Blutschuld

Erschienen: Januar 2003

Bibliographische Angaben

  • London: Orion, 1993, Titel: 'Mortal Causes', Originalsprache
  • München: Goldmann, 2003, Seiten: 384, Übersetzt: Giovanni & Ditte Bandini
  • München: Goldmann, 2009, Seiten: 380

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Michael Drewniok
Die Betulichkeit des klassischen britischen Kriminalromans verulkend

Buch-Rezension von Michael Drewniok Sep 2003

Mary King's Close ist einer jener bizarren Orte, an denen die schottische Großstadt Edinburgh so reich ist: ein im 17. Jh. errichteter Straßenzug, der in späterer Zeit komplett überbaut wurde und vollständig erhalten unter die Erde geraten ist. Der beliebte und gruselige Ausflugsort bekommt nun eine neue Attraktion, als in einer historischen Metzgerei die grausam verstümmelte Leiche eines jungen Mannes gefunden wird. Er hat einen "Six-pack" bekommen, d. h. ihm wurden vor dem Tod systematisch Arme und Beine zerschossen - eine typische Terroristen-Strafe für "Verräter".

Inspektor John Rebus von der Kriminalpolizei übernimmt den Fall. Der gewinnt ganz neue Dimensionen, als die Identität des Toten feststeht: Es ist der Sohn des gefürchteten "Big Ger" Cafferty, der fest die Zügel des organisierten Verbrechens in Edinburgh in der Hand hält. Rebus kennt ihn gut, er hat sich schon einige Male mit Cafferty gemessen und ihn zuletzt auch hinter Gitter schicken können (vgl. "Verschlüsselte Wahrheit", Goldmann-TB Nr. 45015). Aber "Big Ger" ist auch hinter Gittern immer noch präsent, und nun will er Rache. Er schickt seine Handlanger aus, die rücksichtslos den oder die Mörder suchen und bestrafen sollen. Für Informanten gibt es eine hohe Belohnung, für unwillige Helfer den Tod.

Der Polizei droht ein Gangsterkrieg

Der Polizei droht ein regelrechter Gangsterkrieg, der zu eskalieren beginnt, als nordirische und schottische "Freiheitskämpfer" für den Mord an Cafferty jr. verantwortlich gemacht werden können. Die IRA hält sich zwar dieses Mal heraus, aber es gibt genug andere militante und paramilitärische Gruppen, die gern in die Bresche springen.

Der unwillige Rebus, der als junger Mann in Nordirland gedient hat, wird an eine Sondereinheit, das Scottish Crime Squad, "ausgeliehen". Dort heißt man ihn nicht willkommen, der Geheimdienst mischt sich ein und hält Informationen zurück, Cafferty macht Rebus persönlich für die Aufklärung des Mordes an seinem Sohn verantwortlich und schickt mehrfach seine Leute, um den Inspektor zu "ermuntern", die Terroristen werden allmählich aufmerksam ... Viel Verdruss für John Rebus, der nichtsdestotrotz mit der ihm eigenen Sturheit seinen Spuren folgt, während um ihn herum die korruptiv wohlgeordnete kleine Welt von Edinburgh aus den Angeln gerät ...

Mischung aus Krimi und Polit-Thriller

Das sechste John Rebus-Abenteuer ist eine spannende Mischung aus Krimi und Politthriller. Ian Rankin lässt immer wieder die brisante politische Gegenwart Schottlands in seine Romane einfließen. Nach wie vor kann von einer echten Einheit zwischen "Engländern" und "Schotten" nicht gesprochen werden. Erstere fühlen sich ihren nördlichen Nachbarn überlegen, letztere sind erbost darüber, und beide Seiten lassen einander ihre Vorbehalte und Vorurteile deutlich spüren.

Dritter im unheiligen Bunde ist Irland, von dem ein nördliches Stück zu Großbritannien gehört, was bekanntlich seit vielen Jahrzehnten für blutige Querelen sorgt. Rankin ruft uns ins Gedächtnis, dass nur ein schmaler Streifen Meer Nordirland von Schottland trennt. Für militante Gruppen ergeben sich da gewisse Möglichkeiten, denn der Feind meines Feindes könnte ja bekanntlich mein Freund sein. So tun sich denn immer wieder schießwütige Nordiren mit unzufriedenen Schotten zusammen und nutzen die Ferne zu London, Waffen aller Art via North Channel auf die irische Insel zu schaffen.

Die Sinnlosigkeit der Miniatur-Bürgerkriege

Höchste Politik ist hier im Spiel. Nordirland ist für die britische Regierung ein ewiger Pfahl im Fleisch. Militär, Polizei und Geheimdienste liefern sich auch untereinander einen erbitterten Kleinkrieg und arbeiten eher gegen- als miteinander. Dabei ist das Milieu unübersichtlich und brandgefährlich genug. Nicht nur die IRA, sondern viele Splittergruppen kochen ihr eigenes revolutionäres Süppchen. Die Sinnlosigkeit dieser Miniatur-Bürgerkriege weiß Rankin für seine Geschichte gut und deprimierend einleuchtend zu nutzen. Er verschweigt auch nicht, dass sich die "klassischen" Terroristen zunehmend mit dem organisierten Verbrechen einlassen und die Übergänge allmählich fließend werden.

Was uns zurück zum klassischen Kriminalroman bringt. Ein zweiter Handlungsstrang erzählt die Geschichte vom Mord am Sohn eines Gangsterbosses. Auch daraus ergibt sich sofort eine vielversprechende Ausgangssituation, die man aus anderen Buch- und Filmkrimis kennt. Rankin kann sie für eine rasante und witzige Variation nutzen, in der John Rebus auf seine typische Art unerwartete Akzente setzt. Er ist wirklich wie ein Terrier, dem man den Kiefer brechen müsste, um ihn von einer Spur abzubringen, in die er sich verbissen hat, wie ein missgünstiger Kollege es einmal formulierte.

Großartige Kulissen

Wieder wird die Stadt Edinburgh optimal in das Geschehen integriert. Großartige Kulissen wie das versunkene Mary King's Close künden von einer komplexen Vergangenheit, die ihre Spuren bis in die Gegenwart hinterlässt. Gleichgültig ob Obrigkeitswillkür, Korruption oder Elend - Rebus fällt in Vertretung Rankins stets eine Anekdote ein, die deutlich macht, dass Edinburgh zu allen Zeiten ein gefährliches Pflaster war, auf dem allzu brave Bürger, Idealisten und andere Dummköpfe leicht ins Rutschen geraten können.

Wobei die Vergangenheit eine feste Größe und ganz sicher nicht tot ist. Das gilt für Edinburgh, die alte Stadt mit ihrer zum Teil recht bizarren Geschichte, ebenso wie für John Rebus, den die aktuellen Ereignisse zwingen in einen Teil seines Lebens zurückzukehren, den er mehr oder weniger verdrängt hatte.

Rebus´ wenig glorreiche Zeit als Soldat in Nordirland

Rebus' wenig glorreiche Zeit als Soldat in Nordirland und später bei einer Spezialeinheit hat ihm ein ewiges Trauma und einen ausgeprägten Widerwillen gegen Hierarchien beschert. Beides setzt sich bis in die Gegenwart fort. Bis auf "Verborgene Muster", den ersten Band der Rebus-Serie, ging Ian Rankin bisher nicht weiter darauf ein. Erst jetzt öffnet er uns dieses Kapitel aus dem Leben seines schwierigen Helden weiter.

Vieles wird nun deutlicher. Angesichts der unerfreulichen Erlebnisse der Vergangenheit hält sich der Rebus der Gegenwart sogar ganz gut. Seine Freunde und Kolleginnen, die wenig über seine Vergangenheit kennen, würden das freilich nicht bejahen. Sie müssen wieder einmal unter den exzentrischen Verdrießlichkeit des verschlossenen Mannes ordentlich leiden. Besonders hart trifft es natürlich Brian Holmes und Siobhan Clarke, Rebus' viel geprüfte Mitarbeiter und inoffizielle Schüler. Ihr Meister knausert mit Informationen und kleidet Lob und Ansporn gern in Ironie. Trotzdem wissen sie gut, was sie an Rebus haben.

"Farmer" Watson und "Fart" Lauderdale

Diese Meinung teilt Chief Superintendent "Farmer" Watson, der die Qualitäten seines widerborstigen Untergebenen trotz ständiger Reibereien gut kennt und diesem mehr als einmal den Rücken freihält, wenn Rebus wieder über die Stränge schlägt, recht unorthodoxe Fahnungsmethoden einführt, die Medien oder die gesellschaftliche Führungsschicht vor den Kopf stößt und seinen Intimfeind bei der Polizei, Chief Inspector "Fart" Lauderdale, vorsätzlich bis aufs Blut reizt.

"Big Ger" Cafferty hat sich seit seinem ersten Auftritt sichtlich weiterentwickelt - wenn auch nicht zum Besseren. Seine kriminelle Energie ließ sich durch die Haft nur kanalisieren, nicht bremsen. Cafferty regiert nicht nur weiter Edinburghs Unterwelt, sondern hat sogar das Gefängnis unter seine Kontrolle gebracht. Sein bisher nicht vermuteter Familiensinn überrascht zunächst, aber "Big Ger" bleibt sich treu und lässt in seiner Rachsucht eine Spur des Terrors durch die Stadt ziehen.

Fazit: Wieder ein Lesegenuss (wozu auch die Übersetzung beiträgt), der ungeduldig macht auf den nächsten Fall des Inspektors Rebus.

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