis: 1836 hatten Kinder in einer Höhle nahe der Stadt gleich 17 Särge der bekannten Machart entdeckt. Die Zahl der Särge entspricht der Zahl der unglücklichen Männer und Frauen, die von den berüchtigten Leichenhändlern Burke & Hare in den späten 1820er Jahren in Edinburgh ermordet und an die Anatomie der Universität verschachert wurden.

Gibt es eine Verbindung zwischen diesen einer X-Akte würdigen Vorfällen - und womöglich eine Verbindung zum Verschwinden von Philippa Balfour, oder versucht da ein kriminalhistorisch bewanderter Verbrecher Verwirrung zu stiften? Aber auch modernste Hightech kommt ins Ermittlungsspiel, als sich herausstellt, dass Philippa Teilnehmerin eines Online-Rollenspieles war, dessen Erfinder, der mysteriöse "Quizmaster", nun die Herausforderung annimmt, die mit Philippas Tod zu Ende gegangene Partie mit der Kriminalpolizei von Edinburgh fortzusetzen ...

Nicht das Maß, aber das Dutzend ist voll - und John Rebus wieder voll da! Nach Der kalte Hauch der Nacht, dem heillos überfrachteten elften Band der Serie, besinnt sich Ian Rankin wieder auf seine Stärken. Er verschlankt den Plot (was bei einem mehr als 600 Seiten starken Band leicht paradox erscheint; dazu unten mehr) und vermeidet vor allem die endlosen Handlungs-Ellipsen und Nebenfiguren, die den Lesern des Hauches den Lesespaß ziemlich vergällt hatten, denen es einfach zu schwer fiel, sich in diesem Dickicht noch zurecht zu finden.

Rebus pur - ein neues Kapitel im Leben des schottischen Wallander-Bruders

Statt dessen gibt es endlich wieder Rebus pur, und das bedeutet - wenn man denn eine Schublade sucht - ein neues Kapitel im Leben des schottischen Wallander-Bruders. Nie traf dieser zunächst verblüffende Vergleich so ins Schwarze wie dieses Mal, denn die Parallelen sind inzwischen mehr als deutlich geworden. Das beginnt beim stets trostlosen Wetter, setzt sich in den bekannten Klageliedern über die verrottende Welt der Gegenwart fort und mündet in der Lebensbeschreibung eines Mannes im lange ungebremsten Fall. Doch einen gravierenden Unterschied gibt es: Rankin ist gern und wirklich witzig, wo seinem schwedischen Schriftsteller-Kollegen jeglichen Humor abgeht.

Dazu kommt Rankins Hassliebe zu Edinburgh und seinen Bewohnern, die er als Produkt einer bewegten, insgesamt recht düsteren Vergangenheit betrachtet:

 

Offenbar hatte sich in Edinburgh das Geschäft mit der Grausamkeit schon von jeher großer Beliebtheit erfreut, eine Barbarei, die sich nur notdürftig hinter einer Fassade der Wohlanständigkeit und der strikten Gesetzestreue verborgen hatte. (S. 533)

 

Rankin ist ein ausgewiesener Kenner der Edinburgher Stadtgeschichte, was er u. a. durch eine Reihe von Radio-Kurzgeschichten um den Dienstmann und Reisebegleiter Cullender im ausgehenden 18. Jahrhunderts unter Beweis stellt. Puppenspiel greift dagegen auf eine etwas jüngere historische Episode zurück, die zu den berüchtigtsten überhaupt gehört und Eingang in den Kanon des klassischen Unterhaltungs-Horrors gefunden hat. Die "Auferstehungsmänner", die Leichen stahlen und verkauften, trieben natürlich auch in anderen europäischen Städten ihr Unwesen, doch in und durch Edinburgh erinnert man sich ihrer in der ganzen Welt, weil "Burke & Hare" zu ähnlichen Schauergestalten wie Dr. Jekyll & Mr. Hyde und Jack the Ripper oder hierzulande der Schinderhannes, Klaus Störtebecker oder Dieter Bohlen wurden.

Die Rätsel des "Quizmasters"

Natürlich gibt es zwischen den seltsamen Särgen von 1836 und denen des späten 20. Jahrhunderts keine direkte Verbindung; das dürfte wohl keine Überraschung sein, denn Rankin schreibt mit den Rebus-Romanen schließlich keine historischen Thriller. Er lässt die Gaslicht-Romantik eher beiläufig und niemals aufdringlich einfließen. Hier sind es vor allem die Rätsel des "Quizmasters", die nicht nur den Kriminalbeamten aus der St. Leonard´s Street, sondern auch dem Leser einen Grundkurs in Edinburgher Geschichte verschaffen. Rätsel musste Rebus übrigens schon mehrfach lösen; schließlich gaben sie ihm sogar den Namen. Dieses Mal werden sie digital präsentiert, und Rebus selbst hält sich heraus: An solchen Details wird deutlich, dass Rankin verständlicherweise langsam Schwierigkeiten bekommt, seinem Helden kriminell Neues widerfahren zu lassen.

Die Kritik ist ihn im angelsächsischen Sprachraum weiterhin mehr als gewogen, während die Rebus-Rezeption in Deutschland bereits in die nur hier so ausgeprägte nächste Phase eingetreten ist: Der zunächst weitgehend uneingeschränkten Zustimmung folgte inzwischen die partielle oder sogar totale Verdammung, denn wer im Land der Dichter, Denker und Neider allzu groß zu werden droht, wird rasch von der Kritik gestutzt, die auf diese Weise gleichzeitig Wachsam- und Unbestechlichkeit demonstriert. Aber während Rankin-Kollegen wie Elizabeth George oder Martha Grimes mit ähnlich dienstalten Helden inzwischen nur noch unfreiwillige Krimi-Parodien zusammenpfuschen, ist Rebus immer noch einige Lesestunden wert.

Schätzt der Leser das dicke Buch?

Es sind übrigens nicht so viele wie der Leser zunächst meint, der die deutsche Ausgabe von Puppenspiel in den Händen hält; es müssen schon beide sein, da sonst die Gefahr besteht, sich eine Gelenkzerrung zuzuziehen ... Früher hätten wahrscheinlich etwa 400 Seiten ausgereicht, doch diese Geschichte wurde in wirklich GROSSEN Lettern auf dünne Holzbrettchen gedruckt, was eine zwar künstlich aufgeblähte, aber wichtig wirkende Schwarte entstehen ließ: Angeblich schätzt der deutsche Leser nicht so sehr das inhaltlich überzeugende, sondern vor allem das dicke Buch, weil es ihm (oder natürlich ihr) die zufriedenstellende Gewissheit beschert, einen anständigen Gegenwert für sauer verdiente (T)Euros zu erhalten.

Puppenspiel

Ian Rankin, Manhattan

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